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Vatikan-Gate: "Wir sind nicht Papst!"

Dossier: Wir sind nicht Papst

15 Stimmen zur Benedikt-Affäre

»2008 starb die deutschstämmige Argentinierin Ellen Marx in Buenos Aires. Die Jüdin war vor den Nazi-Schergen geflohen und verlor ihre Tochter an die Folterknechte des argentinischen Obristenregimes. Bis heute hat die katholische Kirche nicht die Mittäterschaft reaktionärer katholischer Kleriker und Laien an den Folterungen, Morden und dem Verschwindenlassen von über 30 000 argentinischen Regimegegnern aufgearbeitet. Stattdessen hat sie die Exkommunikation von vier ultrareaktionären Bischöfen aufgehoben, die wie ordinäre Fundamentalisten Glaubens- und Gewissensfreiheit als Abfall vom wahren Glauben geißeln und nach der großkotzigen menschenverachtenden Art der Diktatoren die Menschenrechte und die Demokratie verächtlich machen. Wer je mit Folteropfern und Unterdrückten zu tun hatte, dem wird angesichts dieser Entscheidung übel: So darf die Kirche Jesu Christi nicht handeln!«
Christa Nickels, Parlamentarische Staatssekretärin a. D., Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK)


»Die Aufnahme eines Holocaust-Leugners und die Bischofsernennung eines Priesters, der den Tod von Menschen als Strafe Gottes bezeichnet, sind für Jugendliche unverständlich. Sie werden in Freundeskreis, Schule, Ausbildung damit konfrontiert. Sie müssen etwas rechtfertigen, was sie nicht mittragen können. Als Teil der Kirche arbeiten wir ständig mit jungen Leuten, wir sind Kritik gewohnt und tragen auch schwierige Entscheidungen der Kirche mit. Aber jetzt macht uns der Papst das Leben schwer.«
Dirk Tänzler, Vorstand im Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ)


»Benedikt XVI. ist in Gefahr, als Papst der Brüskierung in die Geschichte einzugehen: Erst hat er den Protestanten das Kirchesein abgesprochen, dann dem Islam in seiner unglückseligen Regensburger Rede Unmenschlichkeit bescheinigt, und jetzt stößt er die Juden vor den Kopf, indem er einen Holocaust-Leugner in die Kirche eingliedert. Es ist an ihm, das nach rechts abdriftende Schiff der Kirche wieder in die Mitte zu steuern. Kurz: Wir brauchen einen Obama als Papst.«
Hans Küng, Präsident der Stiftung Weltethos, katholischer Theologe und einstiger Weggefährte Joseph Ratzingers


»Wir fordern den Papst jetzt auf, auch unsere Exkommunikation zurückzunehmen! Das würde die Behandlung von Frauen als Kirchenmitglieder zweiter Klasse bis zu einem gewissen Grad korrigieren. Anders als die Piusbrüder stehen wir fest zum Zweiten Vatikanischen Konzil. Das hat ja unter anderem erklärt: ›Jede Form einer Diskriminierung muss überwunden werden.‹ Benedikt, wir warten auf ein Zeichen!«
Ida Raming, Theologin, Mitglied der internationalen Organisation Römisch-katholischer Priesterinnen (RCWP), 2003 exkommuniziert


»Was ist nur los in Rom? Wenn die Weltkirche wieder Platz hat, warum nicht für Befreiungstheologen oder für einen, der einst die Kirche erneuern wollte? Martin Luther ist nicht auf römische Rehabilitation angewiesen. Doch was wird aus dem bereichernden ökumenischen Geist? Verehrter, lieber Johannes XXIII., bitte für uns!«
Friedrich Schorlemmer, evangelischer Theologe und freier Publizist in Wittenberg


»Wenn von ›Kommunikationspanne‹ und ›vatikanischer Schlamperei‹ die Rede ist, ist das ein Skandal. Denn die Wahrheit ist: Der Papst bleibt sich treu. Er bleibt dem Kardinal treu, der mit Diktatoren die Befreiungstheologie blutig unterdrückte, der kritische Theologinnen bekämpfte, der sein verknöchertes Kirchenbild zur Norm erhob. Dass Antisemitismus in dieses widerliche Weltbild gut passt, überrascht jetzt viele – doch die Piusbrüder reden Klartext. Vielleicht schafft es die weltweite Empörung, ihn politisch zu erziehen.«
Bernd Hans Göhrig, Initiative Kirche von unten (IKvu)


»Wir wollen keine Holocaust-Leugner in der Kirche. Das infame Credo des Traditionalistenbischofs Williamson hat nichts, aber auch gar nichts mit dem Christentum zu tun. Zumal dieser 1988 von Lefebvre zum Bischof Geweihte seit Jahren solch verbrecherische Ungeheuerlichkeiten von sich gibt. Der Papst setzt durch den Gnadenakt gegenüber diesem Holocaust-Leugner ein schlimmes Zeichen.«
René Girard, Religionsphilosoph, in dem von vielen prominenten Franzosen getragenen Appell der katholischen Intellektuellen, veröffentlicht in der Zeitschrift La Vie (www.lavie.fr)


