Gottes- und Lebensvertrauen – ohne eine theistische Gottperson (nach dem »Tode Gottes«)
Ungekürzte Fassung des Textes von Matthias Kroeger aus dem Publik-Forum EXTRA »Vertrauen«
1) Schönheit und Recht des schlichten Anfangs
»Wer nur den lieben Gott lässt walten und hoffet auf ihn allezeit, den wird er wunderbar erhalten in aller Not und Traurigkeit. Wer Gott, dem Allerhöchsten traut, der hat auf keinen Sand gebaut.« Das könnte Anfang und Fundament eines wunderschönen, schlichten, vielleicht auch naiven, ungebrochenen Gottvertrauens sein, welches sich allermeist sogar erfüllt. Selbst wenn man nicht genau weiß, ob es sich dabei um ein genuin religiöses Gottvertrauen handelt, in dem man da lebt und, solange nichts Schlimmes passiert, »wie Kinder fromm und fröhlich« sein kann, oder ob es sich um ein Verlassen auf die – in unseren Wohlstandsbreitengraden einigermaßen bewährte – Verlässlichkeit der Welt handelt: das Vertrauen auf die Verlässlich-weit der Welt hat, indem es aus einem unreflektierten Urvertrauen und aus den religiösen Tiefen der Welt lebt, tiefe religiöse Wahrheit bei sich. Denn die Verlässlichkeit der Welt gehört ja zu den auch religiös wahren Wundern unserer Welt: »dass etwas ist und nicht vielmehr nichts«; dass wir in einer noch immer menschen- und lebensfähigen Welt leben und das Wunder und Geschenk unseres Lebens dankbar-staunend erleben und naiv-fromm genießen können. Dies alles hat Recht und ist allen Dankes wert. Meistens geht ja auch alles – zunächst oder auf längere Sicht – gut. C. G. Jung dazu: Nur wer in die Krise gerät, muss nach dem Sinn fragen; wer seelisch gesund ist, muss es normalerweise nicht. Man muss daher nicht ständig in Tiefen, Probleme und Infragestellungen seiner selbst und des Lebens hinuntersteigen, um ein gültiges, auch religiös gültiges Leben zu leben. Die Schöpfung d. i. die Evolution hat uns auch die Möglichkeit der schlichten Naivität gegeben; auch das Vertrauen auf die Schönheit der Welt und des Lebens kann tief empfundenes Gottvertrauen sein. Dies kann auch glauben und empfinden, wer nicht mehr an eine theistisch-metaphysisch-persönliche Gottperson glaubt. Denn »einen Gott, den es gibt, gibt es nicht«, sagt ein Prophet der jüngsten Christentumsgeschichte (Dietrich Bonhoeffer). »Gott« – das kann daher auch der Name des uns überall und in allen Dingen umgebenden göttlichen Lebensgeheimnisses sein. Dieses religiös zu verehrende Wunder und Geheimnis der tragenden und verlässlichen Welt ist »mitten in unserer Welt [aber in ihr doch immer] jenseitig« (Bonhoeffer), es ist in und an allem wahrnehmbar, nie aber mit irgendetwas Geschöpflichem identisch, es ist immer nur (innerlich und äußerlich) uns »gegenüber« (coram). Und zu diesem Urgeheimnis der Welt in allen Dingen kann man ein ganz naives und tragendes Vertrauen haben, denn die Tiefe unserer Welt ist in der Tat voller schenkenden Lebens und voller glücklicher Möglichkeiten. (Auf die vernichtende, dunkle Seite dieses Geheimnisses komme ich gleich.). So gewährt auch in dieser nontheistischen, an keinen persönlichen Gott glaubenden Form das Wunder der Welt ein völliges und genügendes Lebens- und Gottvertrauen, wenn wir denn zu staunen lernen. Hier ist längst ein Paradigmenwechsel in der Vorstellung des Göttlichen eingeläutet, den Kirche und Theologie noch immer kaum realisieren, mit dem nur zu viele Menschen aber längst leben. (Wer über diese fundamentale, auch für unsere Frage hier entscheidende Veränderung im Verständnis »Gottes« oder vielmehr des Göttlichen nachlesen möchte, kann das in dem Buch von Bischof J. Sh. Spong »Warum der alte Glaube neu geboren werden muss«, Kap. IV »Das Ende des Theismus, nicht das Ende Gottes« oder in meinem Buch »Der fällige Ruck in den Köpfen der Kirche«, Kapitel II »Non-theistisch an Gott glauben« und Kapitel VI »Umriss, Stufen und Vorschein einer veränderten, gebrochenen Gewissheit – Quellen des Muts« tun). Auch in diesem trans-theistischen Sinne lässt sich die Wahrheit jenes Verses »Wer nur den lieben Gott lässt walten ...« verstehen, singen, beten und leben. Die Zeiten solch Staunens und schlichten Vertrauens dauern in verschiedenen Biographien verschieden lang. Solange sie aber dauern, nehme und lebe man sie mit wachem Dank, der sich des Unselbstverständlichen einer solchen Zeit, eines solchen Schicksals und jeden Glücks bewusst sei. Kostbar ist die Lebenszeit. Denn irgendwann kommen andere Stunden, ohne die wir nicht erwachsen werden und die Welt nicht wirklich zu sehen bekommen. Inzwischen aber gilt es zu wissen, dass es Sinn und Wille der Schöpfung ist, dass wir intensiv und lebendig in der Autonomie und »Freiheit der Kinder Gottes« leben, nicht falsch-bescheiden uns anpassen sollen, denn es steht geschrieben, dass wir Menschen »das Leben und volle Genüge haben sollen« (Joh.10,11). Darauf kannst du dich verlassen. Lebe also bewusst und mutig (fortiter) drauf zu.
2) Der erste Kern des Vertrauens im Meer der Zweideutigkeiten: die Wahrheit des geschenkten Lebens
Unbeschadet aller künftigen Infragestellungen und Anfechtungen, Gemeinheiten und Destruktionen, von denen umgeben wir in unserer Welt leben, – es gibt eine unbestreitbare Urwahrheit der Schöpfung, die auch durch viel Gegenläufiges und scheinbar Widersprechendes nicht unwahr wird, nämlich: Ich glaube, nein: ich weiß und sehe – wenn ich die Augen aufmache – dass mitten in allen Zweideutigkeiten und Gemeinheiten der Welt eben diese Welt auch voller Geschenke, Schönheiten und Erfüllungen ist, wenn wir die Hände und unser Herz zu öffnen wissen und bereit sind, dies alles wahrzunehmen und zu empfangen. Denn es gibt immer auch die zentralen Erfahrungen dieser Welt und unserer Menschlichkeit, die wir – nicht aus Gründen unserer Schwäche und Unfähigkeit, sondern aus Gründen der Struktur dieser Erfahrungen selbst – nicht machen oder verdienen können, sosehr wir sie ersehnen und wünschen; vielmehr können wir sie nur empfangen und geschenkt bekommen – vom Leben, vom Schicksal, von »Gott« (welchen Namen auch immer man hier wählt): Liebe, Sinn, Erfüllung, Segen, die Schönheit einer Blume, einer Begegnung, eines Gedichts, einer beglückenden Musik, eines erschütternden Bildes oder einer ergreifenden Landschaft. Sie alle weisen auf jenes große – meist »Gott« genannte – Geheimnis hin, das sie alle in sich haben; ihnen allen kann man nur mit geöffneten und empfangenden, dankenden Händen und Herzen entsprechen, nicht mit zum Handeln entschlossenen geschlossenen Fäusten. Das Nichtmachbare, das Geschenkte gehört allermeist zur Struktur der Schöpfung, zu dessen Wahrnehmung und Empfangen wir oft erst erlöst werden müssen. Sein religiöser, oft verlachter und misskannter Name ist Gnade, eine Urwahrheit der Welt und des Menschen. Denn die Welt ist voll von diesen Möglichkeiten und Erfahrungen, die wir nur oft nicht wahrnehmen, die aber auch dann wahr und wirklich sind, wenn wir (und sie) umgeben und beschattet sind von vielfacher Gemeinheit, Destruktion, Lieblosigkeit und Sinnlosigkeit. Man muss es nur lernen, dies beides gleichzeitig wahrzunehmen und komplementär zu denken, zu wissen. Die Gnaden der Welt – die Theologen nennen sie Schöpfungsgnaden – sind eine Urwahrheit der Schöpfung, auch der entfremdeten Schöpfung. Denn dass es kein wahres Leben im falschen geben könne, war eine der entscheidenden Unwahrheiten der bis heute wunderbaren zweiten Aufklärung, von der wir uns erst wieder befreien mussten. Es gibt sie sehr wohl und es kommt nur darauf an, dass wir lernen, sie wahrzunehmen, sie zu empfangen; dass wir lernen und üben, unsere Herzen und Hände empfangend zu öffnen; dass wir lernen loszulassen, zu beten oder zu meditieren. »Gottes bedürfen ist des Menschen höchste Vollkommenheit« (Kierkegaard). Mit diesen offenen, empfangenden Händen und Herzen erschließt sich die ganze Welt neu und eine halbe bisher übersehene Welt wird sicht- und erlebbar. Wer sich in diese Wahrnehmungen und Erfahrungen einübt und einlernt, hat Basis und Standort für die Bewältigung alles Weiteren, das erst noch auf uns zukommt. Hier ist die Quelle unendlich möglichen Gott- und tiefen Weltvertrauens; hier ist die – sozusagen leichte – Einübung des dankbaren Loslassens und Empfangens und damit des Bewusstseins und der Wahrheit unseres konstitutiven Angewiesenseins. Allein das Danken entspricht dieser Urwahrheit der Gnade in aller Schöpfung. Hier ist die eine – wahrhaftig nur die eine, aber doch die eine – Seite der schenkenden göttlichen Urwirklichkeit und ihres Geheimnisses in allen Dingen erlebbar, fühlbar und erlernbar. Schon dies fällt uns schwer in unserem – gesellschaftlich gelernten – immer ethisch-aktivistischem Wahn, als wenn alles Wichtige in unseren Händen stehe und machbar wäre, wenn wir uns nur anstrengen. Diese Einbildung hat eine lange religiöse Vorgeschichte in dem jede, auch die christliche Religion als Gefahr begleitenden Denken und Glauben des sog. Synergismus, als müssten wir alles tun oder wenigstens »mittun«. Die reine Gnade und der Geschenkcharakter des Lebens sind aber eine Urwahrheit der Welt. Dies weiß in unserer Gesellschaft fast nur noch die Religion, zumal die christliche (und auch sie durchaus nicht immer).
