Er hat seine römisch-katholische Kirche wieder vereinen wollen – durch die Aufnahme der 1988 unerlaubt geweihten Traditionalistenbischöfe. Doch Benedikt XVI. erreicht exakt das Gegenteil: Dieser Papst spaltet die Kirche. Der Pontifex aus Deutschland erweist sich als ein Zerstörer – wider Willen.
Einer der vier von Benedikt XVI. in Gnaden und ohne Vorbedingungen wieder aufgenommenen Traditionalistenbischöfe, der rechtsextreme Exzentriker Richard Williamson, leugnet öffentlich die Existenz der hitlerdeutschen Gaskammern und den Holocaust. Hat der Papst, Jahrgang 1927, der in seiner Jugend in die Hitlerjugend gedrängt wurde, bedacht, welches Leid die Bischofsanerkennung eines Negationisten und Auschwitz-Verharmlosers für die überlebenden Opfer der Shoah bedeutet?
Der Papst aus Deutschland zertrümmert das nach Jahrhunderten amtskirchlicher Judenfeindschaft seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil 1962–65 aufgebaute gute Verhältnis zu den Juden. Sie seien »unsere älteren Brüder«, so hatte der charismatische Papst aus Polen, Johannes Paul II., oft erklärt – und Juden und Christen hatten dem in dieser Angelegenheit gewinnenden Karol Wojtyla das abgenommen. Doch wer nimmt die von Benedikt XVI. nun nach dem Supergau relativ teilnahmslos vorgetragenen Erklärungen zum katholisch-jüdischen Verhältnis noch ernst?
Der Papst wollte um jeden Preis die Traditionalistenbischöfe in die römische Hierarchie zurückholen. Er bereitete diesen Akt insgeheim vor, mithilfe einer kleinen und erzkonservativen Kommission namens Ecclesia Dei unter dem kolumbianischen Alt-Kardinal Castrillón Hoyos. Deren acht Mitarbeiter arbeiten – im Vatikan an nichts anderem als an der Heimkehr der Traditionalisten. Die gescheiten Fachleute in den Politikabteilungen des Vatikanstaats sowie die weltgewandten Kardinäle Walter Kasper und Jean-Louis Tauran im päpstlichen Ökumene-und Dialog-Rat – wurden nicht einbezogen. Auf Schmalspur und unbeirrt von Kollateralschäden verfolgt der Papst sein Ziel, die formale Einheit der katholischen Institution mit den Franco-Faschismus-freundlichen Ewiggestrigen herzustellen.
»Der Autist im Vatikan«, so charakterisieren kuriale Insider diesen Papst, der stets recht zu haben meint, jedoch nicht zuverlässig imstande ist, die menschlichen, ökumenischen und politischen Folgen seiner verletzenden Reden und Taten einzuschätzen. Zum Beispiel bei der Regensburger Rede, die 2006 den Islam beleidigte. Zum Beispiel beim Besuch im KZ Auschwitz im selben Jahr, als Benedikt die deutsche Schuld verharmloste. Oder wiederholt gegenüber den Juden. Oder 2007 in Brasilien, als er sagte, die Indios hätten die mit Eroberergewalt verbundene katholische Missionierung »herbeigesehnt«.
Es rächt sich, dass die Papstwähler beim Konklave im April 2005 von einer guten, alten Tradition abwichen: möglichst keinen Dogmatiker auf den Stuhl Petri zu wählen, sondern einen Seelsorger oder einen weitherzigen Diplomaten. - Professor Ratzinger versteht sich als Verteidiger der Lehre. Er teilt das Handicap der Dogmatikerzunft: habituelle Rechthaberei und professorales Agieren von oben nach unten. Papst Ratzinger, seit den 1950er-Jahren ein Startheologe, ist ein »Rechte-Lehre-Lehrer«.
Was er in Rom den langen Tag über tut? Das weiß kaum ein Kurialer. Was macht Benedikt? Er kommt seinen Pflichten nach. Und außerhalb seiner vielen Gottesdienste, Gespräche und Audienzen? Ein Kurienmann in Rom beugt sich zur Antwort tief über den Tisch, schreibt, kritzelt und schreibt – so wie ein betagter Gelehrter eben. So wie Papst Ratzinger.
Er möchte ein Lehrer der Kirche und ein Mahner der Menschheit sein. Doch Benedikt stolpert allzu oft. Mit der Traditionalisten-Katastrophe kippt das Urteil über sein Pontifikat. Dazu kommt: Sein Einlenken gegenüber den Rechtsaußen ist im Grunde irreversibel. Denn Holocaust-Leugnung kommt im Kirchenrecht nicht vor. Diejenigen, die nun vom Papst fordern, er möge seine Entscheidung vom Januar wieder rückgängig machen, verkennen, dass der Papst dies kirchenrechtlich gar nicht so einfach kann. Die Piusbrüder müssten ihm dafür eine Steilvorlage bieten; beispielsweise erneut zu unerlaubten Weihen schreiten, wider den Kanon 1382 im Corpus Iuris Canonici (CIC). Solange dies aber niemand von ihnen tut, hat der Papst keine Handhabe. Es sei denn, er setzte sich wie ein absolutistischer Herrscher über sein Kirchenrecht hinweg. Auf dem Schachbrett der großen Vatikan-Partie hat sich Benedikt in eine denkbar ungünstige Stellung manövriert.
Wäre er Schachmeister, würde er das sehen, die Züge vorausdenken – und aufgeben. Man kann es auch schlichter sagen: Das Beste wäre, er träte zurück.
von Thomas Seiterich, erschienen in Publik-Forum Ausgabe 3/2009, Seite 38, am 13.2.2009


WOLFGANG PAULY