Reflexartig beschränkt: das “Kerngeschäft” der Zollitsch-Gegner
Es war nur eine kurze Nachricht, aber manch frommen Katholiken hat sie offenbar heftig in Wallung gebracht: Am 31. März 2008 um 14.15 Uhr meldete die Website von Radio Vatikan unter der Überschrift “Beschränkung aufs Kerngeschäft” den Rücktritt des Freiburger Erzbischofs Robert Zollitsch – “und zwar als theologischer Berater des Ökumenischen Netzwerks Initiative Kirche von unten” (IKvu).
Ungeprüft und ohne Beachtung des Hinweises “SPERRFRIST 1. APRIL 2008″ druckte die “Stimme des Papstes und der Weltkirche” eine Pressemitteilung von IKvu-Geschäftsführer Bernd Göhrig nach und zitierte die angebliche Äußerung Zollitschs, er habe die “gegenseitig befruchtende Zusammenarbeit im Theologischen Beirat” des Verbands “sehr genossen”, sein neues Amt als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz zwinge ihn aber “zur Beschränkung auf mein Kerngeschäft”.

Die Meldung fand auch Aufnahme in den Newsletter von Radio Vatikan, dort stieß das rechtskatholische Internetportal “kath.net” auf den vermeintlichen scoop und setzte dann auf der hauseigenen Diskussionsplattform “kath.forum” die Erregungsmaschine in Gang:
Kath.net-User “Edi” aus Deutschland zitierte am 31. März, 19:02 Uhr, die Meldung von Radio Vatikan und kommentierte:
“Ist ja interessant in welchen kirchenfeindlichen Vereinen manche Bischöfe mitwirken”.
“Gandalf”, Administrator des kath.net-Forums, sprang um 21:03 Uhr auf den Zug auf:
“Ich halte diese Nachricht für einen absoluten Knaller! Der Vorsitzende der DBK war jahrelang ‘theologischer Berater’ dieses Vereins… No more comment!”
“Edi” setzte sieben Minuten später nach:
“Kein Wunder, dass die Kirche von unten und ähnliche Gruppen von ihm nach seiner Wahl zum Vorsitzenden der DBK und nach seinen Äusserungen zum Zölibat so angetan waren.”
Um 21:14 Uhr meldete “Gandalf” die Ergebnisse seiner flinken Internet-Recherche:
“Eine Auswahl von Gruppen, die bei “Kirche von unten” sind: Vom Zölibat betroffener Frauen, Maria von Magdala – Initiative Gleichberechtigung für Frauen in der Kirche, das Netzwerk Katholischer Lesben (NkaL) und die Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) sowie Schlangenbrut – Zeitschrift für feministisch und religiös interessierte Frauen und die Vereinigung katholischer Priester und ihrer Frauen (VkPF). Sorry, aber so ein Engagement von Zollitsch ist ein unglaublicher Skandal!”
User “Marvin” legte um 21:53 Uhr nach:
“Ist nicht Hasenhüttel auch von denen? Der ist doch Atheist.”
Dann gingen die papsttreuen Diskutanten erst mal ins Bett. Der nächste Eintrag kam dann am 1. April, morgens um 5 Uhr; User “Safra” reagierte abgeklärt:
“Diejenigen, die Zollitsch gewählt bzw. ernannt haben sind über Zollitsch im Bild gewesen, daher auch verantwortlich. Aber solange man Rahner und König hochjubelt muss man mit Lehmanns und Zolltsch rechnen.”
Um kurz vor sieben war für “Albert” aus München die katholische Welt nicht mehr in Ordnung, er geiferte:
“Unglaublich! Das hätte ich nicht gedacht, und schon gar nicht in dieser Form. (…) Nun, manche genießen die verfaulte Sünde auch noch, aber ‘Gleich zu Gleich gesellt sich gern’.”
Formvollendet verabschiedete er sich mit dem frommen Gruß “Einen gesegneten Tag” und der Mailsignatur “Ave Maria / Totus – tuus”. Erst “Josephus aus Tirol, jetzt Niederösterreich” klärte die Gemeinde um 9:12 Uhr über die Fake-Meldung der IKvu auf:
“Liebe Freunde, leider bin auch ich zuerst hineingefallen: Es handelt sich um einen (schlechten) Aprilscherz von IKvU, welche diese Pressemeldung lanciert haben!”
Administrator “Gandalf” schickte 12 Minuten später ein Stoßgebet hinterher:
“Gott sei Dank! Wir werden die Meldung zurückziehen, sobald der Server wieder online ist. Das ist wirklich ein schlechter Scherz, leider haben wir uns hier zu blind auf ‘radio Vatikan’ verlassen.”
