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Was macht den lieben Gott mächtig?

Vortrag beim 31. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Köln am 9.6.2007
Diesen Vortrag hielt Klaus-Peter Jörns im Rahmen des von Britta Baas moderierten Podiums »Gottes Macht und Ohnmacht«

Ich beginne meine Antwort mit der Jesusgeschichte. Nach dem Johannesevangelium ist Jesu Weg ein Weg zu Gott (13,1), ja, von Kap. 1 her ist er Gottes Weg zu den Menschen. Jesus nennt Gott, jüdischer Tradition folgend, Vater. Aber weit darüber hinausgehend, sagt er in un-verschämter Freiheit und Klarheit: »Wer mich sieht, sieht den Vater« (14,9). Jesus – heißt das – hat nicht nur Gleichnisse erzählt. Er selbst lebte als Gottesgleichnis. Das sehen andere Religionen anders. Ob es wahr ist, was wir glauben, entscheidet sich daran, ob es uns Gott näherbringt.

I.

Was aber scheint auf von Gott aus der Jesus-Geschichte? Liebe. »Gott ist Liebe«. Er ist das Beziehungswunder schlechthin. Im 1. Johannesbrief steht: »Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.« (1. Joh 4,16) Liebe hat eine wunderbare leibliche Seite, Gott sei Dank. Aber ihr Wesen ist Geist, eine unsichtbare Kraft, die alles Lebendige fühlbar miteinander verbindet. Geist und Liebe – sind das, »was die Welt im Innersten zusammenhält« (Goethe). Geistlich und physikalisch meine ich das. Denn der Glaube handelt nicht von einer Sonderwelt, sondern von der einen, zu der wir und Gott gehören. Ich will also sagen: Ohne Liebe, ohne Gott, würde die Welt auseinanderfallen.

Wenn Gott Liebe ist, ist Gott mächtig nur und ganz als Liebe. Die Rede vom »lieben Gott« hat darin ihren Grund. Wo immer Kirche und andere Religionen versucht haben oder noch versuchen, durch äußere Macht und psychischen Druck Gottes Macht zu verstärken, pervertieren und behindern sie Gottes wahre Macht.

Von dieser mächtigen Liebe muß erzählt werden, in Gleichnissen aus dem Leben. Hier eins der bekanntesten, die von Jesus überliefert werden. Zuerst die Szene: Jesus war von frommen Zeitgenossen beschimpft worden, weil er mit Betrügern und Huren zusammen gegessen hatte, die hofften, er sei ihre Chance zum Neuanfang. Um das zu erklären, erzählte er den Beschwerdeführern eine Geschichte (Lukas 15,11-32). Sie handelt von einem jüngeren Sohn, der sich von seinem Vater sein Erbteil auszahlen ließ, um leben zu können, wie er wollte. Er ging weit weg, über die gewohnten Grenzen hinaus, gab sein Vermögen aus und kaufte sich damit, was es zu kaufen gibt im Leben: eine Immobilie, Partygäste, Freundinnen, einen kleinen Ruhm als spendabler Gastgeber, dies und das. Doch dann drehte sich der Lebenswind, ihm ins Gesicht. Was er nicht selbst schon ausgegeben hatte, nahm ihm die Inflation. Der Abstieg begann, wurde zum Absturz, machte ihn zum Konkurrenten von Schweinen im Kampf um die Futterschoten. »Da ging er in sich und sprach: Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben Brot im Überfluß, ich aber komme hier vor Hunger um. Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen. Aber stelle mich als Tagelöhner ein«, damit ich leben kann. Und er ging los.

Was der Vater dann bei seiner Ankunft tat, hätte er sich nicht träumen lassen. Um davon zu erzählen, benutzt Jesus fünf Verben in einem Satz: Der Vater sah den Sohn, den er nie verloren gegeben, auf den er immer gewartet hatte, schon von ferne – er wurde von Erbarmen überwältigt – lief ihm entgegen – fiel ihm um den Hals – und küßte ihn. Und erst dann kam der Sohn zu seinem Schuldbekenntnis. Zu der Bitte um Arbeit kam er nicht mehr. Denn der Vater hatte schon angeordnet, ein Fest zu feiern. Er setzte ihn wieder als Sohn ein, teilte sein Leben mit ihm also noch einmal. So groß ist die Freude über die Heimkehr, weil sie keinen anderen Grund hat als die Liebe, aus der sie kommt. Es geht nicht um Recht in der Geschichte, sondern um Glück, das der Sohn mit dem Vater und der Vater mit der Rückkehr des Sohnes haben. Noch mehr zugespitzt, sagt das Gleichnis sogar, daß Gott Glück hat, wenn Menschen vom Rand des Lebens zurück in seine Mitte finden.

