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Dürfen wir Tierversuche machen?

von Gaby Neumann 17.03.2019
Nein, sie sind sinnlos und schädlich, sagt die Tierärztin Gaby Neumann. Weil Menschen und Tiere sich stark unterscheiden, bringen Tierversuche mehr Schaden als Nutzen. Die Publik-Forum-Debattenreihe »Streitfragen zur Zukunft«
Tierversuche sind unethisch und unzuverlässig, sagt Tierärztin Gaby Neumann, im Tierversuch gewonnene Erkenntinsse lassen sich kaum auf Menschen übertragen  (Fotos: jxfzsy/Istockphoto; privat)
Tierversuche sind unethisch und unzuverlässig, sagt Tierärztin Gaby Neumann, im Tierversuch gewonnene Erkenntinsse lassen sich kaum auf Menschen übertragen (Fotos: jxfzsy/Istockphoto; privat)

Nein, wir brauchen keine Tierversuche. Sie sind nicht nur unethisch den Tieren gegenüber – die gewonnenen Erkenntnisse lassen sich auch kaum auf Menschen übertragen. Mensch und Tier unterscheiden sich hinsichtlich Körperbau, Organfunktion, Stoffwechsel und Ernährung erheblich voneinander.

Streitpunkt Tierversuche

Zwar haben wir mit dem Schimpansen über 96 Prozent der Gene gemeinsam, mit der Maus immerhin noch 85 Prozent. Doch menschliches und tierisches Erbgut unterliegt teilweise einer völlig unterschiedlichen Steuerung. Deshalb bewirken die vier Prozent Unterschiede im Erbgut zwischen Mensch und Schimpanse, dass Letzterer beispielsweise nicht an Hepatitis B, Malaria oder Aids erkranken kann. ...

Viele beim Menschen auftretende Krankheiten kommen bei Tieren gar nicht oder selten vor. So erkranken Tiere weder an Alzheimer noch an Parkinson. In der Forschung werden sie deswegen gentechnisch, operativ, medikamentös oder verhaltenstechnisch manipuliert, bis sie Symptome entwickeln, die denen der Krankheit ähneln. ...

Obwohl Tierversuche nie auf ihre Gültigkeit überprüft wurden, gelten sie seit Jahrzehnten als Goldstandard in der biomedizinischen Wissenschaft. Dabei ist keine andere wissenschaftliche Methode so unzuverlässig und unberechenbar wie der Tierversuch. Welches Tier beziehungsweise welche Tierart genau so auf eine Substanz reagiert wie der Mensch, weiß man immer erst nach der Prüfung am Menschen. ...

Was im Tierversuch wirkt, hilft noch lange nicht beim Menschen

Konkret scheitern 95 Prozent aller Medikamente, die sich im Tierversuch als wirksam und unbedenklich erwiesen haben, in den anschließenden klinischen Phasen – weil sie bei Menschen nicht wirken oder hochgradige Nebenwirkungen zeigen. Selbst von den zugelassenen fünf Prozent wird später aufgrund schwerwiegender Nebenwirkungen etwa ein Drittel wieder vom Markt genommen oder mit Warnhinweisen versehen.

Und was ist mit all den Substanzen, die im Tierversuch aussortiert wurden, aber beim Menschen vielleicht funktioniert hätten? ...

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In den letzten Jahren haben die Versuche in der sogenannten Grundlagenforschung stark zugenommen. Aktuell sind in Deutschland über fünfzig Prozent aller Tierversuche diesem Bereich zuzuordnen. Ziel der Grundlagenforschung ist nicht ein konkreter Nutzen wie etwa Medikamenten- oder Therapiefindung. Stattdessen steht die Neugier des Forschers im Vordergrund; dem Ideenreichtum der Experimentatoren sind also keine Grenzen gesetzt.

In der Hirnforschung werden Affen dauerhaft über Bohrlöcher im Schädel Elektroden in bestimmte Hirnbereiche implantiert. Mit dem Hals in sogenannten Primatenstühlen fixiert, sodass sie sich kaum bewegen können, müssen sie Aufgaben an einem Monitor lösen, während über die Elektroden Hirnströme gemessen werden. Richtiges Verhalten wird mit Flüssigkeit belohnt. Als Vorbereitung dafür müssen die Tiere dursten, damit sie während der stundenlangen Sitzungen kooperieren.

Abgesehen von der ethischen Problematik, unsere nächsten Verwandten für Versuchszwecke zu missbrauchen, belegen immer mehr Studien die schlechte Vergleichbarkeit von Affen und Menschen. Relevante Erkenntnisse über psychische Krankheiten beim Menschen sind dagegen durch tierversuchsfreie Methoden wie Obduktionen oder Patientenstudien gewonnen worden, aber nicht durch Versuche an Affen. ...

Diskussionen darüber, ob Tierversuche vor Jahrzehnten Sinn machten, dienen der reinen Rechtfertigung. Wir leben im 21. Jahrhundert! Die heute verfügbaren Methoden haben den Menschen und dessen individuelle Krankheiten im Fokus. Bevölkerungs- und Patientenstudien, Obduktionen und Zellkulturen sind dabei nur der Anfang. Zu Zeiten von Computersimulationen, bildgebenden Verfahren und mikrofeinen Messmöglichkeiten ist es vollkommen inakzeptabel, weiterhin an einer veralteten und fehlerhaften Methode festzuhalten. ...

Respekt vor dem Leben der Tiere ist für viele Menschen der Hauptgrund, Tierversuche abzulehnen. Doch auch, wenn man den Menschen in den Fokus der ethischen Debatte stellt, ist diese Methode der falsche Weg. Denn es gibt kein ethisches Dilemma »Tierleid statt Menschenleid«. Stattdessen gibt es zahlreiche wissenschaftliche Belege dafür, dass der Tierversuch dem Menschen Schaden statt Nutzen bringt – und dass es auch anders geht.

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