Hierzu aber gilt es noch eins zu wissen und zu beherzigen: dass man in den Stunden der Not kaum lernen, suchen und finden kann, was man in Stunden der Not braucht, um die Gewissheit des geschenkten Lebens und des Dankes zu gewinnen. Darum gilt es, in den Stunden des frohen, gelungenen und kräftigen Lebens bereitzulegen und zu lernen, was die Seele braucht, was sie tröstet und anspricht; in der Stunde der Not und der angefochtenen Gewissheit, nimmt die Seele selten etwas Neues auf, da kann sie sich meist nur auf bereits Bekanntes, zu Erinnerndes beziehen, was sie schon in sich hat und nur noch herauf- und hervorrufen muss. Jeder und jede muss daher beizeiten für sich üben, finden und anschaffen: welche Musiken sprechen zu meiner Seele, welche Gedichte, Bibel- oder Buddha-Verse freuen, ernähren und bestätigen meinen Mut und entlarven das scheinbare Unglück oder relativieren das wirkliche? Was hat mir schon mal in schweren Situationen geholfen und die Suggestion aufgelöst, dass es eben nur Schlimmes und Schwarzes gebe? Diese Texte, Bilder, Musiken, Landschafts- oder Naturerinnerungen haben die Kraft, mir zu zeigen, dass es noch etwas anderes als das eben vermeinte allein herrschende Unglück gibt! Hier ist die Schule der zu lernenden Gewissheit. Woher die Anmaßung, sich nie um all dies kümmern zu wollen, und dann soll auf einmal die Hilfe zur Verfügung sein, die die Seele aufzufassen und zu verstehen nie gelernt hat? »Du musst Bilder des Lebens haben, die Bilder des Todes werden dir sonst zu stark«, weiß ein in diesen Dingen Alterfahrener. Diese Schule des Lebens und des seelischen wie physischen Sterbens musst du beizeiten, in guten Zeiten immer wieder besuchen. Denn in jedem Leben kommt irgendwann Schwieriges, Schweres; du bist diesem sonst wehrlos ausgeliefert. Was dann? Was kommt?
3) Stufen der Verunsicherung – Bewährung des Muts und Vertrauens
Diese Stufen der Verunsicherung und Infragestellung sind zu vielfältig, als dass wir uns ihnen hier auch nur halbwegs angemessen nähern können. Aber soviel sei doch versucht:
a) Die kleinen Unglücke – von außen und von innen
Sie geschehen, wenn Erfahrungen kommen, die das Leben in Frage stellen, die uns beschweren, aber nicht eigentlich überrennen. Dann musst und kannst Du Dich mit den eben beschriebenen, immer auch anwesenden Kräften des Heils, des geschenkten Lebens, der erfahrenen und gewussten Gnaden, deren Wahrheit Du im Herzen hast oder erinnerst, verbinden und verbünden. Dies geschieht für theistisch denkende Menschen im Gebet, für non-theistisch empfindende in der Meditation, denn diese – beide – sind das Loslassen, das sich der Erfahrungen erlebter Gnade erinnert und ihnen anvertraut: »Dein Wille geschehe.« Die Mächte und Realitäten des Unheils mögen – wenn ich mich einmal mythologisch ausdrücke – dieses sich Ein-lassen auf die Kräfte des Heils und der Gnaden nicht; sie ziehen sich dann zurück und fliehen, sie werden entmachtet (weil sie nicht mehr alleine herrschen, sondern nur noch auch da sind und damit ihre Suggestion und Macht verlieren). Wer keine Hausapotheke seiner Gewissheiten, Tröstungen und Gegenwahrheiten hat, wessen Seele leer ist und keine Texte und Gebete weiß, die die leere und ratlose Seele – über ihr eigenes Nichtwissen und Verstummen hinaus – in solchen Zeiten murmeln, lesen, hören, zu Hilfe rufen und beten kann, ist schlecht dran. »Der Geist hilft unserer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sichs gebühret. Aber der Geist vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen«, wie Paulus weiß. Es gibt aber eine objektive und immer zugängliche Gestalt dieses Geistes: das sind die Gedichtbände, Schallplatten, CDs und Bildbände, Gesangbuchverse und Heiligen Texte (biblischer, taoistischer, buddhistischer oder anderer, säkularer Herkunft), in denen anschaubar, sprechbar, fühlbar ist, was der größere Geist uns eingibt, wenn unser kleines Gefühl verarmt, unser Geist verstummt und unser Herz sprach- und ratlos wird. (Besonders bei den vielen wunderschönen Gesangbuchversen muss man vorbereitet sein und ausgewählt haben, weil hier – im Gesangbuch – die schönsten Gestalten des Trostes und der Gewissheit direkt neben den furchtbarsten Unerträglichkeiten kirchlicher Unkultur und Verzerrung stehen.) Trost und Gewissheit bestehen für uns vielfach, wenn nicht meist, außerhalb unser selbst (»extra nos« nennen das die Theologen), sehr oft nicht in uns – gerade in entscheidenden Situationen; man muss sie äußerlich, vor sich und anschaubar, anhörbar haben, man muss sie aus dem Regal nehmen oder in den CD-Player legen können. Das muss man wissen und sich vorbereiten. Die Seele wächst nur langsam, nicht in Zeiten der Not auf einmal und schnell zu neuen Ufern und Gewissheiten. – Dies ist die eine Gestalt von Not, Kummer und Unglück, der zu begegnen man lernen und wissen muss. Daher die Notwendigkeit dieser Texte, Musiken und Bilder der Lebens- und Sterbekunst. Den meisten von uns begegnet Gott sei Dank nur diese kleinere Form. Die nächste aber ist:
b) Die größeren Infragestellungen – der zweite Kern der Gewissheit
Es gibt Situationen, da hilft keine Hilfe von außen und keine Hilfe hilft dir weg von den Nöten und Verzweiflungen; da musst du vielmehr mitten hinein und die Sache von innen durchstehen. Du musst den Konflikt, die Finsternis, die Infragestellung deiner selbst und Gottes bzw. des Göttlichen (des Welt- und Lebensgeheimnisses) selbst annehmen und in sie hineingehen. Nicht nur wirst du selbst völlig in Frage gestellt, sondern auch Gott verschwindet und wird zweideutig. Hier lernst du endgültig, dass es einen Gott, »den es gibt«, der helfend eingreift, gar »nicht gibt«; die Annahme einer alles ordnenden, behütenden Macht im Grundgefühl des Lebens wird entlarvt und verschwindet. Und du musst begreifen, dass das (göttliche) Geheimnis des Lebens, der Lebens- und Welturgrund selbst – schon immer, doch meist nicht wahrgenommen – nicht nur Liebe und Gnade, sondern auch Dunkel, Sterben, Gericht und Tod, Vernichtung, eben Yin und Yang ist.1 »Ist auch ein Unglück in der Stadt, dass der Herr [er selber!] nicht tue?«, weiß der Prophet (Amos 3,6); Gott, das Geheimnis in allen Dingen, ist auch das verborgene, finstere, vernichtende, weiß nicht nur Luther. Die östlichen Religionen zeigen dies heute besser und deutlicher, von ihnen ist daher dies integrative bzw. inklusive Verständnis des Göttlichen zu lernen; aber auch das Christentum kennt ursprünglich dies in zentralen Traditionen, die wir nur wieder zu entdecken haben. Alles andere ist Unwahrheit und Einbildung der Wohlstandszonen unserer Welt, ist neuzeitliche Wohlstandstheologie. Hier liegt ein weiteres Zentralelement im heute vor sich gehenden Paradigmenwechsel des Verständnisses des Göttlichen (Kurzinformation hierzu: Der fällige Ruck in den Köpfen der Kirche 79f. 252ff) In diese Erfahrungen musst du hier hinein. In der Therapie nennt man das: du musst in die Sackgasse, in den Engpass (Fritz Perls: in den impass) hinein und musst es darauf ankommen lassen, was dir da geschieht. Du weißt nicht, ob und was und wie es sich da lösen wird. Religiös heißt das (in Luthers, eines in diesen Dingen Erfahrenen, Sprache): du musst Gott, deinem Feinde, der dich bedroht und vernichten will, zustimmen et sic fiet amicus, dann wird er dein Freund; in der Sprache mystischer Tradition: du musst in den Abgrund der stillen wüsten Gottheit eintauchen, musst in die Hölle selbst und es dort auf die Verwandlung ankommen lassen. Alle diese Formulierungen sprechen von derselben Erfahrung, dass, wenn du die Wüste annimmst, sie zu blühen beginnt (Perls). Davon ließe sich jetzt viel erzählen, was hier nicht geschehen kann, aber das ist hier der einzige – zunächst, bevor du drin warst, nur theoretische – Trost, den viele Erfahrungen und Menschen bezeugen, nämlich dass es diese Verwandlung und Lösung im Annehmen des Konflikts und im Eingehen in die Verzweiflung, in den Nebel, in das Nichtwissen gibt und dass dort die Verwandlung, die Öffnung und Lösung dich erwartet und möglich ist. Religiös gesprochen heißt er: »Gott«, die Fülle des Seins und des Möglichen im Urgrund aller Dinge, hilft nicht, indem er dir von der Not weghilft, sie wegnimmt und erspart, sondern er/es hilft nur in und durch die Not – durch die Verwandlung und Lösung, die in ihr an dir geschehen. Hier liegt der durchzustehende und zu erobernde zweite harte Kern der möglichen Gewissheit, der dich nicht ausweichen und Abhilfe erwarten, sondern nur mitten in den harten Kern der Verzweiflung eintauchen lässt. Und der Trost und die Erfahrung vieler ist es, wie gesagt, dass dort und dann, beim Eintauchen und Drinbleiben, die Lösung und Erlösung – nicht immer, aber doch sehr oft, vielleicht sogar meist – sich ergibt: wenn du dem Impass Zeit lässt oder – religiös gesprochen – geduldig bleibst. Glücklich, wer in all dieses nicht hinein muss, sondern dieses Wissen durch Teilhabe an der stellvertretenden Erfahrung anderer erwirbt. Therapie und religiöse Erfahrung wissen und bezeugen hier ganz Ähnliches. Hier erst begegnest du dem in Yin und Yang zweideutigen Gott (Göttlichen) und Sinns- und Unsinnsganzen und überwindest diese Zweideutigkeit, genau entsprechend jener alten Erfahrung Luthers, dass wir »zu Gott wider Gott laufen« müssen und er so in seinem – mitten in allen Gerichten und Vernichtungen – ungebrochenen Bejahungs- und Lebenssinn sich verwandelt und eindeutig wird – in einem größeren Leben (und Lebensverständnis), welches Leben und Sterben, Gut- und Bösesein integriert. Das ist es (wie oben bereits zitiert), dass du Gott, dem dich vernichtenden Feinde zustimmen musst, dann wird er zum Freunde. So verwandelt das Vernichtende am Leben sein Gesicht, nicht vorher – vielleicht mitten im Sterben, welches nicht erspart wird. Hier erst erkennst du die Wahrheit von Yin und Yang und versuchst nicht länger, sie im Verständnis des Göttlichen zu verleugnen und auszublenden, als wäre das Göttliche nur Liebe und Gnaden (die ER/ES wahrlich auch ist). Yang, Dunkles, Unglück und Leid sind nicht der Ausnahmefall, sondern – biologisch, geistlich und politisch – die ganze zweite Wahrheit und die zweite Hälfte des Lebendigen, angesichts deren wir zu leben lernen müssen.
