Ein Bischof, der verfolgt wird
Gespräch mit Bischof Álvaro Ramazzini von San Marcos in Guatemala
Bischof Álvaro Ramazzini: Wenn Politik – im Sinne der Katholischen Soziallehre – bedeutet, dass man versucht, für das Gemeinwohl zu arbeiten, dann bin ich auf jeden Fall politisch. Gemeinwohl heißt, dass jeder Mensch – auch der Arme – als Person ernst genommen wird und seine Persönlichkeit entfalten kann. Christ sein bedeutet nicht nur, ausgerichtet zu sein auf das Jenseitige, sondern eben auch, im Hier und Jetzt zu ermöglichen, dass jeder und jede menschenwürdig leben kann.
Publik-Forum: Was ist die Aufgabe der Katholischen Kirche in der Politik?
Ramazzini: Die hierarchische Kirche muss die Stimme derjenigen sein, die nicht selbst sprechen können. Sie muss die Stimme erheben, muss anklagen.
Publik-Forum: Wie lautet ihre Anklage?
Ramazzini: Viele Menschen werden ausgebeutet. Sie verdienen wenig, haben keine Krankenversicherung, keine Pensionsansprüche, arbeiten unter fatalen Bedingungen. Sie haben zum Beispiel keine freien Tage. Der Unterschied zwischen den Reichen und den Armen in unserem Land ist nach wie vor riesig und ungerecht, das Kapital in Guatemala liegt in den Händen weniger, das gesamte Wirtschaftssystem schließt diejenigen aus, die nicht zu dieser kleinen Gruppe der Reichen gehören. 59 Prozent der indigenen Kinder sind unterernährt – in einem Land, das fruchtbare Böden hat und das »Land des ewigen Frühlings« genannt wird. Auf diesen Böden aber wird Kaffee, werden Bananen angebaut – für den Export. Das Geld, das damit verdient wird, kommt nicht dem Volk zugute, etwa in Form von sozialen Sicherheiten, denn diese Unternehmer zahlen keine Steuern. Es gibt kein funktionierendes Steuersystem, keine Steuerreform, die greift.
Die Wirtschaftsordnung dient nicht den Menschen sondern beutet sie aus: billige Arbeitskraft, ungerechte Arbeitsbedingungen. Einerseits ruft man nach ausländischen Investitionen, andererseits aber nutzt das der Bevölkerung gar nichts, denn die Gewinne dieser Investoren bleiben ja in den Händen der Großkonzerne. Da sind zum Beispiel die Unternehmen, die jetzt die Bodenschätze, Gold und Silber, hier in San Marcos ausbeuten wollen: Die Leute hier verdienen daran nichts – sie sehen lediglich der Zerstörung ihrer Umwelt, ihres Lebensraumes zu. Doch die Armut in Guatemala wächst, anstatt zu schrumpfen. Es gibt noch nicht einmal ein Recht auf ausreichende Ernährung.
Publik-Forum: Sie sind einer der Bischöfe, die unermüdlich diese Missstände benennen. Ändert sich dadurch etwas?
Ramazzini: Ja; manche Menschen ändern ihr Verhalten, aber die Mehrheit natürlich nicht. Normalerweise werden unsere Stellungnahmen abgetan: Die Bischöfe und immer diese engagierten Katholiken, die verstehen nichts von Entwicklung, haben keine Ahnung von Wirtschaft, die sind keine Wirtschaftsexperten – richtig hieran ist: Wir sind keine Experten. Doch wir merken, dass das Konzept von Freihandel und Kapitalismus in unserem Land wild und brutal umgesetzt wird, ein Raubtierkapitalismus. Sie reden von freier Marktwirtschaft, aber die einzigen, die Zugang zu diesem sogenannten freien Markt haben, sind diejenigen, die technisches und akademisches Wissen besitzen – in einem Land, in dem der Zugang zur höheren Erziehung minimal und teuer ist. Aber wir Bischöfe werden mit unserer Kritik zurückgewiesen. Es heißt noch immer, wir seien Marxisten, Sozialisten, Kommunisten.
Publik-Forum: Ihnen wird noch immer Marxismus vorgeworfen?
Ramazzini: Vielleicht sagen die Leute nicht mehr, wir seien Marxisten, aber ja, Sozialisten nennen sie uns. Heute sagen sie, wir seien Freunde des venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez und wir wollten hier in Guatemala dessen politisches System einführen. Dies ist natürlich Unsinn.
Publik-Forum: Werden Sie bedroht?
Ramazzini: Ja, ich wurde schon oft bedroht, die letzten Drohungen waren auch wirklich sehr ernst.
Publik-Forum: Vor zwei Jahren wurde ein Video öffentlich, in dem zehntausend Dollar dafür geboten wurden, Sie umzubringen – internationale Proteste waren die Folge. Haben Sie Angst?
