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von Friedrich Schorlemmer 17.02.2012Druckversion ohne Bilder

Wulff geht, die Bürde bleibt

Der lange überfällige Rücktritt Christian Wulffs ist für das Land keineswegs erlösend. Für ihn selbst erst recht nicht, auch wenn er den Eindruck erweckt, er sei ganz mit sich im Reinen. Ein Gastkommentar von Friedrich Schorlemmer

Ein Präsident braucht Vertrauen und persönliche Glaubwürdigkeit - zumal einer, der in Reden betont hat, dass Politiker ihren Vorbildrollen gerecht werden müssten. Christian Wulff hat unwürdige zehn Wochen überstanden. Er hatte gar gemeint, dieses »Stahlgewitter« nach zwölf Monaten unbeschadet hinter sich zu haben. Er hat sich getäuscht.

Dieser Niedersachse konnte im menschlichen Umgang etwas Sympathisches und Zugewandtes ausstrahlen. Aber er hatte den Blick dafür verloren, worin der Unterschied zwischen Freundschaft, Zweckgemeinschaft und Günstlingswirtschaft besteht. Er kann zwar beraten werden, muss aber selber wissen, was er tut. Hat's nun an guten Ratgebern gefehlt oder am inneren Kompass gemangelt?

Sein Name bleibt verbunden mit Vorteilsnahme aus geradezu kleinlicher Vergünstigungsgier. Naivität ist das nicht. Sonst gäbe es keinen Wulffschen Wutausbruch auf einer Mail-Box der Bild-Zeitung, mit dem er versuchte, die Berichterstattung über seine Schnäppchenjagd zu unterbinden. Und es gäbe auch keinen »Nord-Süd-Dialog« von zweifelhafter Berühmtheit. Bisher hatte ich immer gedacht, es handele sich um den Dialog zwischen der reichen Nordhälfte der Welt und der armen Südhälfte, nicht um ein Glanz- und Glamourfest von Baden-Württembergs und Niedersachsens Elite. Christian Wulffs erzwungenen Bekenntnisse der letzten Wochen haben mich eines Besseren belehrt.

Wenn er jetzt sagt, »die Entwicklung« habe gezeigt, dass er das Vertrauen, das in diesem Amt nötig ist, nicht mehr fände und seine Wirkungsmöglichkeiten »nachhaltig« beeinträchtigt seien, so mogelt er sich mit dem Wort »Entwicklung« wiederum aus seiner eigenen Verantwortung heraus. Er selber zeigt sich überzeugt, dass eine rechtliche Klärung ihn ganz entlasten würde, denn er habe sich stets korrekt verhalten und sei immer aufrichtig gewesen.

Die mediale Begleitmusik zum »Fall Wulff« bekam am Ende ebenso unwürdige Züge wie eine Verteidigungslinie des Bundespräsidenten, die von Uneinsichtigkeit, Widersprüchlichkeit und fehlender Transparenz geprägt blieb. Zwischen einem Bundespräsidenten und »Seiner Majestät« besteht auch der Unterschied, dass ersterer sich bohrenden Fragen der Presse in einem freien Land stellen muss, sofern es Fragen sind, die sein Amt betreffen.

Er hat sich vermauert und sodann bestimmt, mit wem er nach längerer Zeit überhaupt redet. Und dann wundert er sich, dass die Presse ihre Wege nutzte, um alles - auch Persönliches, Verletzendes - in Erfahrung zu bringen? Was zu Tage kam und wie es gerechtfertigt wurde, das war einfach nur noch peinlich.

Warum nur ist er nicht zurückgetreten, bevor es zum Antrag der Staatsanwaltschaft auf Aufhebung seiner Immunität kam? Die Kanzlerin verlor heute kein Wort darüber, dass der Bundespräsident die Probleme selbst herbeigeführt hatte, die schließlich einen Amtsverzicht unausweichlich machten. Das alle belastende Siechtum dieser zehn Wochen ist würdelos gewesen.