Dies kannst du nur schwer alleine bestehen, hier brauchst du einen erfahrenen und ausgebildeten Begleiter/in, Seelsorger/in, Therapeuten/in, und solche gibt es. In der Zwischenzeit aber hilft es, dir dies Annehmen und Aushalten durch Musiken und Bilder nahezubringen, verständlich zu machen und zu sehen, wie andere mit solchen Situationen fertig geworden sind. Musiken: Nimm und lies den 3. Vers des eingangs zitierten Liedes bzw. hör ihn dir an (sollte es inzwischen in deiner Hausapotheke sein) in der unvergleichlichen Tenorarie der Bach-Kantate »Wer nur den lieben Gott lässt walten« (BWV 93) an: »Man halte nur ein wenig stille, wenn sich die Kreuzesstunde naht, denn unsers Gottes Gnadenwille errettet uns mit Rat und Tat ...« Hör es dir an und gib dich drein, dann hast du es leichter – unter Schmerzen und Tränen. Oder nimm Texte, lies Ina Seidels herben »Trost«: »... Was bangst du nur? Du wirst vergehn, und deiner Füße Spur wird bald kein Auge mehr im Staube finden. Doch blau und leuchtend wird der Sommer stehn und wird mit seinem süßen Atemwehn gelind die arme Menschenbrust durchdringen. Wo gehst du hin, wo kommst du her, was liegt an dir? Unsterblich duften die Linden.« In der Tat, du bist nicht so wichtig, du wirst untergehen, aber das große Leben wird weitergehen, in das du sterbend eingehst. Die Annahme des Sterbens gehört zu diesem Leben hinzu. All diese herben Tröstungen, Kreuze und Leiden sind, wenn Du sie angenommen und ihre herbe Kraft erfahren hast, Geschenke, Widerfahrnisse, Gnaden des größeren Lebens, von denen gilt, was die Heilige Schrift weiß: »Es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade.«
c) Wenn aller Trost der Welt versagt ...
Aber was, wenn all dies, wenn der Trost aller Welt und Kreatur versagt, wenn auch das Eingehen in Kreuze und Wüsten die Verzweiflung nicht löst? Dies ist außer aller Ordnung und kommt normalerweise selten vor, aber manchmal eben doch. Wir sollten dies wissen und nicht so tun, als wenn es das nicht geben könnte und überrascht oder empört sein, wenn es uns oder einem Nachbarn geschieht. Ich selber war am Orte einer solchen Verzweiflung, da alles zu versinken droht, noch nicht. Daher habe ich das, was ich jetzt sage, nur den Alten abgeschaut, abgehört, abgelesen und gebe es wieder, im Vertrauen, dass es stimmen und sich sehr wohl bewähren könnte. Ich glaube es, und diese Behauptung lautet so:
Es haben viele Menschen eine in Leben und Sterben erprobte Erfahrung gemacht und sie stellen sie uns als Hypothese zur Verfügung, die wir unsererseits nun erproben müssen: dass nämlich das Urgeheimnis der Welt, »Gott« genannt, in kleine menschliche Sprache übersetzt dies zu uns spricht, wenn wir die durch solche letzte Not geöffneten Ohren und Herzen haben: »Fürchte dich nicht, ich bin bei dir, ich helfe dir auch, ich erhalte dich. Fürchte dich nicht, du bist mein.« Es könnte ja sein, dass dies tatsächlich der – oder: ein – Sinn des unermesslichen sphinxartigen Weltengrundes ist, denn wir sahen ja schon: eine der komplementären Stimmen, Wahrheiten und Worte des Geheimnisses war und ist die Erfahrung des geschenkten Lebens, der leistungslos geschenkten Gnade, des bedingungslos Wert-, Angenommen- und Gültigseins Deiner Person und Deines Lebens, und es könnte ja wahr sein, dass diese Wahrheit auch dann noch immer gültig ist und zu uns spricht, wenn alle Analogien der Welt versagen und verstummen; dass es eine Wahrheit von jenseits aller Welt und Schöpfung, aber mitten in ihr gibt, die sich in solchen Erfahrungen niederschlägt. (Vielleicht sind diese Deutungen, die jenen Erfahrungen entstammen, Projektion, aber warum nicht? – auch Projektionen müssen keine Verirrungen in das Irreale sein, sondern sie können – wie die neuere Psychoanalyse uns gelehrt hat – vorausgreifende, deutende, entwerfende Wahrnehmungen sein, die es auszuprobieren gilt, vgl. Der fällige Ruck in den Köpfen der Kirche 105–108). Auch alle im Vorigen beschriebenen Erfahrungen von Gnade und Lösung/Erlösung in der Anfechtung waren ja nicht einfach unreligiöse bloße Welterfahrungen, sondern auch in ihnen sprach schon das Geheimnis der Welt, welches nach Dietrich Bonhoeffers genialer Formulierung »mitten in unserem Leben jenseits« ist. Hier aber, in dieser höchsten Infragestellung unseres Selbst und der Welt, hört das Sprechen und Offenbaren des Geheimnisses in und an der Welt auf, die Analogien enden (»Gott schweigt« sagt man dann meistens), aber wir können mitten in allen Verzweiflungen und Ambivalenzen der Welt und des Göttlichen selber, in Yin und Yang, noch immer die Stimme des Yin, das also, was ehemals in gnädigen Stunden in Meditation und Gebet hörende Menschen erfahren, gehört und gelernt haben, erinnern und hören: nämlich jene oben zitierten Worte, die Ohr und Herz von in Gericht und Verderben vergehenden Menschen zu hören gemeint und geglaubt haben: »Fürchte dich nicht, ich bin bei dir, du bist mein.« Dies könnte ja wahr sein (oder werden), was nur im Sich Hingeben, Sich Öffnen und Sich Anvertrauen ausprobiert und bewährt oder widerlegt werden kann. Denn hier geht es um Dinge, von denen der »Kleine Prinz« (des Saint Exupery) genau weiß: »Man sieht nur mit dem Herzen gut.« Solche Dinge gibt es, und niemand anders als das Herz entscheidet hier über ihre Wahrheit und Möglichkeit. Du kannst dies vielleicht noch besser verstehen und glaubend ausprobieren, wenn du es dir von einem Erfahrenen zusprechen lässt, es aus Büchern liest oder auf CDs hörst und es dir – mögen diese Musiken von Bach, Schütz, Schein, Brahms oder aus den Neumen gregorianisch-vorsubjektiver Melodien stammen – in Ohr und Herz singen lässt: »Fürchte dich nicht, ich bin bei dir... du bist mein«. Eine der großen Motetten Johann Sebastian Bachs (BWV 228) hat diesen Text in Musik versetzt und eine Bass-Arie, die der Tenor-Arie in der oben bereits zitierten Choral-Kantate folgt, singt: »Wenn Trost und Hilf ermangeln muss, die alle Welt erzeiget, so kommt, so hilft der Überfluss, der Schöpfer selbst, und neiget die Vateraugen denen zu, die sonsten nirgend finden Ruh« (BWV 93). Hör sie dir an. Natürlich ist die persönliche Formulierung (»Ich«, Du«, »Vateraugen«) in diesem (vermuteten, gedeuteten) Sprechen des namenlosen Geheimnisses nur analog und symbolisch zu nehmen, weil wir Menschen nicht anders wissen und verstehen können, aber dies Sprechen könnte ja die menschliche Gestalt einer übermenschlichen, überpersönlichen Wahrheit im Grund und Abgrund der Welt sein. Und dass das Weltganze, der geheimnisvolle Weltengrund solch väterlich-behütende Seiten immer auch in sich und uns zur Verfügung hat, das möchte ich nicht bezweifeln: mitten im (nicht aufgehobenen) Sterben und Leiden! Hier offenbart vielleicht also vielleicht wirklich die Sphinx des göttlichen Geheimnisses eine unerwartete Seite von sich, von der es in der religiösen Weltgeschichte der Menschheit schon längst Vermutungen und Geraune gab und die, besonders in der Gestalt des Jesus von Nazareth, zum Zeugnis eines gewissen Glaubens, einer gewissen Überzeugung wurde: »So und von dieser gnädigen Art ist das göttliche Geheimnis im Grunde der Welt, verlass dich drauf.« Wäre dies wahr, dann bedeutete es: Wir Menschen können lernen, dieses in der menschlichen Geschichte immer wieder gehörte, entschlüsselte, vermutete, projektiv wahrgenommene Sprechen des göttlichen Geheimnisses als den äußersten Rand und die äußerste Möglichkeit des unzugänglichen Verstehens zu erkennen, am Rande und jenseits aller Schöpfung, aber eben doch von Menschen im Leben und Sterben gehört und bezeugt, vermutet und gewagt, also in Herz und Gewissen zu Menschen als gültiger Teil der Schöpfung gesprochen. Das ist es, was man das zu uns gesprochene und auf uns in den ambivalenten Abgründen der Welt wartende »Wort Gottes« an uns mitten in allen Finsternissen nennt, ein Wort, eine Hypothese, auf das man sein Leben und sein Herz wagen kann und muss: kein direkter Sprechakt einer metaphysischen Instanz und Gottperson (die es nicht gibt) aus dem Off, kein außerirdischer Eingriff in die Schöpfung jenseits aller geschichtlichen Weltbedingungen, sondern das Sprechen und Sich-Offenbaren des Geheimnisses, das überall in der Schöpfung, daher eben auch an dieser Stelle der Schöpfung, genannt Herz und Gewissen in Vergangenheit und Gegenwart, ist: unter historischen, in der kulturellen Evolution sich ergebenden Möglichkeiten und erfahrenen Bedingungen, auch aus ihnen sprechend, wenn wir Menschen gelernt haben zu hören; denn es waren geschichtliche Menschen, unter ihnen in diesem Punkte besonders jener Jesus von Nazareth, die diese Hypothese, so bedingungslos gnädig sei Gott und das Urgeheimnis allen Lebens, gewagt und in die Welt gebracht haben. Hier ist und spricht – wenn es denn wahr wäre – eine Wahrheit von jenseits aller Schöpfung, jenseits allen Trostes der Schöpfung und Kreatur, so wie das göttliche Geheimnis der Schöpfung schon immer »mitten in unserem Leben [aber eben] jenseits« war, damals vermutet und gelernt, seither für die Stunden der Verzweiflung aufbewahrt und heute uns vorgelegt.2 Hier spricht das Geheimnis in seinem letzten, durch Tod und Verderben hindurchgegangenen (beide aber nicht aufhebenden!) Lebenssinn. Auch wenn du dies jetzt nicht genau weißt, glaubst und – Gott sei Dank mangels solch extremer Erfahrungen – auch nicht wissen musst: du kannst es dir merken und kannst es in Gedanken immer wieder mal vorbereitend umkreisen und bedenken. Hier ist höchste Stufe der Anfechtung; hier entsteht und entscheidet sich die Möglichkeit von Lebensmut und Gottvertrauen noch in der äußersten Infragestellung. Gut, dass die wenigsten von uns in diese Höllen und Anfechtungen hinunter müssen; aber es gibt sie. Gut auch, dass immer wieder andere Menschen – stellvertretend für uns – diese Tiefen erkundeten, bestanden (nicht wenige gehen in solchen Erfahrungen auch unter, denn das göttliche Geheimnis ist auch Yang) und uns teilhaben lassen.– Kehren wir aber nun noch einmal zur einfacheren Normalität zurück.