Das ist die Macht des lieben Gottes, wie er bei Jesus aufscheint: Er ist ein Liebhaber des Lebens, ist mächtig, das Leben zu feiern – so mächtig zu feiern, daß die Schmerzen der Vergangenheit anfangen können zu heilen. Die Liebe zu seinen Geschöpfen hat Gott in ihr Leben verwickelt. Es ist sein Leben geworden. Daß sie im Leben bleiben, darum geht es ihm. Im Gleichnis sagt der Vater einen Satz, mit dem Jesus wunderbar lebensbezogen ausdrückt, was Auferstehung ist: »Dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden. Er war verloren, und ist wiedergefunden worden.« Gott ist mächtig, heißt: Er hat die Kraft, nichts und niemanden verloren zu geben. Das Urteil, jemand sei »verloren«, verhängt den sozialen Tod. Daraus befreien kann nur eine Liebe zum Leben, die auch gesellschaftliche Todesschranken durchbricht und Verlorengegebenes aufweckt. Diese Macht ist viel mehr und größer und schöner als »Allmacht«, und ist anderes als die Macht von Kaisern, Feldherren und Supermächten. Sie ist die Lebenskraft schlechthin, weil sie Vergebung aus Liebe einschließt.

II.

Doch auch das müssen wir sehen: Diese Macht ist so groß und grenzenlos, daß sie für Jesus, der von ihr erzählt und der aus ihr gelebt hat, gefährlich geworden ist. Sie hat ihn sein Leben gekostet. Der ältere Bruder, der immer im Recht geblieben war, weist deutlich auf diese Gefahr, weist voraus auf Golgotha. Denn er setzt eine Bedingung davor, bei der Feier des Lebens mitzumachen: Er will zuvor als Gerechter abgehoben werden von dem Gescheiterten, von dem verluderten Heimkehrer – so, wie wir uns immer noch von dem Rückkehrer abheben, indem wir das Gleichnis das »Gleichnis vom verlorenen Sohn« und nicht das »Gleichnis von der Liebe des Vaters« nennen. Für ihn sei nie ein Fest gefeiert worden, klagt der Ältere, obwohl er dem Vater immer fleißig gedient und alle Spielregeln im Haus befolgt habe. Darin hat er Recht.

Aber weil er nur vom Recht her urteilt, wird er zornig auf den Vater und bestreitet ihm das Recht, sich über den Heimkehrer mächtig zu freuen. Doch der Vater läßt sich aus der Rolle als Liebhaber des Lebens nicht verdrängen. Er wirbt um den Zornigen und versucht, ihm deutlich zu machen, daß es im Leben nur darum geht, im Leben zu sein und die Lebensgaben Gottes und der Menschen dankbar zu genießen. Wer im Leben ist, unterschiedliche Lebensbeziehungen hat, hat das Leben. Mehr geht nicht. Denn der kann das Leben aus vielerlei Anlässen feiern, muß nicht maulen, wenn andere unverdient Glück haben. Beides soll also gelten: Gerecht sein, läßt im Leben sein, aber liebevolles Erbarmen mit Gescheiterten, die neu anfangen, läßt auch im Leben sein. Die Liebe, die beides will, nur sie, ist dem Leben dienlich, denn sie hat die Kraft, auch den aus bitterer Erfahrung Lernenden dazu zu reizen, die Spielregeln des Lebensdienlichen wieder zu achten. Gerechte aber können, wenn sie sich über das Glück von Beschenkten freuen, das Fest des Neuanfangs mit feiern und das Glück erleben, Gastgeber, Lebensgeber, großzügig zu sein.

