Publik Forum Logo
Hintergrundinfos zum Thema Globalisierung

Dossier: Die Klima-Revolution

»Sie haben Mutter Erde geschändet«

In Grönland schmilzt das Eis: Katastrophen drohen. Was bedeutet das für die Inuit? Fragen an ihren Repräsentanten Angaangaq

Von Maren Joost

Publik-Forum: Können Sie sich vorstellen, in einer Welt ohne Schnee zu leben?

Angaangaq: Nein. Die Welt braucht Schnee. Meine Großmutter sagte: Wenn Schnee fällt, bekommt Mutter Erde ein frisches, neues Betttuch. So bleibt sie innen warm und kann gut schlafen. Wenn sie nicht schläft, wird sie müde und kommt durcheinander. Ich habe in Deutschland im Dezember Blumen und Knospen gesehen. Etwas läuft falsch.

Publik-Forum: Was läuft falsch?

Angaangaq: Wir Inuit sagen: Das Eis schmilzt. In Deutschland reden Sie vom Klimawandel. Aber der Begriff Klimawandel erfasst das Problem nicht richtig. Denn Mutter Erde ist eine Einheit, und sie hat das Klima immer schon geändert. Aber sie hat niemals zuvor das Eis schmelzen lassen.

Publik-Forum: Welche Auswirkungen hat es, wenn das Eis schmilzt?

Angaangaq: Zum ersten Mal seit Tausenden von Jahren wird am Nordpol eine enorme Wassermenge freigesetzt. Das bedeutet, dass sich die Bedingungen des Wasserkreislaufs verändern werden. In Grönland haben sich Unmengen von Wasser auf der Eisschicht gebildet. Dort lagert jetzt mehr Süßwasser, als der Eriesee und der Ontariosee zusammen haben. Wenn all dieses Wasser eines Tages ins Meer strömt, verändert sich das Klima des Ozeans. Mit unabsehbaren Folgen. Der Golfstrom kann aussetzen, und Sie werden in Deutschland lange Winter haben. Wegen Ihrer heutigen Lebensweise. Bedenken Sie: Noch nie haben so viele Menschen auf der Erde gelebt wie heute. Als das Eis das letzte Mal schmolz, lebte vielleicht eine Million Menschen auf der Erde. Heute sind es sechseinhalb Milliarden. Die Auswirkungen sind viel größer, als Sie sich überhaupt vorstellen können.

Publik-Forum: Was machen wir denn falsch?

Angaangaq: Es gibt nicht nur einen Grund. Vieles kommt zusammen. Es war sehr fahrlässig von den Menschen, Mutter Erde auszubeuten. Sie haben sie geschändet. Sie haben ihr die Mineralien genommen. All die nützlichen Dinge fürs Leben nahmen sie ihr – für das Wohl der Wirtschaft. Und es geht immer weiter. Sie graben tiefer, und die Vergewaltigung von Mutter Erde hört nicht auf. So gerät das Öko-System ins Ungleichgewicht. Wenn Sie ein Ungleichgewicht im Öko-System schaffen, ändert sich die Umwelt. Ein Beispiel: Vor 30 Jahren sah jemand in die großen schönen Augen einer Babyrobbe und dachte: »Wir müssen die Babyrobben schützen.« Sie taten es und zerstörten das Öko-System des großen Ozeans. Um eine Robbe zu schützen. Die Leute der westlichen Welt schauen nicht über ihre Nasenspitze hinaus. Sie sind engstirnig. Wir Ureinwohner denken: »Sie sagen, sie seien zivilisiert und gebildet, aber ihre Zivilisation und Bildung reicht gerade mal bis zu ihrer Nasenspitze.« Wussten Sie, dass Mutter Erde groß, mächtig und schön ist? Sie besteht nicht nur aus dem kleinen Europa. Es ist eine schöne, unglaubliche Erde. So sehen wir das.

Publik-Forum: Welche Auswirkungen hat das Schmelzen des Eises für Ihr Volk?