4) Gültige Normalität – die über den Abgründen wiedergewonnene Naivität
Dies alles ist m. E. wahr. Darum ist es wichtig, sich für all dies immer wieder Zeit zu nehmen und es in den eigenen Gedanken, Empfindungen und Hausapotheken wachsen, sich niederschlagen zu lassen und, wenn der Himmel es einem gibt, inzwischen mit Freuden zu genießen und mit Staunen, Dank und Demut zu leben – egal ob Du an einen persönliche Gott glaubst oder nicht. (Denn die theistische Gottvorstellung ist nur eine unter den mancherlei Lösungsmöglichkeiten und Beantwortungen des religiösen Themas.) So wäre es Undank gegen«Gott«, das Geheimnis aller Dinge, und gegen die Schöpfung, die Schöpfungsgnaden der Welt nicht wahrzunehmen und sie nicht dankbar zu durchleben, auch wenn die Freude und der Tanz des Lebens faktisch immer auf dem Vulkan der jederzeit hereinbrechenden und massenhaft bereits stattfindenden Unglücke allenthalben vor sich geht und es uns immer erwischen kann, eben weil der Urgrund des Lebens und dieser Welt Yin und Yang, beides zugleich ist. Das Verneinen dieses Dankes und Mutes wäre das Absägen des Astes, auf dem wir sitzen und leben, wäre Undank und Unwahrheit. Dies muss man wissen, weil sonst allzu leicht die Suggestion entsteht, als wenn, wer in diesen Tiefen des Leids und den Höhen der Erleuchtung nicht lebt, religiös oder christlich gesehen, oberflächlich sei. Doch es ist ein Geschenk der Schöpfungsgnaden, wenn wir nicht dauernd in Tiefen und Höhen schweben müssen, sondern gesund und halbwegs unangefochten unser normales Leben leben lebendig können – mit Dank und Freude, Stolz und Demut, Ehrfurcht, Neugier und aufrechtem Gang. Nur wer in der Krise ist, muss (wir zitierten es bereits) die Frage nach dem Sinn stellen, denn Naivität, ich wiederhole es, ist auch eine Gabe des Göttlichen und der Evolution. Seien wir also dankbar, wenn sich die Frage nach Sinn, Trost und Gewissheit nicht dauernd stellt.
Indessen – zu jeder naiven gesamtorganismischen (körperlichen) wie seelischen Gewissheit alles Lebendigen gehört immer auch Spannung und ein bestimmtes Maß an lebensnotwendiger und lebenswahrer, daher bleibender Ungewissheit. Ich bin meines Lebens nie ganz gewiss und – in der Regel – nie ganz ungewiss. Wenn die Kirchen heute – im Unterschied zu früheren, in diesem Punkte m. E. wahreren Generationen – nur von der Liebe Gottes als dem Grund der völligen Gewissheit sprechen, dann versprechen sie anderes als wahr ist und mehr als der Glaube halten kann (wie oft zu erfahren ist). Die Christenheit wusste früher immer von den (oben genannten) Schatten und Bedrohungen im Gottesbild, von Yin und Yang im Geheimnis der Welt, so dass niemand weiß, ob sein Leben und Heil gelingt, ob er der Liebe oder des Hasses würdig ist (Prediger 9,1), so dass wir Gott nicht nur zu »lieben«, sondern, wie Luther eingeschärft hat, immer »fürchten und lieben« sollen, und dass es uns lt. dem Apostel Paulus gebührt, unsere Seligkeit, unser Leben »mit Furcht und Zittern« zu schaffen. Das sind religiöse und seelische Urwahrheiten des uns immer auch lebendig und untergründig begleitenden notwendigen Ungewissheitskoeffizienten. Dasselbe auf ganz anderer, trivialer Ebene gesagt: Ich gestehe, dass ich auch bei mir selber gar nicht den Wunsch oder die Notwendigkeit empfinde, ständig gewiss oder getröstet zu sein, weil man die großen Fragen nach Schuld, Verhängnis und Sünde nicht dauernd stellen und in alltäglich-lächerlichen Lasterkatalogen, Puppensünden und deren Zerknirschung vertrödeln soll; dass vielmehr eine gewisse Spannung und Unsicherheit, auch Ungewissheit samt immer wieder notwendigen Grenzüberschreitungen zur Lebendigkeit gehört, um aufmerksam, neugierig und anspruchsvoll zu leben, zu arbeiten und die Welt und ihre Möglichkeiten in den immer neuen Zwiebelschalen und Weiterungen, in denen sie sich um uns herum mit zunehmendem Alter entfaltet, zu entdecken. Grundiert von dieser lebendig-notwendigen Ungewissheitsspannung ist es eine wunderbare und gnädig geschenkte Form der Gewissheit und des Gott- und Lebensvertrauens, wenn die Verlässlichkeit der Welt uns trägt und uns leben lässt; denn diese Verlässlichkeit ist ja – noch einmal sei es gesagt – , sofern die Welt ein wunderschöner bzw. bedrohlich-schöner Kosmos und nicht ein lebensunfähiges Chaos ist, auch ein Wunder des göttlichen Geheimnisses. Eben dieses ehren wir mit der Grundgeste des uns gebührenden Staunens und der Dankbarkeit, die das Geschenkte und Gnädige am Leben in Demut zu nehmen weiß, gleichgültig ob man an eine theistische Gottperson glaubt oder nicht. »Ich glaube an keinen – ›einen‹ – Gott, aber an das große und wunderbare Geheimnis in allen Dingen« und »Ich tröste mich keines (etwa eingreifenden) Gottes, den es (wie gezeigt) nicht gibt, aber all der in der hochambivalenten Welt ausgestreuten, aufbewahrten und verborgen wartenden, tragenden Gnaden und Gewissheiten, in die ich meditierend mich einlasse und mich mit ihnen verbünde«, heißt es in dem o. g. Buch vom »Fälligen Ruck in den Köpfen der Kirche« (Kap. VI). Auch wer an keine Gottperson glaubt, wer »Gott« als den Namen der aus Leben und Tod, Geburt und Schrecken gebärenden Urwirklichkeit des göttlichen Geheimnisses der Welt und des Lebens glaubt, welches zu fürchten und zu lieben ist; auch wer immer auf der nie ganz gewissen Kippe von Hell und Dunkel, Schön und Schrecklich, Gut und Böse lebt, kann mit Lob und Dankbarkeit, Furcht und Zittern – denn wir leben immer auf dem Vulkan – gültig und wahrhaft religiös leben. All jenes Schlimme zu wissen und noch immer dankbar zu bleiben, sich zu freuen und so der konstitutiven Gnaden-, Geschenk- und Schönheitshälfte der Welt die Ehre der Wahrheit zu geben, – das wäre, nein: das ist die zweite, gebrochene, aber nach allen Brüchen wiedererworbene, wiedergewonnene und nunmehr bewusste Stufe des naiv dankenden und staunenden Welt- und Gottvertrauens. Wer so lebt, kann – auch wenn er an keinen persönlichen Gott glaubt, aber doch »Gott«, das un- und überpersönliche Geheimnis allen Lebens weiß – non-theistisch verstanden auch noch den letzten Vers aus dem nun schon zwei mal zitierten Liede singen: »Sing, bet und geh auf Gottes Wegen, verricht das Deine nur getreu. Und trau des Himmels reichem Segen, so wird er bei dir werden neu. Denn welcher seine Zuversicht auf Gott setzt, den verlässt er nicht.« Das non- oder transtheistisch verstandene Urgeheimnis dieser Welt hat unendliche Lebensmöglichkeiten in sich, für uns bereit, wenn wir sie mit empfangendem Herzen zu nehmen wissen. Darauf kannst du dich verlassen – bis es dich vielleicht doch einmal mit Unglück und Dunkel erwischt. Dann sei gewappnet. Siehe oben. In der Zwischenzeit aber lebe tapfer (fortiter), fröhlich und dankbar drauf zu.
Fußnoten
1 Die religionsgeschichtliche Ungenauigkeit dieser Begriffsbenutzung übergehe ich hier.
2 Hier offenbart und verdeutlicht sich auch, dass schon jene oben besprochenen Erfahrungen und Tröstungen – in der naiven Weltfrömmigkeit des 1. (oben zitierten) Choralverses, in den Gnadenerfahrungen in und aus allen Erfahrungen der Schöpfungsgnade, und die der Lösung/Erlösung im Impass – dass alle jene Erfahrungen nicht nur Vertrauen auf die Welt waren (als dass sie natürlich anfangs leicht missverstanden und deswegen immer wieder als Erfahrungen geklärt werden müssen, die an der Welt vom jenseiten Geheimnis in ihr zu unterscheiden sind), sondern dass auch sie schon – recht verstanden – Erfahrungen des Geheimnisses waren, welches »mitten in unserer Welt jenseits« ist und daher in und aus der Welt durch unerhörte Lebens-, Möglichkeits- und Gnadenerfahrungen spricht.
