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Mein Gott - Eine Einladung zum Gespräch

Serie: Baustelle Christentum

Gott will verwandeln

Die Vorstellung vom vernichtenden Gericht ist ein gottloses Bild

Von Jürgen Moltmann

Seit dem Mittelalter hat sich im christlichen Denken eine Vorstellung von Tod und Auferstehung festgesetzt, die zutiefst unchristlich ist: die Bilderwelt von Himmel und Hölle, die Vorstellung von einem Jüngsten Gericht, das gute Werke belohnt und schlechte Taten bestraft, um so den Übergang ins Jenseits zu regeln. Nach dieser Vorstellung kennt das Gottesgericht nur zwei Urteile: entweder ewiges Leben oder ewigen Tod, entweder Himmel oder Hölle. Fragt man verwundert, was denn aus der guten, sichtbaren Schöpfung, der Erde und den anderen irdischen Geschöpfen Gottes, wird, bekommt man die Antwort: Alles wird zu Asche verbrannt. Diese Welt wird nicht mehr benötigt, wenn die Seligen im Himmel Gott unmittelbar, ohne Vermittlung durch andere Geschöpfe, erblicken werden.

Diese Gerichtsvorstellung ist nicht nur schöpfungsfeindlich, sie ist auch unverständlich. Sind der Richtergott und der Schöpfergott verschiedene Götter? Zerstört der Richtergott die Treue des Schöpfers zu seinen Geschöpfen? Egal, ob es sich um einen Selbstwiderspruch Gottes oder um verschiedene Götter handelt: Das biblische Gottvertrauen ist zerstört. Ebenso das Vertrauen in Jesus. Denn der richtende Christus mit dem zweischneidigen Schwert hat mit dem krankenheilenden, sündenvergebenden Bergprediger Jesus von Nazareth nichts zu tun. Die Vorstellung vom vernichtenden Strafgericht ist ein extrem gottloses Bild.

Es gibt jedoch eine andere Vorstellung vom Weltgericht: Unrecht schreit zum Himmel, die Opfer verstummen nicht, die Mörder finden keine Ruhe. Der Hunger nach Gerechtigkeit bleibt als Qual in einer Welt der lautlosen Schreie bestehen. Die Ohnmächtigen und Unterdrückten hoffen auf den Weltenrichter, »der Recht schafft denen, die Unrecht leiden«. Die Klagepsalmen Israels sind ein beredtes Beispiel dafür, dass »richten« Recht schaffen heißt. Die Gerechtigkeit Gottes wird den Opfern Recht »schaffen«, sie aus dem Staub erheben, ihr verwundetes Leben heilen.

Erst später und unter fremden Einflüssen wurde in den biblischen Schriften aus diesem rettenden Befreier ein universaler Strafrichter gemacht, der nach Gut und Böse urteilt und nicht mehr nach den Opfern fragt. Aus einer opferorientierten Erwartung rettender Gerechtigkeit wurde ein täterorientiertes Moralgericht nach Maßgabe der vergeltenden Gerechtigkeit. Diese Fehlentwicklung zu korrigieren bedeutet: die Gerichtsvorstellung zu christianisieren – und zwar so, dass sie sich an der ursprünglichen Gotteserfahrung Israels von der schöpferischen, rettenden und heilenden Gerechtigkeit Gottes orientiert.

Dafür bietet das Neue Testament Anknüpfungspunkte, versteht es doch den Tag des Gerichts als den »Tag des Menschensohns«, an dem der gekreuzigte und auferstandene Christus vor der Welt und alle Welt vor ihm offenbar wird. Beide treten aus ihrer Verborgenheit heraus ins Licht der Wahrheit: der jetzt in Gott verborgene Christus und der hier sich selbst verborgene Mensch. Das ewige Licht wird sie einander offenbar machen. Es wird auch durchsichtig werden, was jetzt noch in der Natur verborgen liegt, denn Menschen sind körperliche und natürliche Wesen und gehören mit der Natur der Erde zusammen. Wir sind von der Natur der Erde nicht zu trennen, in der Auferstehung nicht und auch nicht im Endgericht.