Angaangaq: Die Alten sagen, dass wir überleben werden. Denn das Wasser wird an uns vorbeifließen. Trotzdem haben wir viele Probleme. Das Packeis ist getaut. Das heißt: Wir müssen Boote anstelle von Hundeschlitten verwenden. Besonders dramatisch ist das fehlende Eis für die Tiere, vor allem für die Eisbären. Sie ertrinken, weil das Eis nicht dick genug ist. Dabei sind sie 50 Kilo leichter als vor 20 Jahren. Denn wenn kein Eis da ist, können sie nicht jagen. Der Eisbär ist für das Eis gemacht, für das Jagen auf dem Eis. Nicht für das Land. Die Art und Weise, wie Sie in Deutschland leben, verursacht, dass dieses Tier von Mutter Erde verschwindet. Es ist traurig.

Publik-Forum: Was unternehmen Sie gegen die globale Erwärmung?

Angaangaq: Wir haben schon so viel getan, um die Welt zu verändern. Wir haben über Tausende von Jahren Krieg geführt, wir haben uns gegenseitig umgebracht. Der letzte große Krieg in Europa kostete 60 Millionen Menschen das Leben. Und wir machten danach weiter, als sei nichts geschehen. Viele haben gesagt: Keinen Krieg mehr. Aber es funktioniert nicht. Wie sollte es auch! Wenn man das nur denkt, ändert sich nichts. Aber wenn man zu fühlen beginnt, fängt man an, sich zu verändern. In der Wirtschaft verdienen wir Geld und glauben, dass Geld alle Probleme löst. Dabei sind gestern 30 000 Kinder verhungert. Und heute sterben 30 000 weitere Kinder. Hat die Wirtschaft funktioniert? Nein, hat sie nicht. Aber jeder macht einfach weiter.

Publik-Forum: Aber wie können wir die globale Erwärmung denn stoppen?

Angaangaq: Wir können sie kurzfristig nicht stoppen. Dazu ist es zu spät. Selbst wenn alle Menschen sofort aufhörten, Auto zu fahren und Dinge zu produzieren, würde das Eis weiter schmelzen und die globale Erwärmung noch Jahre weitergehen.

Publik-Forum: Keine Hoffnung?

Angaangaq: Wir Ureinwohner verstehen nicht, dass diese gebildeten Menschen der westlichen Welt nicht weiter denken können als bis zu ihrer Nasenspitze. Sie haben nichts verstanden.

Publik-Forum: Was aber ist Ihre Mission, wenn es gar keine Hoffnung mehr gibt?

Angaangaq: Eine Hoffnung gibt es doch: jeden einzelnen Menschen. Meine Mutter sagt: »Wenn du lernen kannst, wie du das Eis in den Herzen der Menschen zum Schmelzen bringst, dann können sich die Menschen verändern und beginnen, ihr unglaubliches Wissen weise anzuwenden. Nur dann haben wir eine Chance. Sonst wird das Eis der Erde schneller und schneller schmelzen, und das Eis im Herzen der Menschen wird immer härter gefrieren. Und nichts wird sich ändern.« Dann wäre es zu spät. Stattdessen muss das Eis im Herzen der Menschen schmelzen. Fangen Sie an, Ihr Wissen weise zu nutzen. Nur so haben Sie die Chance, ein gutes Leben zu leben.

Eine Kurzfassung des Interviews wurde im Dezember 2006 im Hessischen Rundfunk ausgestrahlt.

Bildunterschriften, Marginalien, Zitate:

Angaangaq »Der Mann, der aussieht wie sein Onkel«, Schamane und Heiler, ist das spirituelle Oberhaupt der Inuit-Stämme und Repräsentant der arktischen Ureinwohner bei den Vereinten Nationen.



von Maren Joost, erschienen in Publik-Forum Ausgabe 6/2007, Seite 35, am 23.3.2007

 

 

 
Lesetipp:
WOLFGANG PAULY
Abschied vom Kinderglauben
Ein Kursbuch für aufgeklärtes Christsein
[mehr...]
Preis: € 14,90
Termine:Publik-Forum-Leserkreis: »Der theologische Quantensprung im II. Vatikanum«
Egon Dammann erläutert den Telgter Kreuzweg des Künstlers Heinrich Gerhard Bücker aus Beckum-Vellern [mehr...]
03.09.2010 16:00 Telgte»Zukunft statt Zocken: Von der Finanzkrise zur gerechten Gesellschaft«
Vortrag und Diskussion mit Dr. Wolfgang Kessler (Publik-Forum) [mehr...]
05.09.2010 12:00 Idstein