»Wer nur den lieben Gott lässt walten und hoffet auf ihn allezeit, den wird er wunderbar erhalten in aller Not und Traurigkeit. Wer Gott, dem Allerhöchsten traut, der hat auf keinen Sand gebaut.« Das könnte Anfang und Fundament eines wunderschönen, schlichten, vielleicht auch naiven, ungebrochenen Gottvertrauens sein, welches sich allermeist sogar erfüllt. Selbst wenn man nicht genau weiß, ob es sich dabei um ein genuin religiöses Gottvertrauen handelt, in dem man da lebt und, solange nichts Schlimmes passiert, »wie Kinder fromm und fröhlich« sein kann, oder ob es sich um ein Verlassen auf die – in unseren Wohlstandsbreitengraden einigermaßen bewährte – Verlässlichkeit der Welt handelt: das Vertrauen auf die Verlässlich-weit der Welt hat, indem es aus einem unreflektierten Urvertrauen und aus den religiösen Tiefen der Welt lebt, tiefe religiöse Wahrheit bei sich. Denn die Verlässlichkeit der Welt gehört ja zu den auch religiös wahren Wundern unserer Welt: »dass etwas ist und nicht vielmehr nichts«; dass wir in einer noch immer menschen- und lebensfähigen Welt leben und das Wunder und Geschenk unseres Lebens dankbar-staunend erleben und naiv-fromm genießen können. Dies alles hat Recht und ist allen Dankes wert. Meistens geht ja auch alles – zunächst oder auf längere Sicht – gut. C. G. Jung dazu: Nur wer in die Krise gerät, muss nach dem Sinn fragen; wer seelisch gesund ist, muss es normalerweise nicht. Man muss daher nicht ständig in Tiefen, Probleme und Infragestellungen seiner selbst und des Lebens hinuntersteigen, um ein gültiges, auch religiös gültiges Leben zu leben. Die Schöpfung d. i. die Evolution hat uns auch die Möglichkeit der schlichten Naivität gegeben; auch das Vertrauen auf die Schönheit der Welt und des Lebens kann tief empfundenes Gottvertrauen sein. Dies kann auch glauben und empfinden, wer nicht mehr an eine theistisch-metaphysisch-persönliche Gottperson glaubt. Denn »einen Gott, den es gibt, gibt es nicht«, sagt ein Prophet der jüngsten Christentumsgeschichte (Dietrich Bonhoeffer). »Gott« – das kann daher auch der Name des uns überall und in allen Dingen umgebenden göttlichen Lebensgeheimnisses sein. Dieses religiös zu verehrende Wunder und Geheimnis der tragenden und verlässlichen Welt ist »mitten in unserer Welt [aber in ihr doch immer] jenseitig« (Bonhoeffer), es ist in und an allem wahrnehmbar, nie aber mit irgendetwas Geschöpflichem identisch, es ist immer nur (innerlich und äußerlich) uns »gegenüber« (coram). Und zu diesem Urgeheimnis der Welt in allen Dingen kann man ein ganz naives und tragendes Vertrauen haben, denn die Tiefe unserer Welt ist in der Tat voller schenkenden Lebens und voller glücklicher Möglichkeiten. (Auf die vernichtende, dunkle Seite dieses Geheimnisses komme ich gleich.). So gewährt auch in dieser nontheistischen, an keinen persönlichen Gott glaubenden Form das Wunder der Welt ein völliges und genügendes Lebens- und Gottvertrauen, wenn wir denn zu staunen lernen. Hier ist längst ein Paradigmenwechsel in der Vorstellung des Göttlichen eingeläutet, den Kirche und Theologie noch immer kaum realisieren, mit dem nur zu viele Menschen aber längst leben. (Wer über diese fundamentale, auch für unsere Frage hier entscheidende Veränderung im Verständnis »Gottes« oder vielmehr des Göttlichen nachlesen möchte, kann das in dem Buch von Bischof J. Sh. Spong »Warum der alte Glaube neu geboren werden muss«, Kap. IV »Das Ende des Theismus, nicht das Ende Gottes« oder in meinem Buch »Der fällige Ruck in den Köpfen der Kirche«, Kapitel II »Non-theistisch an Gott glauben« und Kapitel VI »Umriss, Stufen und Vorschein einer veränderten, gebrochenen Gewissheit – Quellen des Muts« tun). Auch in diesem trans-theistischen Sinne lässt sich die Wahrheit jenes Verses »Wer nur den lieben Gott lässt walten ...« verstehen, singen, beten und leben. Die Zeiten solch Staunens und schlichten Vertrauens dauern in verschiedenen Biographien verschieden lang. Solange sie aber dauern, nehme und lebe man sie mit wachem Dank, der sich des Unselbstverständlichen einer solchen Zeit, eines solchen Schicksals und jeden Glücks bewusst sei. Kostbar ist die Lebenszeit. Denn irgendwann kommen andere Stunden, ohne die wir nicht erwachsen werden und die Welt nicht wirklich zu sehen bekommen. Inzwischen aber gilt es zu wissen, dass es Sinn und Wille der Schöpfung ist, dass wir intensiv und lebendig in der Autonomie und »Freiheit der Kinder Gottes« leben, nicht falsch-bescheiden uns anpassen sollen, denn es steht geschrieben, dass wir Menschen »das Leben und volle Genüge haben sollen« (Joh.10,11). Darauf kannst du dich verlassen. Lebe also bewusst und mutig (fortiter) drauf zu.
2) Der erste Kern des Vertrauens im Meer der Zweideutigkeiten: die Wahrheit des geschenkten Lebens
Unbeschadet aller künftigen Infragestellungen und Anfechtungen, Gemeinheiten und Destruktionen, von denen umgeben wir in unserer Welt leben, – es gibt eine unbestreitbare Urwahrheit der Schöpfung, die auch durch viel Gegenläufiges und scheinbar Widersprechendes nicht unwahr wird, nämlich: Ich glaube, nein: ich weiß und sehe – wenn ich die Augen aufmache – dass mitten in allen Zweideutigkeiten und Gemeinheiten der Welt eben diese Welt auch voller Geschenke, Schönheiten und Erfüllungen ist, wenn wir die Hände und unser Herz zu öffnen wissen und bereit sind, dies alles wahrzunehmen und zu empfangen. Denn es gibt immer auch die zentralen Erfahrungen dieser Welt und unserer Menschlichkeit, die wir – nicht aus Gründen unserer Schwäche und Unfähigkeit, sondern aus Gründen der Struktur dieser Erfahrungen selbst – nicht machen oder verdienen können, sosehr wir sie ersehnen und wünschen; vielmehr können wir sie nur empfangen und geschenkt bekommen – vom Leben, vom Schicksal, von »Gott« (welchen Namen auch immer man hier wählt): Liebe, Sinn, Erfüllung, Segen, die Schönheit einer Blume, einer Begegnung, eines Gedichts, einer beglückenden Musik, eines erschütternden Bildes oder einer ergreifenden Landschaft. Sie alle weisen auf jenes große – meist »Gott« genannte – Geheimnis hin, das sie alle in sich haben; ihnen allen kann man nur mit geöffneten und empfangenden, dankenden Händen und Herzen entsprechen, nicht mit zum Handeln entschlossenen geschlossenen Fäusten. Das Nichtmachbare, das Geschenkte gehört allermeist zur Struktur der Schöpfung, zu dessen Wahrnehmung und Empfangen wir oft erst erlöst werden müssen. Sein religiöser, oft verlachter und misskannter Name ist Gnade, eine Urwahrheit der Welt und des Menschen. Denn die Welt ist voll von diesen Möglichkeiten und Erfahrungen, die wir nur oft nicht wahrnehmen, die aber auch dann wahr und wirklich sind, wenn wir (und sie) umgeben und beschattet sind von vielfacher Gemeinheit, Destruktion, Lieblosigkeit und Sinnlosigkeit. Man muss es nur lernen, dies beides gleichzeitig wahrzunehmen und komplementär zu denken, zu wissen. Die Gnaden der Welt – die Theologen nennen sie Schöpfungsgnaden – sind eine Urwahrheit der Schöpfung, auch der entfremdeten Schöpfung. Denn dass es kein wahres Leben im falschen geben könne, war eine der entscheidenden Unwahrheiten der bis heute wunderbaren zweiten Aufklärung, von der wir uns erst wieder befreien mussten. Es gibt sie sehr wohl und es kommt nur darauf an, dass wir lernen, sie wahrzunehmen, sie zu empfangen; dass wir lernen und üben, unsere Herzen und Hände empfangend zu öffnen; dass wir lernen loszulassen, zu beten oder zu meditieren. »Gottes bedürfen ist des Menschen höchste Vollkommenheit« (Kierkegaard). Mit diesen offenen, empfangenden Händen und Herzen erschließt sich die ganze Welt neu und eine halbe bisher übersehene Welt wird sicht- und erlebbar. Wer sich in diese Wahrnehmungen und Erfahrungen einübt und einlernt, hat Basis und Standort für die Bewältigung alles Weiteren, das erst noch auf uns zukommt. Hier ist die Quelle unendlich möglichen Gott- und tiefen Weltvertrauens; hier ist die – sozusagen leichte – Einübung des dankbaren Loslassens und Empfangens und damit des Bewusstseins und der Wahrheit unseres konstitutiven Angewiesenseins. Allein das Danken entspricht dieser Urwahrheit der Gnade in aller Schöpfung. Hier ist die eine – wahrhaftig nur die eine, aber doch die eine – Seite der schenkenden göttlichen Urwirklichkeit und ihres Geheimnisses in allen Dingen erlebbar, fühlbar und erlernbar. Schon dies fällt uns schwer in unserem – gesellschaftlich gelernten – immer ethisch-aktivistischem Wahn, als wenn alles Wichtige in unseren Händen stehe und machbar wäre, wenn wir uns nur anstrengen. Diese Einbildung hat eine lange religiöse Vorgeschichte in dem jede, auch die christliche Religion als Gefahr begleitenden Denken und Glauben des sog. Synergismus, als müssten wir alles tun oder wenigstens »mittun«. Die reine Gnade und der Geschenkcharakter des Lebens sind aber eine Urwahrheit der Welt. Dies weiß in unserer Gesellschaft fast nur noch die Religion, zumal die christliche (und auch sie durchaus nicht immer).