Zerknirscht rang sich Administrator-Kollegin “Linda” um 12:16 Uhr durch zu einem
“Oje, das ist natürlich blöd wenn da eine Falschmeldung drauf is… “
User “Albert” (siehe oben) hingegen schrieb reuig Klartext:
“Ohne jedweden Relativierungsversuch bitte ich um Entschuldigung für mein post.”
Die Rezeption des IKvu-Aprilscherzes zeigt beispielhaft die reflexartige Erregung des rechtskatholischen Milieus. In der fundamentalistischen Weltsicht dieser Kreise gehören Bischöfe wie Kardinal Lehmann oder Robert Zollitsch letztlich zum “bösen Feind”, der die “Heilige Mutter Kirche” bedroht und mit “Freimaurern”, “Atheisten”, “KirchenVolksBegehrern” oder eben der IKvu im Bunde ist. Das “Kerngeschäft” ist daher die kompromisslose Verteidigung des “katholischen Glaubensgutes”, vermeintlich “liberale Freigeister” wie Erzbischof Zollitsch werden für jede Aufweichung eherner Positionen bei Themen wie “Zölibat” oder “Ökumene” verdammt.
Wer sich die Mühe macht das Vergnügen gönnt und die IKvu-Pressemitteilung in Gänze liest, stößt auf weitere “skandalträchtige” Fakten: Zollitsch sei Autor des pastoralen Praxisratgebers “Zölibatfrei leben leichtgemacht!” und die Deutsche Bischofskonferenz plane “einschneidende pastoral-strukturelle Maßnahmen wie (…) die Zulassung von evangelischen Pastorinnen zum römisch-katholischen Priesteramt”. Der Nachfolger von Zollitsch als “theologischer Berater” der IKvu stehe hingegen noch nicht fest, “mit einer Entscheidung (sei) nicht vor dem 31. Juni zu rechnen”.
Übrigens: die kath.net-Meldungen “Placido Domingo singt vor Papst Benedikt“, “Papst liebt Büffelmozzarella” und “Kirchgänger leben länger” sind offenbar keine Zeitungsenten, sondern sauber abgeschrieben knallhart recherchiert …
Nachtrag (3.4.2008):
Auf den Aprilscherz der IKvu reingefallen sind u.a. die Ruhr-Nachrichten, die Berliner Morgenpost, die “Tagespost”, das Internetportal “Glaube aktuell” oder die “Amerika Woche”. Auch in der Blogosphäre gab es Meldungen, u.a. in “Bruder Ludwigs Blog”. Bei der rechtslastigen “Catholic Church Conservation” fand “Gillibrand” seine Vorurteile (“Cathcon puts 2 and 2 together and makes 4″ ) bestätigt:
“Chairman of German Catholic Bishops’ Conference shows his true colours”.
Blogger “Weberknecht” regte sich in seinem Forum “Tu es, Petrus” mächtig über “das Ausmaß der Schadenfreude” im Publik-Forum-Blog auf, empfahl dann aber wortreich, diese “Provokation” gehöre “ignoriert”:
Nun sind die meisten Aprilscherze von einer Harmlosigkeit, dass ihre Primitivität nicht weiter der Rede wert sind; im Gegenteil, sie heitern dennoch für einen kurzen Moment die Stimmung auf. Von einem anderen Kaliber aber ist der Vorgang, der hier stattgefunden hat. (…) Bemerkenswert und bedenklich an dem Vorgang ist (.) die Tatsache, dass die genannten Medien die Meldung tatsächlich für glaubwürdig gehalten haben. Das spricht nicht unbedingt für Erzbischof Zollitsch.
Souverän hingegen am 3. April die Reaktion von Radio Vatikan:
Radio Vatikan meldete am 31. Januar, Erzbischof Robert Zollitsch sei als Berater der “Initiative Kirche von unten” zurückgetreten. Unser aufmerksames Publikum hat dies sofort als Aprilscherz entlarvt – im Gegensatz zu uns! Wir bitten um Nachsicht und laden ein zu befreiendem Osterlachen im Nachhinein.
(Natürlich kam die Meldung am 31. März, nicht am 31. Januar …)
Nachtrag (4.4.2008):
Unter der Überschrift “Opfer eines Aprilscherzes” hieß es am 1. April bei der “Katholischen Informationsseite der Gemeinschaft vom Heiligen Josef” merklich gekränkt:
Die Radio-Vatikan-Meldung von gestern (31.03.2008) sowie die darauf bezogene kath.net-Meldung erweist sich offenbar als schlechter Aprilscherz, lanciert von “Kirche von unten”: Es wurde behauptet, Erzbischof Zollitsch trete als theologischer Berater des Ökumenischen Netzwerks “Initiative Kirche von unten” (IKvu) zurück. Wir bedauern, dass auch news.stjosef.at auf diesen falschen, nicht deklarierten “Scherz” hineingefallen ist und entschuldigen uns ausdrücklich bei EB Zollitsch und allen Leserinnen und Lesern des Sankt-Josef-Newsletters!