Ramazzini: Nein, ich habe keine Angst, dass mir etwas zustoßen könnte. Ich habe aber immer einen Leibwächter dabei – den hat mir die Regierung gestellt. Den Leibwächter habe ich aber eigentlich nur akzeptiert, damit die Regierung morgen nicht sagen kann: »Wir haben ihm Sicherheit angeboten, aber er hat sie nicht gewollt.« Denn Angst habe ich nicht, vor allem, weil ich mir einfach nicht vorstelle und nicht daran denke, dass etwas passieren könnte.
Publik-Forum: Woher nehmen Sie die Kraft, ohne Angst weiterzumachen?
Ramazzini: Der Glaube und das Vertrauen auf Gott geben mir Kraft. Ich fühle mich nicht allein im Kampf; ich bin sicher, dieser Kampf ist Gottes Wille und sein Plan für mein Leben. Und ich sehe viele Menschen, die diesen Weg mitgehen. Es gibt viele junge Leute, die sich hier in der Diözese San Marcos einsetzen und die mir zeigen, dass ich den Weg nicht alleine gehe. Wir dürfen nicht vergessen: Die Kraft der Liebe überwindet alles.
Publik-Forum: Welche Stelle des Evangeliums ist Ihnen am wichtigsten?
Ramazzini: Kapitel 25, Absatz 31 bis 46 des Matthäusevangeliums: Das Weltgericht. Der Herr wird am Jüngsten Tag danach richten: »Ich hatte Hunger – hast du mir zu Essen gegeben? Ich hatte Durst – hast du mir zu Trinken gegeben? Ich war nackt – hast du mich gekleidet? Ich war krank – hast du mir geholfen? Ich war im Gefängnis – hast du mich besucht? Ich war ein Fremder, ein Migrant – hast du mich aufgenommen?« Und Jesus sagt: Jedes Mal, wenn du einem Hungernden, Dürstenden, einem Nackten, einem Kranken, einem Gefangenem, einem Migranten etwas Gutes getan habt, dann hast du mir das Gute getan.
Das ist für mich die Grundlage und der Auftrag meines bischöflichen Dienstes. Ich kann nicht müde werden, diese Bedürfnisse zu sehen und mich darum zu kümmern. Aber der Auftrag ist nicht einfach, dem Hungernden eine Tortilla zu geben oder dem Dürstenden ein Glas Wasser. Es geht darum, gegen die strukturellen Ursachen zu kämpfen, gegen eine Gesellschaftsordnung, die Hungernde, Dürstende und Wirtschaftsflüchtlinge hervorbringt.
Publik-Forum: Ist das Befreiungstheologie?
Ramazzini: Nein, ich würde das nicht so nennen. Ich bin kein Theologe; ich versuche, Hirte zu sein; ich versuche zu sehen, was um mich herum geschieht und es im Lichte des Evangeliums zu betrachten. Danach handle ich. Es kann sein, dass das »Befreiungstheologie« ist, in dem authentischen Sinne des Wortes. Denn was heißt denn Befreiungstheologie im wörtlichen Sinne? Das heißt ja, dass man die Prozesse reflektiert, anhand derer man dafür sorgen kann, dass die befreiende und erlösende Botschaft Jesu umgesetzt wird, und zwar nicht nur als eine spirituelle Erlösung, sondern als eine integrale: bessere Lebensbedingungen, vor allem für die Ausgegrenzten! Da sehe ich keinen Unterschied zwischen Christentum und Humanismus, ohne zu vergessen, dass das Christentum natürlich noch eine transzendente Bedeutung hat, also über den Humanismus hinausgeht.
Publik-Forum: Es gibt Leute, die das Aufkommen charismatischer Bewegungen – sowohl evangelischer als auch katholischer – in Lateinamerika als direkte Gegenbewegung zur Befreiungstheologie sehen, zu einer Theologie, die das Evangelium zu politisch, zu diesseitig interpretiert. Gibt es diesen Zusammenhang?
Ramazzini: Das ist durchaus möglich. Denn es gibt viele Katholiken, die in Ruhe leben wollen, mit gutem Gewissen glücklich und fröhlich sein wollen. Die schließen sich gerne der Pfingstbewegung an und verschließen die Augen vor der Wirklichkeit. Wir haben ein Problem mit fundamentalistischen Gruppen, darunter sind auch einige Katholiken, aber vor allem sehr aggressive evangelikale Gruppen. Das sind Gruppen, die nicht mit den Füßen auf der Erde stehen. Diese Leute vertreten die Botschaft, dass die Armut ein Fluch Gottes sei – und wer Geld hat ist gesegnet ...
Doch auch unter den Katholiken gibt es ein Problem, denn die Reichen hier im Land verweigern sich dem Diskurs darüber, dass christliches Leben auch eine gesellschaftliche Verpflichtung bedeutet. Würden sie unsere kirchlichen Stellungnahmen ernst nehmen, dann müssten sie ihr Leben ändern. Und das wollen sie nicht. Die Egoisten müssten freigiebig werden, teilen lernen, gerechter sein. Doch das tun sie nicht; sie trennen den Glauben vom Leben. Aber Christus sagt: Nimm dein Kreuz und folge mir. Er sagt nicht: Ich gebe dir ein ruhiges, glückliches Leben. Du musst dich dem Schmerz und dem Kampf stellen, dem Kampf dafür, die Dinge zu ändern, die im Hier und Jetzt dem Reich Gottes im Wege stehen.