Hierzu aber gilt es noch eins zu wissen und zu beherzigen: dass man in den Stunden der Not kaum lernen, suchen und finden kann, was man in Stunden der Not braucht, um die Gewissheit des geschenkten Lebens und des Dankes zu gewinnen. Darum gilt es, in den Stunden des frohen, gelungenen und kräftigen Lebens bereitzulegen und zu lernen, was die Seele braucht, was sie tröstet und anspricht; in der Stunde der Not und der angefochtenen Gewissheit, nimmt die Seele selten etwas Neues auf, da kann sie sich meist nur auf bereits Bekanntes, zu Erinnerndes beziehen, was sie schon in sich hat und nur noch herauf- und hervorrufen muss. Jeder und jede muss daher beizeiten für sich üben, finden und anschaffen: welche Musiken sprechen zu meiner Seele, welche Gedichte, Bibel- oder Buddha-Verse freuen, ernähren und bestätigen meinen Mut und entlarven das scheinbare Unglück oder relativieren das wirkliche? Was hat mir schon mal in schweren Situationen geholfen und die Suggestion aufgelöst, dass es eben nur Schlimmes und Schwarzes gebe? Diese Texte, Bilder, Musiken, Landschafts- oder Naturerinnerungen haben die Kraft, mir zu zeigen, dass es noch etwas anderes als das eben vermeinte allein herrschende Unglück gibt! Hier ist die Schule der zu lernenden Gewissheit. Woher die Anmaßung, sich nie um all dies kümmern zu wollen, und dann soll auf einmal die Hilfe zur Verfügung sein, die die Seele aufzufassen und zu verstehen nie gelernt hat? »Du musst Bilder des Lebens haben, die Bilder des Todes werden dir sonst zu stark«, weiß ein in diesen Dingen Alterfahrener. Diese Schule des Lebens und des seelischen wie physischen Sterbens musst du beizeiten, in guten Zeiten immer wieder besuchen. Denn in jedem Leben kommt irgendwann Schwieriges, Schweres; du bist diesem sonst wehrlos ausgeliefert. Was dann? Was kommt?
3) Stufen der Verunsicherung – Bewährung des Muts und Vertrauens
Diese Stufen der Verunsicherung und Infragestellung sind zu vielfältig, als dass wir uns ihnen hier auch nur halbwegs angemessen nähern können. Aber soviel sei doch versucht:
a) Die kleinen Unglücke – von außen und von innen
Sie geschehen, wenn Erfahrungen kommen, die das Leben in Frage stellen, die uns beschweren, aber nicht eigentlich überrennen. Dann musst und kannst Du Dich mit den eben beschriebenen, immer auch anwesenden Kräften des Heils, des geschenkten Lebens, der erfahrenen und gewussten Gnaden, deren Wahrheit Du im Herzen hast oder erinnerst, verbinden und verbünden. Dies geschieht für theistisch denkende Menschen im Gebet, für non-theistisch empfindende in der Meditation, denn diese – beide – sind das Loslassen, das sich der Erfahrungen erlebter Gnade erinnert und ihnen anvertraut: »Dein Wille geschehe.« Die Mächte und Realitäten des Unheils mögen – wenn ich mich einmal mythologisch ausdrücke – dieses sich Ein-lassen auf die Kräfte des Heils und der Gnaden nicht; sie ziehen sich dann zurück und fliehen, sie werden entmachtet (weil sie nicht mehr alleine herrschen, sondern nur noch auch da sind und damit ihre Suggestion und Macht verlieren). Wer keine Hausapotheke seiner Gewissheiten, Tröstungen und Gegenwahrheiten hat, wessen Seele leer ist und keine Texte und Gebete weiß, die die leere und ratlose Seele – über ihr eigenes Nichtwissen und Verstummen hinaus – in solchen Zeiten murmeln, lesen, hören, zu Hilfe rufen und beten kann, ist schlecht dran. »Der Geist hilft unserer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sichs gebühret. Aber der Geist vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen«, wie Paulus weiß. Es gibt aber eine objektive und immer zugängliche Gestalt dieses Geistes: das sind die Gedichtbände, Schallplatten, CDs und Bildbände, Gesangbuchverse und Heiligen Texte (biblischer, taoistischer, buddhistischer oder anderer, säkularer Herkunft), in denen anschaubar, sprechbar, fühlbar ist, was der größere Geist uns eingibt, wenn unser kleines Gefühl verarmt, unser Geist verstummt und unser Herz sprach- und ratlos wird. (Besonders bei den vielen wunderschönen Gesangbuchversen muss man vorbereitet sein und ausgewählt haben, weil hier – im Gesangbuch – die schönsten Gestalten des Trostes und der Gewissheit direkt neben den furchtbarsten Unerträglichkeiten kirchlicher Unkultur und Verzerrung stehen.) Trost und Gewissheit bestehen für uns vielfach, wenn nicht meist, außerhalb unser selbst (»extra nos« nennen das die Theologen), sehr oft nicht in uns – gerade in entscheidenden Situationen; man muss sie äußerlich, vor sich und anschaubar, anhörbar haben, man muss sie aus dem Regal nehmen oder in den CD-Player legen können. Das muss man wissen und sich vorbereiten. Die Seele wächst nur langsam, nicht in Zeiten der Not auf einmal und schnell zu neuen Ufern und Gewissheiten. – Dies ist die eine Gestalt von Not, Kummer und Unglück, der zu begegnen man lernen und wissen muss. Daher die Notwendigkeit dieser Texte, Musiken und Bilder der Lebens- und Sterbekunst. Den meisten von uns begegnet Gott sei Dank nur diese kleinere Form. Die nächste aber ist:
b) Die größeren Infragestellungen – der zweite Kern der Gewissheit
Es gibt Situationen, da hilft keine Hilfe von außen und keine Hilfe hilft dir weg von den Nöten und Verzweiflungen; da musst du vielmehr mitten hinein und die Sache von innen durchstehen. Du musst den Konflikt, die Finsternis, die Infragestellung deiner selbst und Gottes bzw. des Göttlichen (des Welt- und Lebensgeheimnisses) selbst annehmen und in sie hineingehen. Nicht nur wirst du selbst völlig in Frage gestellt, sondern auch Gott verschwindet und wird zweideutig. Hier lernst du endgültig, dass es einen Gott, »den es gibt«, der helfend eingreift, gar »nicht gibt«; die Annahme einer alles ordnenden, behütenden Macht im Grundgefühl des Lebens wird entlarvt und verschwindet. Und du musst begreifen, dass das (göttliche) Geheimnis des Lebens, der Lebens- und Welturgrund selbst – schon immer, doch meist nicht wahrgenommen – nicht nur Liebe und Gnade, sondern auch Dunkel, Sterben, Gericht und Tod, Vernichtung, eben Yin und Yang ist.1 »Ist auch ein Unglück in der Stadt, dass der Herr [er selber!] nicht tue?«, weiß der Prophet (Amos 3,6); Gott, das Geheimnis in allen Dingen, ist auch das verborgene, finstere, vernichtende, weiß nicht nur Luther. Die östlichen Religionen zeigen dies heute besser und deutlicher, von ihnen ist daher dies integrative bzw. inklusive Verständnis des Göttlichen zu lernen; aber auch das Christentum kennt ursprünglich dies in zentralen Traditionen, die wir nur wieder zu entdecken haben. Alles andere ist Unwahrheit und Einbildung der Wohlstandszonen unserer Welt, ist neuzeitliche Wohlstandstheologie. Hier liegt ein weiteres Zentralelement im heute vor sich gehenden Paradigmenwechsel des Verständnisses des Göttlichen (Kurzinformation hierzu: Der fällige Ruck in den Köpfen der Kirche 79f. 252ff) In diese Erfahrungen musst du hier hinein. In der Therapie nennt man das: du musst in die Sackgasse, in den Engpass (Fritz Perls: in den impass) hinein und musst es darauf ankommen lassen, was dir da geschieht. Du weißt nicht, ob und was und wie es sich da lösen wird. Religiös heißt das (in Luthers, eines in diesen Dingen Erfahrenen, Sprache): du musst Gott, deinem Feinde, der dich bedroht und vernichten will, zustimmen et sic fiet amicus, dann wird er dein Freund; in der Sprache mystischer Tradition: du musst in den Abgrund der stillen wüsten Gottheit eintauchen, musst in die Hölle selbst und es dort auf die Verwandlung ankommen lassen. Alle diese Formulierungen sprechen von derselben Erfahrung, dass, wenn du die Wüste annimmst, sie zu blühen beginnt (Perls). Davon ließe sich jetzt viel erzählen, was hier nicht geschehen kann, aber das ist hier der einzige – zunächst, bevor du drin warst, nur theoretische – Trost, den viele Erfahrungen und Menschen bezeugen, nämlich dass es diese Verwandlung und Lösung im Annehmen des Konflikts und im Eingehen in die Verzweiflung, in den Nebel, in das Nichtwissen gibt und dass dort die Verwandlung, die Öffnung und Lösung dich erwartet und möglich ist. Religiös gesprochen heißt er: »Gott«, die Fülle des Seins und des Möglichen im Urgrund aller Dinge, hilft nicht, indem er dir von der Not weghilft, sie wegnimmt und erspart, sondern er/es hilft nur in und durch die Not – durch die Verwandlung und Lösung, die in ihr an dir geschehen. Hier liegt der durchzustehende und zu erobernde zweite harte Kern der möglichen Gewissheit, der dich nicht ausweichen und Abhilfe erwarten, sondern nur mitten in den harten Kern der Verzweiflung eintauchen lässt. Und der Trost und die Erfahrung vieler ist es, wie gesagt, dass dort und dann, beim Eintauchen und Drinbleiben, die Lösung und Erlösung – nicht immer, aber doch sehr oft, vielleicht sogar meist – sich ergibt: wenn du dem Impass Zeit lässt oder – religiös gesprochen – geduldig bleibst. Glücklich, wer in all dieses nicht hinein muss, sondern dieses Wissen durch Teilhabe an der stellvertretenden Erfahrung anderer erwirbt. Therapie und religiöse Erfahrung wissen und bezeugen hier ganz Ähnliches. Hier erst begegnest du dem in Yin und Yang zweideutigen Gott (Göttlichen) und Sinns- und Unsinnsganzen und überwindest diese Zweideutigkeit, genau entsprechend jener alten Erfahrung Luthers, dass wir »zu Gott wider Gott laufen« müssen und er so in seinem – mitten in allen Gerichten und Vernichtungen – ungebrochenen Bejahungs- und Lebenssinn sich verwandelt und eindeutig wird – in einem größeren Leben (und Lebensverständnis), welches Leben und Sterben, Gut- und Bösesein integriert. Das ist es (wie oben bereits zitiert), dass du Gott, dem dich vernichtenden Feinde zustimmen musst, dann wird er zum Freunde. So verwandelt das Vernichtende am Leben sein Gesicht, nicht vorher – vielleicht mitten im Sterben, welches nicht erspart wird. Hier erst erkennst du die Wahrheit von Yin und Yang und versuchst nicht länger, sie im Verständnis des Göttlichen zu verleugnen und auszublenden, als wäre das Göttliche nur Liebe und Gnaden (die ER/ES wahrlich auch ist). Yang, Dunkles, Unglück und Leid sind nicht der Ausnahmefall, sondern – biologisch, geistlich und politisch – die ganze zweite Wahrheit und die zweite Hälfte des Lebendigen, angesichts deren wir zu leben lernen müssen.
