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Der Staat als Räuberbande

von Michael Schrom 13.02.2019
»Das Private ist politisch«: Je länger das Festival läuft, desto mehr Fragezeichen muss man hinter diesen ursprünglichen Sponti-Spruch machen, der der diesjährigen Berlinale als Motto dient
Berlin und die Kunst: Das Logo der Berlinale spiegelt sich in einem Wasserlauf auf dem Potsdamer Platz. (Foto: pa/Fischer)
Berlin und die Kunst: Das Logo der Berlinale spiegelt sich in einem Wasserlauf auf dem Potsdamer Platz. (Foto: pa/Fischer)

Nicht dass er falsch wäre – aber er ist schlicht unterkomplex. Das Motto bleibt einem im Hals stecken, wenn man etwa den spektakulären Film »Vice« von Adam McKay (vgl. Filmtipp in der kommenden Printausgabe) sieht, der das Berliner Premierenpublikum verzückt hat.

In einer irrwitzigen Mischung aus Komödie, Tragödie, Politdrama und investigativer Recherche zeichnet McKay den Werdegang des amerikanischen Vizepräsidenten Dick Cheney (glänzend gespielt von Christian Bale) nach, der es geschafft hat, im Laufe seiner Karriere immer mehr Macht auf sich zu vereinen. Dazu nutzt er seine Privatkontakte im Politikbetrieb, die er von vorneherein unter dem Gesichtspunkt des größtmöglichen Nutzens aufgebaut hat. Wie es dieser Clique gelingt, von einem demokratischen System zu profitieren, das sie im Grunde verachten, ist beängstigend, auch wenn der schräge Humor des Regisseurs kein Auge trocken lässt.

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Auf dem anderen Ende der Skala bewegt sich der italienische Mafia-Film »La Paranza dei Bambini« von Claudio Giovannesi. Hier hat der Staat schon längst die Kontrolle verloren. Es lohnt nicht einmal mehr, den Weg durch die Institutionen anzutreten, um einmal ganz oben anzukommen. Die »Bezirksbürgermeister« von Neapel, dem Schauplatz des Filmes, sind Drogenhändler, Waffenschieber und andere Mafios. Die »Steuer« ist das sogenannte Schutzgeld, welches Händler, Geschäftsleute und Restaurantbesitzer im Viertel zu leisten haben. Einkassiert wird es von den Banden, meist Jugendliche ohne Perspektive, die sich bei den Banden und Clans verdingen. Ein Machtwechsel vollzieht sich nicht durch Wahlen, sondern immer nur dann, wenn es ein Machtvakuum gibt. Dann gilt es, sich als neue Herren zu inszenieren – mithilfe von Gewalt. In diesem »politischen« Setting versucht der idealistische fünfzehnjährige Nicola (Francesco di Napoli) zunächst seine Mutter, die eine kleine Reinigung betreibt, von den Schutzgeldererpressern zu erlösen. Weil er die Gunst der Stunde nutzen kann, kontrolliert er mit seinen minderjährigen Truppe bald selbst ein Stadtviertel und erlässt die Schutzgeldzahlungen. Doch dann gerät er immer tiefer in die Mechanismen der Mafia und erliegt ihren Gesetzen.

Das Private ist politisch – in diesem Film bekommt der Satz einen völlig anderen Klang. Giovannesi zeigt nicht nur, wie die Banden immer jünger und brutaler werden. Sein Film ist auch ein Lehrstück über Staatsversagen. Auch der Staat kann zu einer Räuberbande werden. Schneller, als einem lieb sein kann.

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