Die Website von gloria.tv (“the more catholic the better”) schoss aber den Vogel ab und dementierte (!) den Austritt Zollitschs aus der IKvu:
Der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Zollitsch, sei aus der Vereinigung “Initiative Kirche von unten” ausgetreten. (…) Das war, wie sich herausstellte, ein Aprilscherz. Das päpstliche ‘Radio Vatikan’ und die Webseite ‘kath.net’ sind darauf hereingefallen.
Die Online-Enzyklopädie “Wikipedia” nennt die ganze Story inzwischen als gelungenes Beispiel für einen “Aprilscherz” unter eben diesem Schlagwort:
Die Pressemitteilung – die mit zahlreichen Übertreibungen gespickt war – wurde von Radio Vatikan bereits vor der “Sperrfrist 1. April” als Nachricht veröffentlicht und infolgedessen von mehreren konservativen katholischen Internetdiensten aufgegriffen und heftig diskutiert.
Nachtrag (6.4.2008):
Inzwischen ist es Sonntag geworden, da gab’s auch im kath.Net-Forum einen anderen Zungenschlag, User “iustus” zeigte sich amüsiert:
Ich hab’ das jetzt erst mitgekriegt und die Pressemitteilung der IKvU gelesen. Also ich find´s echt witzig. Gerade weil das – Gott sei’s gedankt – so abstrus ist, kann ich herzlich darüber lachen.
“Miraculix” aus Bayern überlegte, wie man mit seinen Vorurteilen so umgeht:
Vielleicht ist Lachen das Beste was man da noch tun kann. Aber die Kirche der Zukunft wird weiterhin von oben leben, nämlich vom dreifaltigen Gott. “Kirche von unten” lebt nicht, zumindest nicht vom Hl. Geist.
Forumsmitglied “Tolkien” empfahl hingegen den Link zum Publik-Forum-Blog (Danke!):
Hier wird über diesen Thread berichtet.
User “Marvin” ist ebenfalls nachdenklich geworden:
Ich finde die ganze Sache unheimlich peinlich. Mir kam das schon etwas komisch vor und dachte, selbst wenn er dort mitgemacht habe, hätte er dies aus seinem Gewissen heraus gemacht und versucht auf diese Gruppierungen einzuwirken. Das waren meine Gedankengänge. Andererseits ist ja klar, dass man als Christ nicht mit Leuten zusammenarbeiten sollte, die offen oder verdeckt direkt gegen den Glauben arbeiten. Insofern sind einige Reaktionen schon verständlich. Andererseits ist das ganze auch traurig, weil man sich so leicht beeinflussen lässt ohne wirklich Zollitsch zu kennen. Da hat Publik-Forum schon recht: “Reflexartig beschränkt”.
Nachtrag (8.4.2008):
Es bleibt skurril, User “Kaplan” suchte Gründe für seinen “Kaffee-Flash”, in seinem Blog “lux aeternitatis” schrieb er am 2. April:
Vielleicht liegt es an Erzbischof Zollitsch, der gestern ganz geschickt seinen Rücktritt bei “Kirche von unten” – als Aprilscherz verpackt – bekanntgegeben hat. Das war wirklich ein Glanzstück medialer Ausgebufftheit!
Rege Diskussionen finden auch bei “mykath”, dem “Leserforum der Freunde von kath.de” statt, von Moderatorin “Gabriele” kam ein guter Vorschlag:
Nachdem Erzbischof Zollitsch Mitautor (von) “Zölibatfrei leben leichtgemacht!” (…) ist, (…) erbarmt er sich vielleicht und schreibt einen weiteren pastoralen Praxisratgeber “Aprilscherze erkennen – leicht gemacht”. Könnte zum Bestseller werden.
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User “ramhol” fand die Story
Nett zusammengefasst im Publik-Forum-Blog
und setzte einen Linktipp auf diesen Beitrag, “lara” hingegen widersprach:
Eher “nicht nett” zusammengefasst. Wahrscheinlich ist der Autor des Beitrags evangelisch.
Mitglied “Ältester” zollte der IKvu seinen Respekt:
Ich fand den Aprilscherz ganz schön pfiffig. Da sind Kreative am Werk. Applaus. Leider können manche nicht einmal – lachend – zugestehen, daß sie auf einen Gag hereingefallen sind. Schade.