Publik-Forum: Die katholische Kirche in Guatemala hat seit Mitte der neunziger Jahre eine entscheidende Rolle bei der Aufklärung der Menschenrechtsverbrechen des ausgehenden 20. Jahrhunderts gespielt. Jetzt gibt es auch Bischöfe, die sagen: Das ist nicht mehr wichtig, wir müssen in die Zukunft schauen, nicht in die Vergangenheit. In Ihrer Diözese gehen die Projekte zur »Wiedererlangung der historischen Erinnerung« weiter – warum?
Ramazzini: Der Zeitraum des nationalen Projekts schloss ja schon mit der Dokumentation »Guatemala – Nie wieder!« ab, die vor zehn Jahren erschien. Zwei Tage später wurde damals Bischof Juan Gerardi, der dieses Projekt geleitet hatte, ermordet. Die Guatemaltekische Bischofskonferenz hat heute keine Anschluss-Vereinbarung, auf deren Grundlage einmütig vorgegangen wird. Seither entscheidet jeder Bischof selbst. In meiner Diözese haben wir weitergemacht und machen wir weiter. Ich halte das für notwendig. Es gibt hier immer noch Gerüchte und Nachrichten von geheimen Friedhöfen und Massengräbern. Wir müssen also die Exhumierungen fortführen. Viele Gemeinden sind bis heute gespalten, die Konflikte des 36-jährigen Bürgerkriegs leben weiter. Es gibt Opfer der Gewalt von damals, um die wir uns kümmern müssen, und Opfer der Gewalt von heute. Wir müssen die Geschichte, die uns geschehen ist, lehren, damit wir aus ihr lernen können und sie sich nicht wiederholt. Ich halte es also für sehr notwendig, weiterzumachen.
Publik-Forum: Wird das in der Bischofskonferenz noch diskutiert?
Ramazzini: Nein, jeder Bischof geht in seiner Diözese seinen eigenen Weg.
Gudrun LuxÁlvaro Ramazzini Imeri geboren 1947, ist Vorsitzender der Guatemaltekischen Bischofskonferenz und gilt als »politischer Bischof«. Er macht immer wieder international auf sich aufmerksam, weil er wortgewaltig Partei ergreift für die Armen seines Landes. Aktuell setzt er sich gegen die Ausbeutung der Bodenschätze seiner Diözese San Marcos auf Kosten der Menschen und der Umwelt ein. Außerdem legt er ein besonderes Augenmerk auf die Situation der Migranten aus Zentralamerika, die illegal in den USA leben. Während der Lateinamerikareise des US-Präsidenten, die diesen 2007 auch nach Guatemala führte, bezog Ramazzini eindeutig Position. Wie sein Mitbruder, Kardinal Rodolfo Quezada Toruño von Guatemala-Stadt, forderte er ein gerechtes Immigrationsgesetz in den USA. Ramazzini wird nicht müde, die Missstände in seinem Land zu benennen. Er engagiert sich für die Aufklärung der Menschenrechtsverbrechen, die besonders Ende der Siebziger- und Anfang der Achzigerjahre von der Armee an der indigenen Landbevölkerung, mutmaßlichen Guerilleros und Oppositionellen begangen wurden. Immer wieder wird Ramazzini dafür, dass er sich auf die Seite der Machtlosen stellt, von den Schergen der Mächtigen mit dem Tode bedroht. Álvaro Ramazzini, der 1980 in Rom in Kanonischem Recht promovierte, war zunächst als Professor und Ausbilder, später Rektor im Priesterseminar tätig, seit 1989 ist er Bischof der ländlichen Diözese San Marcos im Westen Guatemalas. Er war in den neunziger Jahren einer der Vorkämpfer in der Aufklärung der Menschenrechtsverbrechen, die unter der Leitung des später ermordeten Bischofs Juan Gerardi vom »Büro für Menschenrechte der Erzdiözese Guatemalas« im »Projekt zur Wiedererlangung des historischen Gedächtnisses« umgesetzt wurde. Álvaro Ramazzini gilt engagierten Christen in ganz Lateinamerika als Vorbild. Er wird besonders in Guatemala sehr verehrt und mit den großen Figuren und Märtyrern der Befreiungstheologie in einem Atemzug genannt. Selbst bezeichnet er sich nicht als Befreiungstheologen – einer seiner engsten Mitarbeiter sagt: »Wir verwenden das Wort nicht, denn es ist in Misskredit geraten in Rom. Wir reden nicht von Befreiungstheologie, wir praktizieren sie einfach.«
Kontakt: alvaramazzini@yahoo.com

HANS-PETER GENSICHEN