Wenn Wulff betont, er sei immer aufrichtig gewesen, so wünsche ich ihm jetzt, dass er mutig ist und einen beruflichen Neuanfang nach 34-jähriger Politkarriere sucht und findet. Dem Gesetz nach erhält der 52-Jährige einen sogenannten Ehrensold, und zwar lebenslang - nach weniger als zwei Jahren im Amt. Was denkt darüber jemand, der schuldlos seine Arbeit verliert und nach einem Jahr bei Hartz IV landet? Wulff täte dem Land, für das er sich in seinen Ämtern zweifellos engagiert hat, einen großen Dienst, wenn er jetzt nach drei bis vier Monaten »Karenzzeit« eine ihm entsprechende berufliche Aufgabe suchte und zugleich auf jene üppige Ausstattung ausdrücklich verzichtete. Das brächte ihm Respekt.

Der lange überfällige Rücktritt Christian Wulffs ist für das Land keineswegs erlösend. Für ihn selbst erst recht nicht, auch wenn er den Eindruck erweckt, er sei ganz mit sich im Reinen. Ein Gastkommentar von Friedrich Schorlemmer

Ein Präsident braucht Vertrauen und persönliche Glaubwürdigkeit - zumal einer, der in Reden betont hat, dass Politiker ihren Vorbildrollen gerecht werden müssten. Christian Wulff hat unwürdige zehn Wochen überstanden. Er hatte gar gemeint, dieses »Stahlgewitter« nach zwölf Monaten unbeschadet hinter sich zu haben. Er hat sich getäuscht.

Dieser Niedersachse konnte im menschlichen Umgang etwas Sympathisches und Zugewandtes ausstrahlen. Aber er hatte den Blick dafür verloren, worin der Unterschied zwischen Freundschaft, Zweckgemeinschaft und Günstlingswirtschaft[1] besteht. Er kann zwar beraten werden, muss aber selber wissen, was er tut. Hat's nun an guten Ratgebern gefehlt oder am inneren Kompass gemangelt?

Sein Name bleibt verbunden mit Vorteilsnahme[2] aus geradezu kleinlicher Vergünstigungsgier. Naivität ist das nicht. Sonst gäbe es keinen Wulffschen Wutausbruch auf einer Mail-Box der Bild-Zeitung, mit dem er versuchte, die Berichterstattung über seine Schnäppchenjagd zu unterbinden. Und es gäbe auch keinen »Nord-Süd-Dialog« von zweifelhafter Berühmtheit. Bisher hatte ich immer gedacht, es handele sich um den Dialog zwischen der reichen Nordhälfte der Welt und der armen Südhälfte, nicht um ein Glanz- und Glamourfest von Baden-Württembergs und Niedersachsens Elite. Christian Wulffs erzwungenen Bekenntnisse der letzten Wochen haben mich eines Besseren belehrt.

Wenn er jetzt sagt, »die Entwicklung« habe gezeigt, dass er das Vertrauen, das in diesem Amt nötig ist, nicht mehr fände und seine Wirkungsmöglichkeiten »nachhaltig« beeinträchtigt seien, so mogelt er sich mit dem Wort »Entwicklung« wiederum aus seiner eigenen Verantwortung heraus. Er selber zeigt sich überzeugt, dass eine rechtliche Klärung ihn ganz entlasten würde, denn er habe sich stets korrekt verhalten und sei immer aufrichtig gewesen.

Die mediale Begleitmusik zum »Fall Wulff«[3] bekam am Ende ebenso unwürdige Züge wie eine Verteidigungslinie des Bundespräsidenten, die von Uneinsichtigkeit, Widersprüchlichkeit und fehlender Transparenz geprägt blieb. Zwischen einem Bundespräsidenten und »Seiner Majestät« besteht auch der Unterschied, dass ersterer sich bohrenden Fragen der Presse in einem freien Land stellen muss, sofern es Fragen sind, die sein Amt betreffen.

Er hat sich vermauert und sodann bestimmt, mit wem er nach längerer Zeit überhaupt redet. Und dann wundert er sich, dass die Presse ihre Wege nutzte, um alles - auch Persönliches, Verletzendes - in Erfahrung zu bringen? Was zu Tage kam und wie es gerechtfertigt wurde, das war einfach nur noch peinlich.

Warum nur ist er nicht zurückgetreten, bevor es zum Antrag der Staatsanwaltschaft auf Aufhebung seiner Immunität kam? Die Kanzlerin verlor heute kein Wort darüber, dass der Bundespräsident die Probleme selbst herbeigeführt hatte, die schließlich einen Amtsverzicht unausweichlich machten. Das alle belastende Siechtum dieser zehn Wochen ist würdelos gewesen.