Aber der ältere Bruder im Gleichnis kann sich nicht mitfreuen, nicht großzügig sein. Wie diejenigen, die Jesus dann seiner Botschaft wegen hinrichten ließen. Sie wollten nicht glauben, daß Gott einer ist, der unbedingt liebt. Sie hatten ein anderes Gottesbild, wollten einen Gott behalten, der Bedingungen stellt, die sie erfüllen und die ihnen einen Vorteil bei Gott verschaffen können. Gerechtigkeit war für sie mit absolutem Gehorsam verbunden, und unsere Sterblichkeit wurde als Strafe für Ungehorsam verstanden. Geschenktes Lebensrecht für offenbare Sünder gab es für sie nicht, außer wenn ein drittes Wesen dafür geopfert wurde, damit der geforderte absolute Gehorsam stellvertretend erfüllt würde. Weil sie entscheidenden Einfluß auf die frühe christliche Theologie hatten, ist Jesu Tod schon bald als solches Sühn- und Ersatzopfer in diesen alten Horizont zurückgedeutet worden. Denn daß Gott ohne jegliche Gegenleistung, einfach aus sich selbst heraus, also wirklich mächtig lieben kann, konnten sie schon nicht mehr richtig glauben. Wir können es heute aber neu von Jesus lernen.

Denn Jesus hat diese unbedingte Liebe Gottes vorgelebt. Mehr noch: Er hat auch diejenigen, die ihm glaubten, zu Gleichnissen der Liebe Gottes gemacht. »Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.« (Joh 20,21) Gott hat sich als mächtig erwiesen, die alten Privilegien des einen Gottessohnes auf die vielen Gottestöchter und -söhne zu übertragen. Er bevollmächtigte sie durch Jesus zur Gottestat: zur Sündenvergebung. Das werden wir nachher im »Geistlichen Abschluß« des Podiums feiern.

Diese Bevollmächtigung beinhaltet aber auch eine gewisse Selbstentmachtung Gottes. Denn indem Gott Menschen ohne jede kultische Weihe mit der Gotteskindschaft und zur Sündenvergebung befähigt, macht er die Erfahrbarkeit seiner Liebe im Alltag von der dienenden Liebe seiner menschlichen Gotteskinder abhängig. Anders gesagt: Weil es Gott ums Leben seiner Geschöpfe geht, hat er sie in sein Gottsein einbezogen. So mächtig ist Gott, daß er menschliche Allmachtsphantasien davon, wie ein Gott zu handeln habe, durchkreuzen kann. Das fällt uns schwer zu glauben, auch deshalb, weil ein allmächtiger Gott für alles in der Welt verantwortlich gemacht werden kann, auch für das, was wir selbst verantworten müssen und um unserer gottgewollten Freiheit willen auch gestalten und verantworten sollen. Ein allmächtiger Gott ist zwar manchmal ärgerlich und dunkel, aber letztlich doch sehr bequem. Denn dem Gott, den die Allmachtsfiktion sich denkt, kann man auch die größten Schreckenstaten wie Völkermord und Schoah, die Menschen begangen haben, in die Schuhe schieben. Ein zur Freiheit und Vergebung bevollmächtigender Gott aber gibt die Frage nach der Mächtigkeit der göttlichen Liebe an uns zurück. Zwar »läßt Gott seine Sonne über Gute und Böse aufgehen« (Matthäus 5,45) – aber nicht, um die »Übeltäter« zu rechtfertigen. Sondern einzig aus Liebe zum Leben: damit die Erde nicht zur Hölle wird und auch diejenigen etwas von dieser Liebe erfahren, die neu ins Leben kommen.

Gottes Liebe ist kräftig, aber weder romantisch noch idealistisch schön. Sie bezeugt Gottes Lebensmächtigkeit in den vielfältigen Formen privater und institutioneller Caritas und Diakonie, von Heilkunst und Fürsorge. Heil und Heilung, Heil und Pflege gehören zusammen. Das alles ist mächtig dienende Liebe genauso wie die Weg-Weisung durch Gebote und Erziehung. Liebhaber des Lebens zu sein, schließt ein, Realist zu sein und die vielen Einzelnen zu erreichen, die zusammen Menschheit sind.

Das ist schwer, weil Menschen in derart unterschiedlichen kulturellen, sozialen und biographischen Konstellationen leben, daß sie bis heute nicht aufgehört haben, das jeweils Nicht-Eigene, das Fremde und Andere, als bedrohlich anzusehen und zwischen »uns« und »den anderen« immer wieder als zwischen Freund und Feind zu unterscheiden. Und Gott gehört dann natürlich auf unsere Seite. »Der liebe Gott« ist dann der uns lieb behandelnde Gott. Was wahr ist, ist, was bei uns, in unserer Religion, Wahrheit ist, obwohl wir in sie – auf den ganzen Globus gesehen – zufällig hineingeboren worden sind, und der Ort der Geburt ja kein Kriterium für Wahrheit sein kann. Aber der angelernte Ethnozentrismus, den wir auch heilige Tradition nennen, verleitet uns stets dazu, das Unsere und Eigene für das Richtige und Wahre zu halten. Das ist kindlich, nicht erwachsen gedacht.