Dies kannst du nur schwer alleine bestehen, hier brauchst du einen erfahrenen und ausgebildeten Begleiter/in, Seelsorger/in, Therapeuten/in, und solche gibt es. In der Zwischenzeit aber hilft es, dir dies Annehmen und Aushalten durch Musiken und Bilder nahezubringen, verständlich zu machen und zu sehen, wie andere mit solchen Situationen fertig geworden sind. Musiken: Nimm und lies den 3. Vers des eingangs zitierten Liedes bzw. hör ihn dir an (sollte es inzwischen in deiner Hausapotheke sein) in der unvergleichlichen Tenorarie der Bach-Kantate »Wer nur den lieben Gott lässt walten« (BWV 93) an: »Man halte nur ein wenig stille, wenn sich die Kreuzesstunde naht, denn unsers Gottes Gnadenwille errettet uns mit Rat und Tat ...« Hör es dir an und gib dich drein, dann hast du es leichter – unter Schmerzen und Tränen. Oder nimm Texte, lies Ina Seidels herben »Trost«: »... Was bangst du nur? Du wirst vergehn, und deiner Füße Spur wird bald kein Auge mehr im Staube finden. Doch blau und leuchtend wird der Sommer stehn und wird mit seinem süßen Atemwehn gelind die arme Menschenbrust durchdringen. Wo gehst du hin, wo kommst du her, was liegt an dir? Unsterblich duften die Linden.« In der Tat, du bist nicht so wichtig, du wirst untergehen, aber das große Leben wird weitergehen, in das du sterbend eingehst. Die Annahme des Sterbens gehört zu diesem Leben hinzu. All diese herben Tröstungen, Kreuze und Leiden sind, wenn Du sie angenommen und ihre herbe Kraft erfahren hast, Geschenke, Widerfahrnisse, Gnaden des größeren Lebens, von denen gilt, was die Heilige Schrift weiß: »Es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade.«
c) Wenn aller Trost der Welt versagt ...
Aber was, wenn all dies, wenn der Trost aller Welt und Kreatur versagt, wenn auch das Eingehen in Kreuze und Wüsten die Verzweiflung nicht löst? Dies ist außer aller Ordnung und kommt normalerweise selten vor, aber manchmal eben doch. Wir sollten dies wissen und nicht so tun, als wenn es das nicht geben könnte und überrascht oder empört sein, wenn es uns oder einem Nachbarn geschieht. Ich selber war am Orte einer solchen Verzweiflung, da alles zu versinken droht, noch nicht. Daher habe ich das, was ich jetzt sage, nur den Alten abgeschaut, abgehört, abgelesen und gebe es wieder, im Vertrauen, dass es stimmen und sich sehr wohl bewähren könnte. Ich glaube es, und diese Behauptung lautet so:
Es haben viele Menschen eine in Leben und Sterben erprobte Erfahrung gemacht und sie stellen sie uns als Hypothese zur Verfügung, die wir unsererseits nun erproben müssen: dass nämlich das Urgeheimnis der Welt, »Gott« genannt, in kleine menschliche Sprache übersetzt dies zu uns spricht, wenn wir die durch solche letzte Not geöffneten Ohren und Herzen haben: »Fürchte dich nicht, ich bin bei dir, ich helfe dir auch, ich erhalte dich. Fürchte dich nicht, du bist mein.« Es könnte ja sein, dass dies tatsächlich der – oder: ein – Sinn des unermesslichen sphinxartigen Weltengrundes ist, denn wir sahen ja schon: eine der komplementären Stimmen, Wahrheiten und Worte des Geheimnisses war und ist die Erfahrung des geschenkten Lebens, der leistungslos geschenkten Gnade, des bedingungslos Wert-, Angenommen- und Gültigseins Deiner Person und Deines Lebens, und es könnte ja wahr sein, dass diese Wahrheit auch dann noch immer gültig ist und zu uns spricht, wenn alle Analogien der Welt versagen und verstummen; dass es eine Wahrheit von jenseits aller Welt und Schöpfung, aber mitten in ihr gibt, die sich in solchen Erfahrungen niederschlägt. (Vielleicht sind diese Deutungen, die jenen Erfahrungen entstammen, Projektion, aber warum nicht? – auch Projektionen müssen keine Verirrungen in das Irreale sein, sondern sie können – wie die neuere Psychoanalyse uns gelehrt hat – vorausgreifende, deutende, entwerfende Wahrnehmungen sein, die es auszuprobieren gilt, vgl. Der fällige Ruck in den Köpfen der Kirche 105–108). Auch alle im Vorigen beschriebenen Erfahrungen von Gnade und Lösung/Erlösung in der Anfechtung waren ja nicht einfach unreligiöse bloße Welterfahrungen, sondern auch in ihnen sprach schon das Geheimnis der Welt, welches nach Dietrich Bonhoeffers genialer Formulierung »mitten in unserem Leben jenseits« ist. Hier aber, in dieser höchsten Infragestellung unseres Selbst und der Welt, hört das Sprechen und Offenbaren des Geheimnisses in und an der Welt auf, die Analogien enden (»Gott schweigt« sagt man dann meistens), aber wir können mitten in allen Verzweiflungen und Ambivalenzen der Welt und des Göttlichen selber, in Yin und Yang, noch immer die Stimme des Yin, das also, was ehemals in gnädigen Stunden in Meditation und Gebet hörende Menschen erfahren, gehört und gelernt haben, erinnern und hören: nämlich jene oben zitierten Worte, die Ohr und Herz von in Gericht und Verderben vergehenden Menschen zu hören gemeint und geglaubt haben: »Fürchte dich nicht, ich bin bei dir, du bist mein.« Dies könnte ja wahr sein (oder werden), was nur im Sich Hingeben, Sich Öffnen und Sich Anvertrauen ausprobiert und bewährt oder widerlegt werden kann. Denn hier geht es um Dinge, von denen der »Kleine Prinz« (des Saint Exupery) genau weiß: »Man sieht nur mit dem Herzen gut.« Solche Dinge gibt es, und niemand anders als das Herz entscheidet hier über ihre Wahrheit und Möglichkeit. Du kannst dies vielleicht noch besser verstehen und glaubend ausprobieren, wenn du es dir von einem Erfahrenen zusprechen lässt, es aus Büchern liest oder auf CDs hörst und es dir – mögen diese Musiken von Bach, Schütz, Schein, Brahms oder aus den Neumen gregorianisch-vorsubjektiver Melodien stammen – in Ohr und Herz singen lässt: »Fürchte dich nicht, ich bin bei dir... du bist mein«. Eine der großen Motetten Johann Sebastian Bachs (BWV 228) hat diesen Text in Musik versetzt und eine Bass-Arie, die der Tenor-Arie in der oben bereits zitierten Choral-Kantate folgt, singt: »Wenn Trost und Hilf ermangeln muss, die alle Welt erzeiget, so kommt, so hilft der Überfluss, der Schöpfer selbst, und neiget die Vateraugen denen zu, die sonsten nirgend finden Ruh« (BWV 93). Hör sie dir an. Natürlich ist die persönliche Formulierung (»Ich«, Du«, »Vateraugen«) in diesem (vermuteten, gedeuteten) Sprechen des namenlosen Geheimnisses nur analog und symbolisch zu nehmen, weil wir Menschen nicht anders wissen und verstehen können, aber dies Sprechen könnte ja die menschliche Gestalt einer übermenschlichen, überpersönlichen Wahrheit im Grund und Abgrund der Welt sein. Und dass das Weltganze, der geheimnisvolle Weltengrund solch väterlich-behütende Seiten immer auch in sich und uns zur Verfügung hat, das möchte ich nicht bezweifeln: mitten im (nicht aufgehobenen) Sterben und Leiden! Hier offenbart vielleicht also vielleicht wirklich die Sphinx des göttlichen Geheimnisses eine unerwartete Seite von sich, von der es in der religiösen Weltgeschichte der Menschheit schon längst Vermutungen und Geraune gab und die, besonders in der Gestalt des Jesus von Nazareth, zum Zeugnis eines gewissen Glaubens, einer gewissen Überzeugung wurde: »So und von dieser gnädigen Art ist das göttliche Geheimnis im Grunde der Welt, verlass dich drauf.« Wäre dies wahr, dann bedeutete es: Wir Menschen können lernen, dieses in der menschlichen Geschichte immer wieder gehörte, entschlüsselte, vermutete, projektiv wahrgenommene Sprechen des göttlichen Geheimnisses als den äußersten Rand und die äußerste Möglichkeit des unzugänglichen Verstehens zu erkennen, am Rande und jenseits aller Schöpfung, aber eben doch von Menschen im Leben und Sterben gehört und bezeugt, vermutet und gewagt, also in Herz und Gewissen zu Menschen als gültiger Teil der Schöpfung gesprochen. Das ist es, was man das zu uns gesprochene und auf uns in den ambivalenten Abgründen der Welt wartende »Wort Gottes« an uns mitten in allen Finsternissen nennt, ein Wort, eine Hypothese, auf das man sein Leben und sein Herz wagen kann und muss: kein direkter Sprechakt einer metaphysischen Instanz und Gottperson (die es nicht gibt) aus dem Off, kein außerirdischer Eingriff in die Schöpfung jenseits aller geschichtlichen Weltbedingungen, sondern das Sprechen und Sich-Offenbaren des Geheimnisses, das überall in der Schöpfung, daher eben auch an dieser Stelle der Schöpfung, genannt Herz und Gewissen in Vergangenheit und Gegenwart, ist: unter historischen, in der kulturellen Evolution sich ergebenden Möglichkeiten und erfahrenen Bedingungen, auch aus ihnen sprechend, wenn wir Menschen gelernt haben zu hören; denn es waren geschichtliche Menschen, unter ihnen in diesem Punkte besonders jener Jesus von Nazareth, die diese Hypothese, so bedingungslos gnädig sei Gott und das Urgeheimnis allen Lebens, gewagt und in die Welt gebracht haben. Hier ist und spricht – wenn es denn wahr wäre – eine Wahrheit von jenseits aller Schöpfung, jenseits allen Trostes der Schöpfung und Kreatur, so wie das göttliche Geheimnis der Schöpfung schon immer »mitten in unserem Leben [aber eben] jenseits« war, damals vermutet und gelernt, seither für die Stunden der Verzweiflung aufbewahrt und heute uns vorgelegt.2 Hier spricht das Geheimnis in seinem letzten, durch Tod und Verderben hindurchgegangenen (beide aber nicht aufhebenden!) Lebenssinn. Auch wenn du dies jetzt nicht genau weißt, glaubst und – Gott sei Dank mangels solch extremer Erfahrungen – auch nicht wissen musst: du kannst es dir merken und kannst es in Gedanken immer wieder mal vorbereitend umkreisen und bedenken. Hier ist höchste Stufe der Anfechtung; hier entsteht und entscheidet sich die Möglichkeit von Lebensmut und Gottvertrauen noch in der äußersten Infragestellung. Gut, dass die wenigsten von uns in diese Höllen und Anfechtungen hinunter müssen; aber es gibt sie. Gut auch, dass immer wieder andere Menschen – stellvertretend für uns – diese Tiefen erkundeten, bestanden (nicht wenige gehen in solchen Erfahrungen auch unter, denn das göttliche Geheimnis ist auch Yang) und uns teilhaben lassen.– Kehren wir aber nun noch einmal zur einfacheren Normalität zurück.