Wenn Wulff betont, er sei immer aufrichtig gewesen, so wünsche ich ihm jetzt, dass er mutig ist und einen beruflichen Neuanfang nach 34-jähriger Politkarriere sucht und findet. Dem Gesetz nach erhält der 52-Jährige einen sogenannten Ehrensold, und zwar lebenslang - nach weniger als zwei Jahren im Amt. Was denkt darüber jemand, der schuldlos seine Arbeit verliert und nach einem Jahr bei Hartz IV landet? Wulff täte dem Land, für das er sich in seinen Ämtern zweifellos engagiert hat, einen großen Dienst, wenn er jetzt nach drei bis vier Monaten »Karenzzeit« eine ihm entsprechende berufliche Aufgabe suchte und zugleich auf jene üppige Ausstattung ausdrücklich verzichtete. Das brächte ihm Respekt.

Der nächste Präsident wird’s erstmal nicht leicht haben, nach allem, was nun an Bürde auf dem Amt des Bundespräsidenten liegt. Ich finde: Klaus Töpfer mit seiner global erwiesenen Kompetenz sollte sich zur Wahl stellen. Er wäre jener »überparteiliche« Kandidat, nach dem nun endlich auch Frau Merkel sucht.

Friedrich Schorlemmer wurde 1944 im brandenburgischen Wittenberge geboren. Der evangelische Theologe und Publizist war prominenter Protagonist der Opposition in der DDR und ist heute unter anderem Mitglied des deutschen PEN-Zentrums und des Netzwerks attac. Er lebt in der Lutherstadt Wittenberg.

Links in diesem Artikel:
[1] http://www.publik-forum.de/politik-gesellschaft/artikel/affaere-wulff-anstand-braucht-abstand-online
[2] http://www.publik-forum.de/politik-gesellschaft/artikel/boulevard-bundespraesident-online
[3] http://www.publik-forum.de/politik-gesellschaft/artikel/wackelkandidat-wulff-online

Artikel-URL: http://www.publik-forum.de/politik-gesellschaft/artikel/wulff-geht-die-wut-bleibt-online

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   // Kommentare
19.02.2012 16:57
Hans Oehler  Die Kausa Wulff ist ein exemplarisches Beispiel für die über Jahrzehnte gewachsene Verbandelung von Politik und Wirtschaft.
Wir brauchen »Quereinsteiger« in der Politik die sich durch Fachkenntnisse und Unbelastetsein empfehlen.
Der Wechsel von 2 Bundespräsidenten in weniger als 2 Jahren sollte dazuführen, die Apanage dieses Amtes auf ein vertretbares Maß zu reduzieren: Pro Dienstjahre 2 Jahre Vergünstigungen wie eigener Fahrer, Sekretärin ect. Auch die Ruhestandsbezüge unserer »Super-Beamte« sollten auf den Prüfstand kommen. Ohne, dass es die Bevölkerung merkte haben wir einen »neuen Adel« bekommen: die Höhere Staatsbeamtenschaft!
18.02.2012 12:00
Hanna Leinemann  Christian Wulff hat sich selbst durch seine Worte, die wiederum Schuld nur bei anderen, niemals bei sich selbst suchten, einen zutiefst würdelosen Abgang verschafft. Er ist sich selbst kein Freund - wie sollte das ein anderer für ihn sein! Er ist nur, was sein Gegenüber ihm spiegelt - einen eigenen inneren Spiegel für sein Tun hat er nicht. Wer ist man denn, wenn man in sich selbst bis in sein Alter hinein so leer ist? - Den Ehrensold, der einem Bundespräsidenten zusteht, erhielte er doch wohl nur, wenn er aus politischen Gründen so früh sein Amt aufgibt, nicht aus persönlichen Gründen, vor allem auch nicht mit dem Antrag auf Immunitätsaufhebung, der bestimmt gut begründet war und nicht leichtfertig gestellt wurde, im Hintergrund. Vielleicht hat er die Zahlung des Ehrensoldes aber mit Angela Merkel für den Rücktritt ausgehandelt - zutrauen würde ich es beiden, leider! -