Wie schwer es der Menschheit fällt, vom Ethnozentrismus Abschied zu nehmen und das Lebensganze in den Blick zu bekommen, zeigt sich bei jedem G8-Treffen und bei jeder neuen Konferenz, bei der die Walfang- oder sonstigen Abschußquoten vereinbart werden, aber auch bei Treffen von Religionsvertretern wie kürzlich denen der EKD und des Koordinierungsrates der Muslime in Deutschland. Jede Seite glaubt sich im Besitz der alles entscheidenden Offenbarung. Noch fehlt die demütige Bereitschaft der Religionen, zwischen Gottes eigener Wahrheit und unseren perspektivischen Wahrnehmungen Gottes zu unterscheiden.

Wenn irgend etwas den Beweis dafür geliefert hat, daß ein in sich gespaltener Gott nicht der wahre Gott sein kann, sondern das Produkt widerstreitender menschlicher Kulturen und Interessen, dann ist es die Krieggeschichte. Denn in ihr mußten seit eh und je die Götter und Göttinnen gegeneinander in den Krieg ziehen, wenn die Völker Krieg führten. Aber auch der christliche Gott mußte sich noch in den Weltkriegen des letzten Jahrhunderts von den Kirchen gewissermaßen in die nationalen Uniformen stecken lassen und gegen die Gebete der Feinde und ihre Hoffnung auf Gott antreten. Vor allem für die unter den Kriegen leidenden Menschen wurde dadurch die Frage, was den lieben Gott mächtig macht, zu der Frage, ob denn unser lieber Gott eigentlich mächtig genug ist, zu unseren Gunsten gegen unsere Feinde handeln zu können.

Schauen wir uns die Jesus-Geschichte einschließlich seiner Hinrichtung als Gleichniserzählung an, so sagt sie Nein! auf diese Frage. Weder verhindert Gott Böses und himmelschreiende Ungerechtigkeit, noch das Leiden der Geschöpfe generell, auch wenn wir ihn inständig darum bitten. »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!«, hat Jesus am Kreuz geschrieen. Und andere, die Unrecht leiden mußten wie er, haben es ähnlich getan, oder Gottes Ohnmacht beklagt, oder haben ihn, von seiner Allmacht ausgehend, bitter angeklagt: Wie kannst du das tun?!

Zur Antwort auf unsere Frage nach Gottes Macht gehört die Erkenntnis: Gott ändert die Welt nicht, weil und wenn sie uns leiden macht, auch wenn wir ihn darum bitten. Er entläßt uns nicht aus der Verantwortung. Und er ändert auch nichts daran, daß er die Welt, den ganzen Kosmos, sterblich geschaffen hat. Nicht nur wir Menschen und die anderen Geschöpfe sind sterblich, sondern auch die Erde und alle anderen Planeten und Galaxien. Der letzte große Tsunami hat uns unsanft daran erinnert: Alles Leben, das im Universum Gestalt annimmt, wird diese Gestalt irgendwann verlieren. Alles Leben hat Teil an einer großen Transformation. Ob sie mit dem Geborenwerden oder dem Sterben beginnt, ist müßig zu fragen. Wichtig ist, daß beides zum Leben hinzugehört. Trost gibt es nicht nur aus der Religion und dem Auferstehungsglauben. Tröstlich ist auch die raumphysikalische Erkenntnis, daß auf der Rückseite der »Schwarzen Löcher«, in denen Materie im All stirbt, neue Sterne geboren werden. Es ist Zeit, daß wir unseren Glauben mit dem verbinden, was wir durch die moderne Physik von der – ja schließlich von Gott geschaffenen – Welt und dem Leben wissen. Tun wir es, werden wir auch wieder sagen können, was Auferstehung meint, ohne antike Weltbilder reproduzieren zu müssen. Leben ist ein großes Werden und Vergehen und Neuwerden, schließt Geborenwerden und Sterben ein, ganz gleich, um welche Formen von Leben es sich handelt. Das sagt im Kern: Leben geht nicht zu Ende, wenn es stirbt, sondern es wandelt sich durch das Sterben hindurch. Wie und wohin, ist offen. Ja, die Schöpfung, zu der wir gehören, als ganze ist ein offenes Geschehen im Werden.