Das bisherige Schweigen des Erzbistums Freiburg erklärte Moderator “Sokrates” so:
Ich halte es für professionell, auf einen Aprilscherz nicht mit großmächtigen Presseerklärungen zu antworten. Über Aprilscherze lacht man, oder freut sich (wie wir hier) an den Reaktionen der geleimten, aber mehr ist nicht erforderlich.
Inzwischen hat auch “Gillibrand” von der rechtslastigen “Catholic Church Conservation” bemerkt, dass sein Reinfall im Publik-Forum-Blog (“German liberal Catholic website”) dokumentiert wurde und legte gegen Zollitsch und den “Erzketzer Rahner” nach:
Only goes to prove he has all his friends on the left. He has none on the right after his comments about celibacy. He certainly depends on the theology of the heresiarch, Karl Rahner.
Nachtrag (17.4.2008):
Eben kam ein freundlicher Hinweis auf ein bisher übersehenes rechtskatholisches “Schlachtfeld”: Der Aprilscherz wird ebenfalls heftig im “Kreuzgang” diskutiert. User “Kurt” ist auch am 5. April noch irritiert:
Mal ne Frage: Ist denn nun Erzbischof Zollitsch als IKvU-Berater zurückgetreten oder nicht? Die Pressemeldung über den Rücktritt war ja nun lt. IKvU ein Aprilscherz – soweit so gut. Aber das heisst doch, dass er weiterhin als theologischer Berater für IKvU tätig ist, oder?
Moderator “Ecce Homo” rätselte ebenfalls:
Ist eine gute Frage… ist er überhaupt Berater dort oder nicht? Kann man das irgendwie verizifizeren? Vielleicht gehörte das ganze zum Scherz und er ist gar nicht irgendwie mit denen…
Nachtrag (20.4.2008):
Auch im altkatholischen Diskussionsforum “Mensch und Kirche” hat man über die “kleine Lachnummer zum 1. April” geschmunzelt. User “winnie” freute sich besonders über die Reaktionen:
Doll ist aber, wie in den ultrakonservativen Milieus die kurze Meldung für bare Münze genommen und entsprechend über die angebliche Kumpanei eines rk Bischofs mit kirchenkritischen Organisationen gewütet wurde. Da nach Entdeckung des Scherzcharakters der Presseerklärung die einschlägigen Medien ihre Tiraden gelöscht haben, ist es das Verdienst von Publik-Forum im Blog doch so einige Blüten festgehalten zu haben. (…) Als ich vorgestern abend die erste Meldung las, hab ich mir spontan gedacht “Aprilscherz” und “armer Erzbischof Zollitsch”, daß die IKvu auf seine Kosten sich so ein Scherz leistet. Zumal der Freiburger Erzbischof ja nach seinem Amtsantritt als DBK-Vorsitzender und diverser Interviews von konservativer Seite nur geprügelt worden ist. Womit ich nicht gerechnet habe, ist die Dummköpfigkeit der rechten Dauerechauffierer.
Auf der Website der KirchenVolksBewegung “Wir sind Kirche” gibt es inzwischen auch einen Kommentar in der “Kolumne unzensiert”:
Wie blind Hass macht merkt man, wenn die in der Pressemitteilung kolportierte Meldung, die Deutsche Bischofskonferenz plane “einschneidende pastoral-strukturelle Maßnahmen wie (…) die Zulassung von evangelischen Pastorinnen zum römisch-katholischen Priesteramt” gar nicht mehr wahrgenommen, geschweige denn als Aprilscherz erkannt wurde.
Nachtrag (24.6.2008):
Auch gut zwei Monate nach dem Aprilscherz wird die angebliche Beratertätigkeit des Freiburger Erzbischofs noch via Internet kolportiert. Im Diskussionsforum von “Vita in Deum”, einer “Initiative von Christen, die Gott und das Gebet in ihrem Leben entdeckt haben”, stellt Userin “Magdalene” Anfang Juni die Frage,
ob unsere Gemeinschaft auch einen Zugang zu diesem kirchlichen Netzwerk finden möchte und was allgemein über solche Formen des kritisch-kreativen Umgangs mit Gemeinschaft, Gemeinde und Kirche gedacht wird. Der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz Erzbischof Zollitsch ist bis vor Kurzem theologischer Berater des Netzwerks gewesen.
Barsch wird sie dafür von User “Tobias” gemaßregelt:
Ich rate erstmal zu prüfen, wer das überhaupt ist und was sie wollen? Das Erzbischof Zollitsch ein Berater dort gewesen sein soll war ein Aprilscherz – dass jetzt im Juni auch noch welche darauf reinfallen, ist schlimm.
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Thomas Wystrach ist Referent der Leserinitiative Publik e.V.
