Das könnte Papst und Kurienkardinälen so passen: Wir verbuchen die Ereignisse der letzten Tage unter Managementfehler im Vatikan. Wir loben das Bemühen, kirchliche Einheit mit der reaktionären Piusbruderschaft herzustellen, ohne links und rechts zu schauen. Wir schämen uns unserer eigenen Empörung über das Vatikan-Desaster, weil der Papst doch jetzt so verärgert und entsetzt ist über unsere Empörung. Wir wollen natürlich nicht Vertreter antikatholischer Ressentiments sein, wie die Papst-Verteidiger ihre Kritiker jetzt abkanzeln.Zu dieser Beschwichtigung jenseits und diesseits der Alpen sagt Publik-Forum NEIN! Sie ist eine geschickte Gegenstrategie, um die Kritiker ins Unrecht zu setzen und die Hintergründe des eigenen Handelns zu vernebeln. Denn es geht mitnichten um einen peinlichen Lapsus, sondern es geht um den Teil einer Strategie. Sie ist zu beobachten seit Joseph Kardinal Ratzinger Leiter der Glaubensbehörde und nunmehr Papst der katholischen Kirche ist. Er zieht die Fäden: gegen ein fortschrittliches Verständnis des letzten Konzils; gegen alle, die ein modernes, weltoffenes Verständnis von Kirche umsetzen wollen. Dafür werden reaktionäre und konservative Gruppen protegiert, ihre Vertreter auf zentrale Posten gehievt sowie die Arbeit sozialengagierter und kritischer Christen zunichte gemacht.
Manche verurteilen die Kritik am Vatikan-Desaster als Papst-Bashing. Für sie ist der Papst sakrosankt. Und nicht wenige können sich gar nicht verstehen, dass ein so in sich gekehrter gelehrter Kirchenführer mit einem so gütigen und väterlichen Gesicht seit Jahrzehnten ein harter Inquisitor ist, wenn es um fortschrittliche, kritische Katholiken geht. Der Papst will in etlichen Punkten die Öffnung der Kirche zu Welt und ihre Neubestimmung auf dem letzten Konzil korrigieren. Denn die vom Papst in die Kirche geholte Piusbruderschaft will die Kirche bekehren zur Kirche vor dem Konzil. Das wusste der Papst absolut sicher. Und er hat es nicht nur in Kauf genommen, sondern sich neue Verbündete im Kampf gegen ein aufgeklärten Glaubensvolk ins vatikanische Boot holen wollen.
Es geht hier nicht nur um einen antisemitischen Bischof einer katholischen Kirchensekte. Es geht hier nicht um einen kommunikativen oder strategischen Ausrutscher des Papstes. Niemand unterstellt dem Papst Antisemitismus. Doch wer seinen Umgang mit der evangelischen Kirche sieht, die Wiedereinführung einer Karfreitagsbitte, die Juden mögen Jesus als Retter aller Menschen erkennen, der kann nicht umhin zu sagen: Hier ist einer unterwegs, der für den Preis der Einheit der Konservativen und Reaktionären in der Kirche die Einheit mit den Fortschrittlichen und Demokraten zu zahlen bereit ist.
Mit einem 16seitigen Dossier leuchtet Publik-Forum das Vatikan-Desaster gründlich aus: mit Hintergründen, Analysen, Berichten zu den Reaktionen und mit Perspektiven. Außerdem gibt es praktische Hinweise und Kontaktadressen. Wenn Sie nicht Abonnent der Zeitung sind, können Sie die Ausgabe 3/2009 einzeln oder auch den Sonderteil als Dossier bestellen. Zudem haben wir für Sie diese Website eingerichtet - mit wichtigen Beiträgen, Berichten, Unterschriftenkampagne und Links, darunter auch TV-Sendungen mit unserem Kollegen Thomas Seiterich. Hier können Sie sich auch aktiv durch Ihre Beiträge beteiligen.
Eine spannende Debatte wünscht Ihnen
Ihr Norbert Copray, Herausgeber von Publik-Forum


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