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Wir können es schaffen

von Wolfgang Kessler 31.12.2018
Man könnte sagen: Auch 2018 war wieder ein katastrophales Jahr. Aber das hieße, jene Hoffnungszeichen zu übersehen, die für 2019 Kraft geben. Kesslers Kolumne
Der Sprung ins Jahr 2019: Ein eher dunkles Jahr verlassen, ein helles vor uns? Es gibt Anlass zur Hoffnung, findet Wolfgang Kessler (rechts). (Fotos: istockphoto/oatawa; privat)
Der Sprung ins Jahr 2019: Ein eher dunkles Jahr verlassen, ein helles vor uns? Es gibt Anlass zur Hoffnung, findet Wolfgang Kessler (rechts). (Fotos: istockphoto/oatawa; privat)

Zugegeben, auch 2018 erlebten wir eine Welt mit vielen kriegerischen Konflikten, humanitären Katastrophen und Vorboten künftiger Katastrophen: Wie anders könnte man über den grausamen Krieg im Jemen sprechen, über das Elend der aus Myanmar geflohenen Rohingyas, über den fast schon vergessenen Krieg in der Ostukraine, über Hunderttausende, die aus ihrer Heimat fliehen müssen oder über Tausende Opfer von Wirbelstürmen, Dürren und Waldbränden – Folgen der Erderwärmung. »Heißzeit« lautet ja das Wort des Jahres.

Kesslers Kolumne

Die Hoffnungsgeschichten von 2018

Aber 2018 erzählt auch andere Geschichten. In Deutschland zeigten endlich auch jene Gesicht, die für eine tolerante, weltoffene Gesellschaft eintreten. Mehr als 250.000 Menschen demonstrierten in Berlin für eine »unteilbare« Gesellschaft. Zuvor waren Zehntausende in München gegen die Hetze und den Hass auf die Straße gegangen. »Ausgehetzt« hieß ihr Motto. Und damit nicht genug. Im und am Hambacher Forst machten Zehntausende deutlich, dass sie die Natur nicht weiter dem kompromisslosen wirtschaftlichen Wachstum opfern wollen.

Und wer befürchtet hatte, bei den Landtagswahlen in Bayern und Hessen würden die Menschen die AfD stärken, kann sich trösten: Die Bürger machten ihrem Ärger über die Politik der Großen Koalition Luft, stärkten aber vor allem den Grünen den Rücken. Und (partei-)politische Alternativen zu den Regierenden waren nicht »nur« in Deutschland gefragt. In den USA errangen die Demokraten eine Mehrheit im Repräsentantenhaus.

Angela Merkels »Wir schaffen das« und die Folgen

»Wir schaffen das«: Mit diesem mutigen Satz spaltet Bundeskanzlerin Angela Merkel seit drei Jahren Deutschland. Inzwischen widerlegt die Integrationspolitik jene, die diesem Satz keine Chance geben. Drei Jahre, nachdem eine Million Menschen kamen, gehen 216.000 Flüchtlinge aus den wichtigsten Herkunftsstaaten Syrien, Irak, Iran, Pakistan, Afghanistan, Somalia, Eritrea und Nigeria einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nach – sie zahlen Steuern und Sozialbeiträge. Insgesamt arbeiten inzwischen 400.000 Flüchtlinge.

Natürlich hat der Flüchtlingszuzug auch Probleme gebracht, die nicht verschwiegen werden dürfen: Mit den Fliehenden vor Krieg und Unterdrückung kamen auch gewaltbereite Leute; so mancher Flüchtling tut sich schwer mit der Kultur von Demokratie, toleranter Ausübung der Religion oder Gleichberechtigung von Männern und Frauen. Dennoch zeigt die Integrationspolitik, dass wir es schaffen können.

AKK und die neuen Zeichen in der Politik

Auch die Delegierten der CDU haben auf ihrem Parteitag Zeichen gesetzt. Dass Annegret Kramp-Karrenbauer (AKK) nach vielen offenen Debatten in einer konservativen Volkspartei gegen die beiden machthungrigen Alphamänner Friedrich Merz und Jens Spahn zur CDU-Vorsitzenden gewählt wurde, ist mehr als eine Fußnote der Geschichte. Ihr Sieg beweist historische Veränderungen in der größten Volkspartei: Die Zeit der Macker ist zu Ende. Auch wer eher mit dem Florett ficht, hat eine Chance. Ein kleines, aber durchaus nicht unwichtiges Zeichen für die demokratische Kultur in Deutschland.

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Die Botschaft der Klimakonferenz von Kattowitz

Kaum jemand hat auch nur einen Pfifferling auf die UN-Klimakonferenz in Kattowitz gegeben. Dennoch erzwang der Druck der Klimabewegung einen Teilerfolg: Die Regierungen verabschiedeten ein Regelwerk, an dem der Klimaschutz künftig gemessen werden soll. Und wichtig ist: Die Länder können ihre Klimaziele erreichen, wie sie wollen, müssen aber regelmäßig über die Reduktion von Treibhausgasen berichten. Das klingt nach wenig, kann aber wirkungsvoll sein: Denn auf internationalem Parkett will jede Regierung Blamagen vermeiden. Doch künftig blamiert sich, wer keine Klimapolitik betreibt. Sogar die US-Amerikaner verhandelten in Kattowitz überraschend engagiert mit. Und die Deutschen haben viel Arbeit vor sich, wollen sie sich nicht blamieren.

Noch ist die Wende nicht geschafft, aber...

Noch immer toben Autokraten wie Trump, Erdogan, Putin, Xi Jinping und ab Neujahr auch der selbst ernannte Folterfreund Jair Bolsonaro in Brasilien ihren Machthunger aus. Und noch längst ist nicht sicher, ob die Große Koalition in Deutschland endlich die großen Zukunftsfragen Gerechtigkeit, Klimaschutz, umweltgerechte Wirtschafts und demokratische Digitalisierung angeht – oder ausblendet wie 2018.

Eines jedoch hat 2018 gezeigt: Mehr Menschen als noch vor Jahren kämpfen für Demokratie, für eine offene Gesellschaft, für Klimaschutz, für soziale Gerechtigkeit – in den Parteien und auf den Straßen. Und mehr Menschen als je zuvor sind bereit, sich zu verändern. Noch nie wurde in Deutschland so viel Neues ausprobiert wie zur Zeit: Car-Sharing, Kleider teilen, Technik reparieren statt neu kaufen; gemeinsames Wohnen im Alter, Genossenschaften gründen, Geld anders anlegen, einfacher leben, anders essen. Das macht Hoffnung.

Denn die Erfahrung aus früheren Jahren ist: Wenn sich die Menschen bewegen, bewegt sich auch die Politik.

Wir können es schaffen.

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