4) Gültige Normalität – die über den Abgründen wiedergewonnene Naivität
Dies alles ist m. E. wahr. Darum ist es wichtig, sich für all dies immer wieder Zeit zu nehmen und es in den eigenen Gedanken, Empfindungen und Hausapotheken wachsen, sich niederschlagen zu lassen und, wenn der Himmel es einem gibt, inzwischen mit Freuden zu genießen und mit Staunen, Dank und Demut zu leben – egal ob Du an einen persönliche Gott glaubst oder nicht. (Denn die theistische Gottvorstellung ist nur eine unter den mancherlei Lösungsmöglichkeiten und Beantwortungen des religiösen Themas.) So wäre es Undank gegen«Gott«, das Geheimnis aller Dinge, und gegen die Schöpfung, die Schöpfungsgnaden der Welt nicht wahrzunehmen und sie nicht dankbar zu durchleben, auch wenn die Freude und der Tanz des Lebens faktisch immer auf dem Vulkan der jederzeit hereinbrechenden und massenhaft bereits stattfindenden Unglücke allenthalben vor sich geht und es uns immer erwischen kann, eben weil der Urgrund des Lebens und dieser Welt Yin und Yang, beides zugleich ist. Das Verneinen dieses Dankes und Mutes wäre das Absägen des Astes, auf dem wir sitzen und leben, wäre Undank und Unwahrheit. Dies muss man wissen, weil sonst allzu leicht die Suggestion entsteht, als wenn, wer in diesen Tiefen des Leids und den Höhen der Erleuchtung nicht lebt, religiös oder christlich gesehen, oberflächlich sei. Doch es ist ein Geschenk der Schöpfungsgnaden, wenn wir nicht dauernd in Tiefen und Höhen schweben müssen, sondern gesund und halbwegs unangefochten unser normales Leben leben lebendig können – mit Dank und Freude, Stolz und Demut, Ehrfurcht, Neugier und aufrechtem Gang. Nur wer in der Krise ist, muss (wir zitierten es bereits) die Frage nach dem Sinn stellen, denn Naivität, ich wiederhole es, ist auch eine Gabe des Göttlichen und der Evolution. Seien wir also dankbar, wenn sich die Frage nach Sinn, Trost und Gewissheit nicht dauernd stellt.
Indessen – zu jeder naiven gesamtorganismischen (körperlichen) wie seelischen Gewissheit alles Lebendigen gehört immer auch Spannung und ein bestimmtes Maß an lebensnotwendiger und lebenswahrer, daher bleibender Ungewissheit. Ich bin meines Lebens nie ganz gewiss und – in der Regel – nie ganz ungewiss. Wenn die Kirchen heute – im Unterschied zu früheren, in diesem Punkte m. E. wahreren Generationen – nur von der Liebe Gottes als dem Grund der völligen Gewissheit sprechen, dann versprechen sie anderes als wahr ist und mehr als der Glaube halten kann (wie oft zu erfahren ist). Die Christenheit wusste früher immer von den (oben genannten) Schatten und Bedrohungen im Gottesbild, von Yin und Yang im Geheimnis der Welt, so dass niemand weiß, ob sein Leben und Heil gelingt, ob er der Liebe oder des Hasses würdig ist (Prediger 9,1), so dass wir Gott nicht nur zu »lieben«, sondern, wie Luther eingeschärft hat, immer »fürchten und lieben« sollen, und dass es uns lt. dem Apostel Paulus gebührt, unsere Seligkeit, unser Leben »mit Furcht und Zittern« zu schaffen. Das sind religiöse und seelische Urwahrheiten des uns immer auch lebendig und untergründig begleitenden notwendigen Ungewissheitskoeffizienten. Dasselbe auf ganz anderer, trivialer Ebene gesagt: Ich gestehe, dass ich auch bei mir selber gar nicht den Wunsch oder die Notwendigkeit empfinde, ständig gewiss oder getröstet zu sein, weil man die großen Fragen nach Schuld, Verhängnis und Sünde nicht dauernd stellen und in alltäglich-lächerlichen Lasterkatalogen, Puppensünden und deren Zerknirschung vertrödeln soll; dass vielmehr eine gewisse Spannung und Unsicherheit, auch Ungewissheit samt immer wieder notwendigen Grenzüberschreitungen zur Lebendigkeit gehört, um aufmerksam, neugierig und anspruchsvoll zu leben, zu arbeiten und die Welt und ihre Möglichkeiten in den immer neuen Zwiebelschalen und Weiterungen, in denen sie sich um uns herum mit zunehmendem Alter entfaltet, zu entdecken. Grundiert von dieser lebendig-notwendigen Ungewissheitsspannung ist es eine wunderbare und gnädig geschenkte Form der Gewissheit und des Gott- und Lebensvertrauens, wenn die Verlässlichkeit der Welt uns trägt und uns leben lässt; denn diese Verlässlichkeit ist ja – noch einmal sei es gesagt – , sofern die Welt ein wunderschöner bzw. bedrohlich-schöner Kosmos und nicht ein lebensunfähiges Chaos ist, auch ein Wunder des göttlichen Geheimnisses. Eben dieses ehren wir mit der Grundgeste des uns gebührenden Staunens und der Dankbarkeit, die das Geschenkte und Gnädige am Leben in Demut zu nehmen weiß, gleichgültig ob man an eine theistische Gottperson glaubt oder nicht. »Ich glaube an keinen – ›einen‹ – Gott, aber an das große und wunderbare Geheimnis in allen Dingen« und »Ich tröste mich keines (etwa eingreifenden) Gottes, den es (wie gezeigt) nicht gibt, aber all der in der hochambivalenten Welt ausgestreuten, aufbewahrten und verborgen wartenden, tragenden Gnaden und Gewissheiten, in die ich meditierend mich einlasse und mich mit ihnen verbünde«, heißt es in dem o. g. Buch vom »Fälligen Ruck in den Köpfen der Kirche« (Kap. VI). Auch wer an keine Gottperson glaubt, wer »Gott« als den Namen der aus Leben und Tod, Geburt und Schrecken gebärenden Urwirklichkeit des göttlichen Geheimnisses der Welt und des Lebens glaubt, welches zu fürchten und zu lieben ist; auch wer immer auf der nie ganz gewissen Kippe von Hell und Dunkel, Schön und Schrecklich, Gut und Böse lebt, kann mit Lob und Dankbarkeit, Furcht und Zittern – denn wir leben immer auf dem Vulkan – gültig und wahrhaft religiös leben. All jenes Schlimme zu wissen und noch immer dankbar zu bleiben, sich zu freuen und so der konstitutiven Gnaden-, Geschenk- und Schönheitshälfte der Welt die Ehre der Wahrheit zu geben, – das wäre, nein: das ist die zweite, gebrochene, aber nach allen Brüchen wiedererworbene, wiedergewonnene und nunmehr bewusste Stufe des naiv dankenden und staunenden Welt- und Gottvertrauens. Wer so lebt, kann – auch wenn er an keinen persönlichen Gott glaubt, aber doch »Gott«, das un- und überpersönliche Geheimnis allen Lebens weiß – non-theistisch verstanden auch noch den letzten Vers aus dem nun schon zwei mal zitierten Liede singen: »Sing, bet und geh auf Gottes Wegen, verricht das Deine nur getreu. Und trau des Himmels reichem Segen, so wird er bei dir werden neu. Denn welcher seine Zuversicht auf Gott setzt, den verlässt er nicht.« Das non- oder transtheistisch verstandene Urgeheimnis dieser Welt hat unendliche Lebensmöglichkeiten in sich, für uns bereit, wenn wir sie mit empfangendem Herzen zu nehmen wissen. Darauf kannst du dich verlassen – bis es dich vielleicht doch einmal mit Unglück und Dunkel erwischt. Dann sei gewappnet. Siehe oben. In der Zwischenzeit aber lebe tapfer (fortiter), fröhlich und dankbar drauf zu.
Fußnoten
1 Die religionsgeschichtliche Ungenauigkeit dieser Begriffsbenutzung übergehe ich hier.
2 Hier offenbart und verdeutlicht sich auch, dass schon jene oben besprochenen Erfahrungen und Tröstungen – in der naiven Weltfrömmigkeit des 1. (oben zitierten) Choralverses, in den Gnadenerfahrungen in und aus allen Erfahrungen der Schöpfungsgnade, und die der Lösung/Erlösung im Impass – dass alle jene Erfahrungen nicht nur Vertrauen auf die Welt waren (als dass sie natürlich anfangs leicht missverstanden und deswegen immer wieder als Erfahrungen geklärt werden müssen, die an der Welt vom jenseiten Geheimnis in ihr zu unterscheiden sind), sondern dass auch sie schon – recht verstanden – Erfahrungen des Geheimnisses waren, welches »mitten in unserer Welt jenseits« ist und daher in und aus der Welt durch unerhörte Lebens-, Möglichkeits- und Gnadenerfahrungen spricht.
Matthiaas Kroeger
PUBLIK-FORUM EXTRA