»Die Kampagne gegen Benedikt XVI. sprengt alle Proportionen. Die Aufhebung der Exkommunikation bedeutet nur, dass der Betroffene wieder in der Beichte die Lossprechung erhalten und dass er die heilige Kommunion wieder empfangen darf; außerdem muss er nicht ohne die Tröstungen der Sakramente der Kirche sterben. Das ist alles. Wir erklären unsere Solidarität mit dem Heiligen Vater und unsere Enttäuschung über viele unserer Glaubensbrüder angesichts dieser geballten Medienkampagne.«
Monika Rheinschmitt, Vorsitzende der Laienvereinigung Pro Missa Tridentina


»Der Vatikan hat klargemacht, dass er jede Form von Antisemitismus verurteilt. Die Piusbruderschaft genießt keinerlei rechtliche Anerkennung in der Kirche. Auch haben ihre vier Bischöfe weiterhin keine Funktion, noch üben sie rechtmäßig irgendein Amt in der Kirche aus ... Herr Williamson ist unmöglich und unverantwortlich. Ich sehe jetzt keinen Platz für ihn in der Kirche.«
Robert Zollitsch, Erzbischof und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz


» Es muss eine Selbstverständlichkeit sein, dass das Verbrechen des Holocaust in der Kirche und außerhalb nicht verharmlost wird … Der Papst hat deutlich demonstriert, dass auch ein Papst hier nicht unfehlbar ist. Ich kann der katholischen Kirche hierzulande nur empfehlen, hier keinen falschen Gehorsam zu zeigen. Ich bin und bleibe Mitglied der katholischen Kirche. Ich gehe nicht.«
Franz Müntefering, Bundesvorsitzender der SPD


»Warum wurde die Wiederaufnahme der Piusbrüder nicht an glasklare Bedingungen geknüpft? Diese nachsichtige Toleranz entspricht nicht dem üblichen Stil der Kirche. Es ist bitter, dass die Kirchenführung offen für die Falschen und unsensibel für das Richtige und Wichtige ist. Aber der massenhafte Protest Gläubiger gegen Holocaust-Leugnung und die Gegner des Konzils stärkt meine Überzeugung, in der richtigen Gemeinschaft zu sein.«
Andrea Fischer, Bundesgesundheitsministerin a.D., 2001 wieder in die Kirche eingetretene Katholikin


»Schon 1993, als der heutige Papst als Leiter der Glaubenskongregation nach Paris reiste und fast eine Einigung mit Levebvre ausgehandelt hatte, war ich sehr skeptisch. Ich hielt die Formulierung (Ratzingers), es sei beim Konzil eher um pastorale und nicht so sehr um dogmatische Fragen gegangen, für viel zu weich.«
Kardinal Karl Lehmann, von 1987 bis 2008 Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz


» Mit seinem Akt ›väterlicher Barmherzigkeit‹ gegenüber einem reaktionären Antisemiten hat sich Joseph Ratzinger, der derzeit im Vatikan als Papst fungiert, im Zweifel auf die Seite aller Antisemiten geschlagen und damit das zarte Pflänzchen Vertrauen, das der katholischen Kirche seit dem Zweiten Vaticanum von Juden und Jüdinnen entgegengebracht wurde, vernichtet.«

Micha Brumlik, Professor für Pädagogik, jüdischer Ökumeniker


»Wenn Papst Benedikt nicht nur von Kollegialität reden würde, sondern sie – so, wie es das Konzil will – praktiziert hätte, dann wäre dieser kirchendiplomatische Super-GAU vermieden worden. Die Reform der Kurie und ihrer Politik ist unaufschiebbar, soll das Kirchenschiff, das schon jetzt starke Schlagseite nach rechts hat, nicht kentern. Der Kurs unserer Kirche ist einzig die Linie des Konzils. Dies zeigt auch die große internationale Zustimmung zu unserer Petition www.petition-vaticanum2.org.«
Christian Weisner, Bundesteam Wir sind Kirche


»Wenn durch eine Entscheidung des Vatikans der Eindruck entsteht, dass es die Leugnung des Holocausts geben könnte, dann kann das nicht ohne Folgen in Rom stehen bleiben. Es geht hier darum, dass vonseiten des Vatikans und des Papstes sehr eindeutig klargestellt wird, dass es keine Leugnung geben kann und dass es einen positiven Umgang mit dem Judentum geben muss.«
Angela Merkel, Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland


erschienen in Publik-Forum Ausgabe 3/2009, Seite 27, am 13.2.2009

 

 


 
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