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Vatikan-Gate: "Wir sind nicht Papst!"

Dossier: Wir sind nicht Papst

Die Affäre Benedikt

Von Britta Baas und Thomas Seiterich

Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass ein Papst eben nicht unfehlbar ist – Benedikt XVI. hat ihn geliefert. Die Rückkehr der Piusbrüder in den Schoß der Kirche war von langer Hand vorbereitet. Der Papst handelte in diesem Fall nicht in seiner Rolle als Lehrer der Kirche – so gesehen berührte er mit seiner Entscheidung für die Traditionalisten-Bischöfe das Dogma der Unfehlbarkeit in Glaubens- und Sittenfragen nicht. Dennoch machte er aller Welt offenbar: Er ist ein Papst, der katastrophal falsch entscheiden kann.

Wie konnte es dazu kommen? Warum ist eine Bruderschaft wie die der Lefebvrianer in der Lage, das Pontifikat des Benedikt in neuem, grellem Licht erscheinen zu lassen? Eine Bruderschaft mit gerade einmal knapp 500 Priestern rund um den Erdball, davon ganze 47 in Deutschland?

Die »Affäre Benedikt« hat ihren Anfang nicht im Januar 2009. Sie beginnt mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil Mitte der 1960er-Jahre. Der französische Traditionalist Marcel Lefebvre nimmt an diesem Konzil als Erzbischof teil – und ist so erschüttert von den Ergebnissen, dass er in der Folge öffentlich mit dem Konzil bricht. Die unerlaubte Weihe von vier Bischöfen seiner schismatischen Bruderschaft führt zur Exkommunikation. Lefebvre lässt das nicht zweifeln. Noch in einer seiner letzten Predigten im Jahr 1990 bekennt er: »Wegen des Abfalls vom Glauben, der in Rom herrscht, müssen wir mit ansehen, wie die Seelen in Massen der Hölle zustreben.« Und Benedikt? Als Berater ist auch der junge, aufstrebende Theologe aus Bayern – damals natürlich noch unter seinem Geburtsnamen Joseph Ratzinger – beim Konzil. Anschließend macht er eine gewaltige Karriere, die ihn am Ende an die Spitze der Weltkirche führt. Doch trägt er die Ergebnisse des Konzils wirklich mit?

Seine Amtsführung als Papst lässt daran von Beginn an zweifeln. Nicht nur, dass er die Liturgiereform des Konzils relativiert, indem er die alte lateinische Messe rehabilitiert und eine die Juden brüskierende Karfreitagsbitte für deren Läuterung wieder einführt. Nein, er setzt Zeichen um Zeichen einer Rückwärtsgewandtheit, die die Weltkirche in Unruhe versetzt. 2006 beleidigt er die Muslime in seiner Rede über die Vernunft in Regensburg. Er relativiert im selben Jahr die Schuld der Deutschen am Hitlerregime. Und er stärkt systematisch die reaktionären Kräfte – Theologen, Orden, einzelne Klöster – in der Kirche, die vieles vom Geist Lefebvres übernommen haben, ohne selbst schismatisch zu sein.

Theologisch wird der Papst – für seine Leistungen als Dogmatik-Professor gerühmt – zum Grundsatzautor: Sein Buch über Jesus wird millionenfach verkauft – und von Kollegen an europäischen Universitäten verrissen. Doch diese Fachdiskurse bleiben einer breiten Öffentlichkeit verborgen. Ebenso wie die kirchenintern immer heftiger werdende Kritik an seiner Amtsführung. Dieser Papst ist mit zu vielen Vorschusslorbeeren gestartet, als dass man ihn schnell als das entlarven würde, was er ist: eine Fehlbesetzung auf dem Stuhl Petri.

Die Krise der Weltkirche – die die Rücknahme der Exkommunikation der Lefebvrianer offensichtlich gemacht hat – existiert schon länger. Der unverbesserliche Holocaust-Leugner Richard Williamson hat mit seinen unsäglichen Thesen nur den Finger in eine Wunde gelegt, die schwärt und schwärt. Sie zeigt das Innere der römischen Kirche unter Führung Benedikts. Dieses Innere besteht aus großer Skepsis gegenüber dem modernen, demokratischen Staat, der sich nicht mehr von »Gottes Stellvertreter auf Erden« lenken und leiten lässt. Es besteht aus einer tief sitzenden Angst vor einem wahrhaft offenen Dialog der Religionen. Und es besteht aus einer fatalen Liebelei mit totalitären, vor den Unbilden des »Säkularismus« vermeintlich schützenden Gedankenwelten.

Und so beantwortet sich in der Rückschau auf die Zeiten des Konzils und die folgende Entwicklung des Joseph Ratzinger die Frage nach dem Grund für seine – nun öffentliche – Hinwendung zu den Lefebvrianern: Benedikt hat eine so große Nähe zu ihnen, dass es ihm nicht schwerfällt, sich mit ihnen zu versöhnen. Vielleicht ist dieser Papst selbst viel mehr Lefebvrianer als weltoffener Katholik? Eine Frage, die er sich jetzt stellen muss. Und von deren Beantwortung einiges abhängt. Sehr viel sogar.



von Britta Baas und Thomas Seiterich, erschienen in Publik-Forum Ausgabe 3/2009, Seite 26, am 13.2.2009

 

 


 
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