Ob Nietzsche das deutsche Schulsystem im Sinn hatte, als er klagte: »Viele verfolgen hartnäckig den Weg, aber nur wenige das Ziel«? Seit Pisa und vermehrt noch seit dem Besuch des UNO-Menschenrechtsbeobachters Vernor Muñoz diskutiert die Nation über Wege aus der Bildungskrise. Verbindliche Ziele zu formulieren wagt dagegen niemand.
Dabei würde es reichen, endlich einmal wieder Wilhelm von Humboldt zu lesen: Ausgerechnet der geistige Vater des Gymnasiums formulierte schon 1809 die Absage an ein mehrgliedriges Schulsystem. Stattdessen forderte er im Königsberger Schulplan ein einheitliches, allgemeinbildendes Unterrichtswesen, bestehend aus den drei aufeinanderfolgenden Stufen Elementarschule, Gymnasium und Universität.
Er lehnt die Forderung ab, neben dem Gymnasium eine eigene Mittelschule einzurichten, denn »da die Bestimmung eines Kindes oft sehr lange unentschlossen bleibt«, bestünde das Risiko, »dass leicht Verwechslungen vorgehen, der künftige Gelehrte zu lange in Mittelschulen, der künftige Handwerker zu lang in gelehrten verweilt und dadurch Verbildungen entstehen«. Vor allem aber lehnt Humboldt die Mittelschule ab als eine Schule für Arme, »die höherer Bildung entsagen müssen«, und besteht darauf, »die Übung der Kräfte auf jeder Gattung von Schulen allemal vollständig und ohne irgend einen Mangel vorzunehmen. Jeder, auch der Ärmste, erhielte eine vollständige Menschenbildung.«
Ausgerechnet Humboldt also beschreibt die Merkmale einer Schule, auf die wir in Deutschland seit 200 Jahren warten: Keine Trennung der Kinder nach der Grundschule, eine Schule (das Gymnasium!) für alle, keine Abhängigkeit der Bildungsinhalte vom sozialen Stand, sondern eine hohe wissenschaftliche Bildung als »vollständige Menschenbildung« für alle. In dieser Schule findet jede Begabung ihren Platz, es ist eine Schule des individuellen Lernens, die Schülern für ihre Entwicklung Zeit gibt.
Das müsste also das Ziel sein: Alle Schüler und Schülerinnen – auch Kinder mit Behinderungen – bleiben von der Vorschule bis zum Ende der Pflichtschulzeit zusammen. Kein Sitzenbleiben, kein Abschulen in eine niedrigere Schulform, keine Trennung in Fachleistungskurse, wie es derzeit den Gesamtschulen verordnet ist: Die Lehrer können kein Kind wegschicken, sie haben gelernt, mit der Heterogenität ihrer Schülerinnen umzugehen.
In jeder Schule arbeitet ein Förderteam, das die Lehrkräfte bei Lern- oder Verhaltensschwierigkeiten unterstützt und die Kinder und Jugendlichen individuell fördert. Bewertungen finden nicht in Konkurrenz, auf die Klasse bezogen, statt, sondern individuell, nach dem persönlichen Lernfortschritt. Die gleichen anspruchsvollen Mindeststandards gelten für alle; die Schulen sind dafür verantwortlich, dass möglichst alle die Standards erreichen. Dabei erzielen sie hohe Leistungen, 50 bis 70 Prozent ihrer Schüler und Schülerinnen erreichen die Hochschulreife. Die Abhängigkeit des Bildungserfolges von der sozialen Herkunft wird weitgehend aufgehoben, auch Jungen erreichen bessere Bildungsabschlüsse. Die Stärken der Schüler und Schülerinnen, nicht ihre Schwächen stehen im Vordergrund, Wohlbefinden und Gesundheit der Schüler und Lehrer haben einen hohen Stellenwert.
Utopie? Nein, viele unserer Nachbarländer und vor allem solche mit besten Pisa-Ergebnissen haben Schulsysteme mit diesen Merkmalen entwickelt: Finnland, Schweden, Norwegen, Kanada, Australien.
Wenn das Ziel endlich klar ist, wird auch der Weg klarer: Er erhält Wegweiser mit Kilometerangaben. Es werden Zeiträume festgelegt bis zum Erreichen des Ziels: In zehn oder fünfzehn Jahren müssen alle Schulen in Schulen des gemeinsamen Lernens umgewandelt sein. Auch richtig große Schritte sind denkbar: Jedes Jahr lernen die Schüler ein Jahr länger gemeinsam, bis die Klasse 10 erreicht wird. Das verhindert Umwege, Rückschritte, Sackgassen.
Bedenkenträger in Deutschland verweisen gern auf die Lehrer und Lehrerinnen, etwa Wilfried Bos, der sagt: »So lange es vor allem Lehrer in den weiterführenden Schulen nicht schaffen, mit unterschiedlich begabten Schülern umzugehen, nützt auch ein anderes Schulsystem nichts.« Hier möchte ich Pirjo Linnakylä, die finnische Leiterin der Pisa-Untersuchung, zitieren: »Als in Finnland die Lehrer kein Kind mehr wegschicken konnten, fingen sie an, sich um jedes einzelne Kind zu kümmern.«
Oder aber es heißt, man könne das Gymnasium nicht auflösen, der Widerstand der Eltern sei zu stark. Aber gilt das Elternrecht der Gymnasialeltern so viel mehr als das anderer Eltern? 17 000 Kinder wurden 2007 allein in NRW von den Gesamtschulen abgewiesen, weil kein Platz mehr war; hundert weitere Gesamtschulen hätten gegründet werden müssen, aber nichts ist geschehen. Gegen ihren Willen müssen diese Eltern ihre Kinder an Realschulen oder Hauptschulen anmelden. Darf die Sonderstellung des Gymnasiums zu Lasten der Kinder gehen, die nicht das Gymnasium besuchen dürfen?
Mit Vernor Muñoz de Villalobo hätte sich Wilhelm von Humboldt, so glaube ich, sehr gut verstanden, trotz der etwas anderen Wortwahl und Ausdrucksweise. Humboldt soll ja ein recht charmanter Mann gewesen sein. Vielleicht hätte er zu Muñoz gesagt: »Vernor, es freut mich doch, dass ich recht behalten habe. Mein undemokratischer König wollte damals das Gymnasium nur für die höheren Stände, und das einfache Volk musste sich mit einer sehr geringen Bildung in der Volksschule zufriedengeben. Dass das auf die Dauer nicht gutgehen würde, war mir damals schon klar. Deine Kritik teile ich voll und ganz.« Und dann würde sich Humboldt an die Kultusminister wenden: »Die Deutschen haben ja nun inzwischen die Demokratie und sogar eine Wissensgesellschaft. Was spricht dagegen, nun auch eine demokratische Bildung für alle auf höchstem wissenschaftlichen Niveau einzuführen und meine Schulpläne für ein Gymnasium für alle endlich zu verwirklichen?«
von Anne Ratzki, erschienen in Publik-Forum Ausgabe 20/2007, Seite 35, am 26.10.2007


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