Zum Sterblich-Sein aber gehört Leiden, und zwar gerade dann, wenn sterbliche Wesen sich lieben, sich leiden sehen und irgendwann einmal loslassen müssen. Weil wir andere als Du, als Gegenüber, brauchen, um zu uns selbst und zugleich im Leben Sinn zu finden, sind Schmerzen und Leiden unausweichlich. Zum Problem wird diese Liebe, wenn wir sie und das Geliebte absolut setzen, und wenn Gott ihren Bestand garantieren soll. Denn gelänge das, würden wir Gott gegen das Leben aufbringen, wie er es geschaffen hat. Er müßte die Sterblichkeit abschaffen, ja, die Schöpfung anhalten, das Leben würde vergreisen und enden. Von Auferstehung zu reden, hätte genauso wenig Sinn wie von Gott zu reden. Die Lebensmacht Gottes schließt ein, daß er Leben sterblich sein läßt. Und insofern ist Gott auch die Todesmacht, die uns begegnet. Aber mit Strafe hat das nichts zu tun. Der Tod ist weder »der Sünde Sold« (Römer 6,23) noch der Feind des Lebens, sondern eine von Gott geschaffene Seite des Lebens.

III.

Was aber heißt dann fromm sein, wenn Gott mächtig ist als Liebe? Es meint, daß wir Gottes liebesmächtiges Interesse am Leben mehr und mehr zu unserem eigenen Interesse werden lassen. »Lebendig« sollen wir sein, »kräftig« liebend, und viel »schärfer« auf das von Jesus vorgelebte Leben als bisher. Nur durch Liebe und die Leidenschaft des Geistes, der Zusammenhänge sieht, hören wir auf, Gott zu spalten und den »lieben Gott« mächtig für uns haben zu wollen. Nur Liebe, die allen dasselbe Lebensrecht zugesteht, will Gott nicht mehr gegen Gott instrumentalisieren. Liebe sorgt in der Politik für Bildung und Arbeit, damit Menschen ihr Leben ernähren und selbst gestalten können. Ohne Arbeit funktionieren weder Menschenwürde noch Demokratie. Aber auch der Frieden kommt selbst bei uns in Gefahr, solange die sozialen und ökonomischen Strukturen in der Welt nicht gerechter werden. Es sieht so aus, daß die börsenbedingte Vernichtung der Arbeitsplätze sich als neue Atombombe unserer Tage erweist, durch die der soziale und kulturelle Frieden in der Einen Welt zerstört und die dringend notwendige Hilfe in den so lange von uns ausgebeuteten Ländern der Erde behindert wird - mit schlimmen Deformationen der Seelen der einzelnen und des menschlichen Zusammenlebens als Folge.

Es reicht nicht zu sagen: ‚Davor bewahre uns der mächtige Gott!’ Wer darum bittet, muß zugleich seine Liebe und seinen Geist da, wo er und sie leben, lebendig, kräftig und schärfer als bisher dafür einsetzen, daß die »Ehrfurcht vor dem Leben« (A. Schweitzer) wächst. Diese tätige Ehrfurcht ist die machtvolle Antwort auf Gottes mächtige Liebe zum Leben (Galater 5,6). Wir müssen sie von Politik und Wirtschaft einklagen. Aber das geschieht glaubwürdig nur, wenn wir selber ehrfürchtig leben.
© Klaus-Peter Jörns, 2007


Hinweise auf die letzten Bücher von Klaus-Peter Jörns:

Lebensgaben Gottes feiern. Abschied vom Sühnopfermahl: eine neue Liturgie, Gütersloh 2007 (aus diesem Buch stammte die beim Kirchentag verwendete Lossprechungszeremonie; das Buch bietet eine opferfreie Abendmahlsliturgie, enthält Lesungen aus anderen Religionen und eine Liturgie für die Beerdigung von Haustieren)

Notwendige Abschiede. Auf dem Weg zu einem glaubwürdigen Christentum, Gütersloh 2004, 3. Aufl. 2006 (zieht theologische Konsequenzen aus einer gegenüber biblischen Zeiten veränderten kulturellen Wirklichkeit und sagt sich los von einer Reihe unglaubwürdig gewordener Glaubensvorstellungen)

Die neuen Gesichter Gottes. Was die Menschen heute wirklich glauben, C. H. Beck München 2. Aufl. 1999 (Auswertung einer Umfrage, die zeigt, wie groß die Distanz auch der meisten ChristInnen und der Pfarrerschaft gegenüber der traditionellen Dogmatik ist)

http://www.klaus-peter-joerns.de/

 

 


 
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