Nicht als Rächer oder Vergelter wird Christus offenbar werden, sondern als der gekreuzigte und auferstandene Sieger über Sünde, Tod und Hölle. Er wird als der Lebendige offenbar werden, als Anführer des Lebens. Und er wird richten nach der Gerechtigkeit, die er selbst verkündet und durch seine Gemeinschaft mit Sündern und Zöllnern praktiziert hat. Sonst könnte ihn niemand wiedererkennen.

Gottes Gerechtigkeit ist eine schöpferische Gerechtigkeit. Die Opfer von Sünde und Gewalt werden durch sie aufgerichtet, geheilt und ins Leben gebracht. Die Täter der Sünde und der Gewalt werden eine zurechtbringende, transformierende Gerechtigkeit erfahren. Sie werden verwandelt, indem sie zusammen mit ihren Opfern erlöst werden. Sie werden durch den gekreuzigten Christus gerettet, der ihnen zusammen mit ihren Opfern begegnen wird. Sie werden ihren Untaten »absterben«, um zusammen mit ihren Opfern zu einem neuen Leben »wiedergeboren« zu werden.

Das Aufrichten der Opfer und das Zurechtbringen der Täter ist nicht die große Abrechnung mit Lohn und Strafe, sondern der Sieg der schöpferischen Gottesgerechtigkeit über alles Gottlose. Dieser Sieg der göttlichen Gerechtigkeit führt nicht zur Spaltung der Menschen in Selige und Verdammte, sondern in den großen Versöhnungstag Gottes auf dieser Erde.

So gesehen ist das Endgericht nicht das Ende der Werke Gottes. Es ist nur der erste Schritt einer Transformation aus der Vergänglichkeit in die Unvergänglichkeit. Endgültig ist erst die neue, ewige Schöpfung, die auf der Grundlage der Gerechtigkeit geschaffen wird. Weil das Gericht dieser Neuschöpfung aller Dinge dient, ist seine Gerechtigkeit keine nur auf die Vergangenheit bezogene, feststellende und vergeltende Gerechtigkeit, sondern eine Gerechtigkeit, die auf die Zukunft bezogen ist, schöpferisch ist, Recht schafft und heilt. Es war der Fehler der christlichen Tradition in Bild und Begriff, in Frömmigkeit und Lehre, nur auf das Gericht über die Vergangenheit dieser Welt zu blicken und nicht durch das Gericht hindurch die neue Welt Gottes zu erkennen.

Ist das Richten im Endgericht ein soziales Richten, dann wird es nicht zuletzt, sondern in Wahrheit zuerst ein kosmisches Richten sein, denn der kommende Christus ist auch der kosmische Christus. Schon in den Psalmen wird JHWH aufgerufen, »den Erdkreis zu richten«. Alle zerrütteten Verhältnisse in der Schöpfung müssen zurechtgebracht werden, damit die neue Schöpfung auf dem festen Boden der Gerechtigkeit stehen und in Ewigkeit bleiben kann. Alle Geschöpfe sollen am ewigen Sein und an der ewigen Lebendigkeit Gottes teilnehmen. Das ist eine fundamentale Veränderung des Kosmos und des Lebens. Gott wird allem einwohnen und »in allem präsent« sein. Dann wird das Nichts vernichtet und der Tod getötet sein. Aufgelöst sein wird die Macht des Bösen, abgesondert von allen Geschöpfen wird das Elend der Absonderung vom lebendigen Gott: die Sünde. Zerstört wird die Hölle. Dann beginnt das Reich der Herrlichkeit.

Bildunterschriften, Marginalien, Zitate:

Wer zu leicht wiegt, wird vernichtet: Mit dem Geiste Jesu hat das Jüngste Gericht nichts zu tun (Altarbild von Rogier van der Weyden)

Jürgen Moltmann geboren 1926, ist emeritierter Professor für systematische Theologie in Tübingen.



von Jürgen Moltmann, erschienen in Publik-Forum Ausgabe 8/2007, Seite 51, am 27.4.2007

 

 


 
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