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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 11/2020
Mission impossible
Kolonialismus und Rassismus in christlichem Gewand
Der Inhalt:

Sturmtruppe der Moral

von Ulrike Scheffer vom 14.06.2020
Das Zentrum für Politische Schönheit stellte Asche von Holocaustopfern aus, um gegen das Vergessen zu protestieren. Nun fragt sich die Gruppe, ob das ein Fehler war – und wie Aktionskunst nach den Bildern von Corona-Toten noch provozieren kann
Provokateur: Philipp Ruch hat das Zentrum für Politische Schönheit gegeründet (Foto: pa/Nietfeld)
Provokateur: Philipp Ruch hat das Zentrum für Politische Schönheit gegeründet (Foto: pa/Nietfeld)

Als die Särge aus Italien in Berlin ankamen, das war ein radikaler Moment. Die Toten erobern den Ort ihrer Träume, den sie lebend nicht erreichen konnten. Weil alle weggeschaut haben, niemand zu Hilfe kam. Das hatte etwas Unerhörtes – und berührte unmittelbar das Gewissen. Genau so war es geplant. Von Philipp Ruch und seinen Mitstreitern vom Berliner Zentrum für Politische Schönheit (ZPS). »Die Toten kommen« gehört zu den spektakulärsten Aktionen der Gruppe, die sich – fast schon dadaistisch – als »Sturmtruppe für moralische Schönheit« bezeichnet. »Wir vertreten den radikalen Humanismus – an der Schnittstelle zwischen Aktionskunst und Menschenrechten«, heißt es auf der Homepage des ZPS.

Die Radikalität der Gruppe schlägt sich immer wieder in Tabubrüchen nieder. Für »Die Toten kommen« brachte sie 2015 die Leichen von im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlingen nach Deutschland, um sie mit großem Medienrummel in Berlin zu beerdigen. Schon damals wurde debattiert: Darf man das? Tote für politische Aktionskunst missbrauchen? Als die Truppe im vergangenen Jahr eine Stele gefüllt mit Asche und Gebeinen jüdischer Holocaustopfer mitten im Berliner Regierungsviertel aufstellte, wurde die Frage erneut gestellt – und von den meisten, die sich öffentlich äußerten, mit einem klaren »Nein« beantwortet.

Für die Stele will das ZPS menschliche Überreste an Schauplätzen des Genozids gesammelt haben. Die Aktion wollte sie als Protest gegen das Vergessen verstanden wissen, als provokanten Fingerzeig darauf, dass die Überreste von Holocaustopfern noch immer nicht überall geborgen sind, während in Deutschland längst wieder Nazis auf den Straßen marschieren.

Umstrittene Akt

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