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Die Krise als Chance für junge Migranten?

37 Prozent der jungen Migranten in Deutschland sind ohne Abschluss. Das geht auch anders, sagt Heinrich Alt. Aber wie?
Fragen an den Vize-Chef der Arbeitsagentur

Herr Alt, Sie sind jüngst in Berlin mit der Migrationsbeauftragten der Bundesregierung, Maria Böhmer, vor die Presse getreten. Die große Überschrift war: gute Aussichten für Migranten. Worum ging es?

Wir haben gemeinsam dazu aufgerufen, arbeitssuchende und unterwertig beschäftigte Migrantinnen und Migranten stärker als bisher in den Blick zu nehmen. In Deutschland gibt es dazu bereits einen nationalen Integrationsplan.

Was heißt das konkret?


Wir können eben diesen Menschen, die gegenüber anderen Bevölkerungsgruppen stärker vom Arbeitsmarkt ausgegrenzt sind, ein Angebot zur Verbesserung ihrer Integrationschancen machen. Sie sollten die Angebote kennen, wir müssen sie in die Öffentlichkeit transportieren und sie müssen ihre Erwartungen an uns formulieren.

Das Ziel klingt gut, es geht ja aber um die praktische Umsetzung. Welche Chancen sehen Sie, dass die verbessert wird?


Ich glaube, dass wir bei aller Kritik am System der Grundsicherung verdeckte Armut unter Migrantinnen und Migranten aufgedeckt haben. Dass wir die tatsächliche Dimension der Arbeitslosigkeit transparent gemacht haben. Dass wir ehrlicher geworden sind in den Zahlen, dass wir die Zusammenarbeit mit den Kommunen intensiviert haben. Wir sind aber noch nicht dort, wo wir sein möchten.

Was haben Sie vor Augen?


Wir haben bei den Arbeitslosen einen Ausländeranteil von 15,7 Prozent. In unseren Bildungsmaßnahmen sind derzeit nur 12,2 Prozent Migranten mit einem deutschen Pass. Meine Vorstellung ist, dass wir in der Aus-und Weiterbildung wesentlich mehr ausländische Mitbürger einbeziehen, weil wir wissen, dass der Qualifizierungsbedarf bei diesem Personenkreis deutlich größer ist. Also mein Appell nach innen und außen: wir können mehr Angebote unterbreiten, aber sie müssen auch angenommen und erfolgreich abgeschlossen werden. Wir wollen den Anteil der Migrantinnen und Migranten in dem, was wir integrationsfördernd tun, erhöhen. Das Problem ist aber, dass viele sich unter ihrem Wert verkaufen müssen, weil sie keinen Abschluss nachweisen können. Erstens sollten Einwanderer wissen, dass es ein Anerkennungsverfahren in der Bundesrepublik gibt. Ein Verfahren, das im Ausland erworbene Abschlüsse anerkennt oder als gleichwertig beurteilt. Fehlen noch Teile, können wir auch Nachqualifizierungen finanzieren, damit Migrantinnen und Migranten die Abschlüsse, die sie mitgebracht haben, auch zertifiziert bekommen und damit in eine günstigere Wettbewerbssituation kommen. Wir sind ein Land der Zertifikate, wir arbeiten nicht so freischaffend wie andere. Wir brauchen Fachkräfte und können keine Talente am Wegesrand stehen lassen.

Welcher Finanztopf steht Ihnen für all diese Pläne zu Verfügung?


Wir haben insgesamt im Bereich der Grundsicherung 6,6 Milliarden Euro, die wir in diesem Jahr einsetzen können, auch für Migrantinnen und Migranten. Und wir haben im Bereich der Arbeitslosenversicherung weitere 4,4 Milliarden Euro zur Verfügung. Das heißt, wir können jedem Migranten, der daran interessiert ist, ein Angebot machen.

Wie können denn diese Menschen überhaupt über Ihre Angebote informiert werden?


Wir müssen in die Medien gehen, auch in die Medien, die in der Migrantenszene stark beachtet werden. Wir sprechen zum Beispiel mit Rundfunksendern in Berlin, die in türkischer Sprache senden. Und wir arbeiten mit Zeitungen zusammen, die überwiegend von Ausländern gelesen werden. Wir brauchen Journalistinnen und Journalisten, die interkulturelle Zusammenhänge verstehen und unser Anliegen vermitteln. Und wir arbeiten lokal mit vielen Netzwerkpartnern zusammen, die uns in diesem Anliegen unterstützen.

Gibt es deutsche Unterstützer neben den von Ihnen angesprochenen Kommunen?


Das ist insbesondere das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, mit dem wir zusammenarbeiten, was das Thema Sprachförderung angeht. Da sind die Wohlfahrtsverbände, mit denen wir ein enges Netz knüpfen, damit kein Talent übersehen wird.

Wir reden über ein Problem, das es seit längerem gibt. Warum sind Sie ausgerechnet jetzt mit Frau Böhmer an die Öffentlichkeit getreten. War der Druck so groß?

Frau Böhmer ist die »Hüterin« des Nationalen Integrationsplanes und für die Bundesagentur in diesem Thema ein wichtiger und hilfreicher Bündnispartner. Darüber hinaus haben wir in diesem Jahr gute Fördermöglichkeiten und können gute Angebote machen. Der zweite Punkt ist, wir sind derzeit in einer schwierigen wirtschaftlichen Situation. Wir wissen, dass die deutsche Wirtschaft nach der Krise anders aussehen wird als vor der Krise. Das Thema Fachkräfte wird verstärkt zurückkehren. Das heißt, nach einer Krise sollten wir vom Arbeitskräftepotential her besser aufgestellt sein als vorher und gleichzeitig einen höheren Integrationsbeitrag von Migrantinnen und Migranten auf dem Arbeitsmarkt organisieren. Wenn der Aufschwung kommt, steht der Fachkräftebedarf sofort auf der Tagesordnung sowie das Thema Demografie.

Was erhoffen Sie sich?

Migranten sind jünger. Sie leisten einen guten Beitrag zum demografischen Aufbau. Auf der anderen Seite erlebe ich, dass Migranten der nachrückenden Jahrgänge zu 37 Prozent keinen Berufsabschluss haben. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht eine neue Generation von Arbeitslosen bekommen, die unqualifiziert oder arbeitslos sind. Wir müssen ihnen eine Chance geben, unterstützt von Freunden, Eltern oder auch den Religionsgemeinschaften. Bei Migranten ist das auch zum Teil ein Frauen- Männer-Thema. Teilweise gibt es noch die Ansicht, Frauen bräuchten keine Ausbildung. Auch das müssen wir ansprechen und korrigieren, damit wir weiterkommen.

Worin sehen Sie eine Chance zur Nachhaltigkeit?


Für uns ist Migration in diesem Jahr ein zentrales Thema in unseren 350 Arbeitsgemeinschaften, in denen wir eng mit den Kommunen zusammenarbeiten. Wir haben in diesem Jahr auch personell eine bessere Aufstellung. Das heißt, wir können auch Migranten intensiver betreuen und die sie bewegenden Fragen erörtern.

Was heißt das konkret?

Dass jeder persönliche Ansprechpartner oder Fallmanager in einer Arbeitsgemeinschaft seine Checkliste kennt, wenn er mit einem Kunden mit Migrationshintergrund spricht. Ich erwarte aber auch, dass jede Arbeitsgemeinschaft gemeinsam mit der Kommune ein örtliches Netzwerk bildet und das auch aktiviert. Dass man dort sein Arbeitsmarktprogramm berät. Und dass die Community der Migranten von den Angeboten weiß. In Hamburg organisiert die Arbeitsgemeinschaft Informationsveranstaltungen im türkischen Konsulat.

Es ändert sich nichts, wenn nicht auch der Wert und die Würde eines jeden Menschen vermittelt wird. Was müsste sich ändern?

Ich glaube, die Gesamtgesellschaft macht diesen Wert an der Arbeitsgesellschaft fest und daran, welchen Teil der einzelne dafür leistet. Daran können wir kurzfristig sicher nichts ändern. Wenn wir also wollen, dass Migrantinnen und Migranten ein Leben führen, das einen Sinn und eine Würde hat, müssen wir uns als Arbeitsverwaltung darauf konzentrieren, dass wir für diese Menschen auch eine Teilhabe am Arbeitsleben organisieren. Ich glaube, dass ein dauerhafter Bezug von Transferleistungen würdelos ist. Für die Menschen selbst wie für die Gesellschaft. Und alles, was wir tun, um diese Situation positiv zu verändern, bringt uns weiter.
 
Interview: Bettina Röder

 

 


 
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