Weizsäcker: »Rio? Eine Tragödie!«

Herr von Weizsäcker, im Abschlussdokument der ersten Rio-Erklärung vor zwanzig Jahren hieß es unter anderem: »Die Staaten werden in einem Geist der weltweiten Partnerschaft zusammenarbeiten, um die Gesundheit und die Unversehrtheit der Erde zu erhalten, zu schützen und wiederherzustellen.« Passiert ist seither aber genau das Gegenteil. Wenn nicht gegengesteuert wird, wird das globale Ökosystem in absehbarer Zeit unweigerlich kollabieren. Wie konnte es trotz der guten Absichten damals zu dieser Entwicklung kommen?
Weizsäcker: Was sich seither abgespielt hat, ist eine Tragödie. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion herrschte zunächst eine Aufbruchstimmung für Umweltschutz und nachhaltige Entwicklung. Man erwartete riesige »Friedensdividenden«, die man für eben diesen Zweck zur Verfügung gestellt hätte. Aber die Staaten verloren leider immer mehr das Sagen und der Neoliberalismus begann sich durchzusetzen mit der Folge, dass sich die Steuerspiralen immer mehr nach unten drehten und die Staaten systematisch verarmten. Der Zeitgeist der Finanzakrobaten erdrückte den Geist der Nachhaltigkeit.
In den letzten 20 Jahren haben der globale Energieverbrauch, die Treibhausgasemissionen, der Wasserverbrauch, der Rohstoffabbau und die Flächenversieglung besorgniserregend zugenommen. Sehen Sie überhaupt noch Möglichkeiten diesen Trend im globalen Turbokapitalismus auch nur zu stoppen?
Weizsäcker: Die Zerstörungsdynamik hat ihren Ausgangspunkt in dem weltweiten Wunsch nach immer mehr Wohlstand. Die Dynamik ist heute rasant in den aufstrebenden Ländern wie China, Indien und Brasilien. Auch bei der jetzigen Rio-Konferenz wird wohl nicht viel herauskommen. Hoffnung habe ich trotzdem, dass wir lernen, mit der Natur wesentlich effizienter umzugehen. Das geschieht aber nicht, solange Energie und Mineralien relativ billig sind.
In Ihrem Buch, »Faktor Fünf«, fordern Sie außer der Effizienzverbesserung, dass wir von dem seit 30 Jahren grassierenden Zeitgeist der Marktüberschätzung und Staatsverachtung Abstand nehmen. Wie reagieren den die Marktayatollahs, zum Beispiel von der FDP, auf ihre Forderungen?
Weizsäcker: Der Zeitgeist hat sich seit dem Ausbruch der Finanzkrise 2008 Gott sei Dank wieder gewandelt. Weltweit beobachten wir einen Trend, absurde Steuersenkungen rückgängig zu machen. Dass ist auch Christian Lindner von der FDP nicht entgangen. Andere in dieser Partei träumen vielleicht noch weiter von Steuersenkungen.
Die radikale Marktwirtschaft hat die Gemeingüter wie Klima, Ozeane, die Süßwassersysteme, die Biodiversität und vieles andere dem Wettbewerb der effizientesten Ausbeuter überlassen und damit bis zum heutigen Zeitpunkt bereits nahezu völlig zerstört. Ist in unserem neoliberalen Zeitalter eine andere Politik überhaupt nur ansatzweise denkbar und durchsetzbar?
Das neue Publik-Forum Dossier: Landraub
Land ist in den vergangenen Jahren zu einer begehrten Ressource geworden. Wenn Großinvestoren ihr Land aufkaufen, muss die lokale Bevölkerung oft weichen. / mehr
Weizsäcker: Die soeben verstorbene Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom hat diesem zerstörerischen Unsinn unserer ökonomischen Gemeingüter das Konzept der Ökonomie der Gemeingüter entgegengestellt und damit der neoliberalen Ökonomie ein echtes, auf Langfristigkeit basierendes Gegenmodell präsentiert. Die Ideologie des entfesselten Marktes hat sich selbst widerlegt.
Sie plädieren für die Überwindung von Maßlosigkeit und Gier, sowie für die Tugend der Genügsamkeit. Das klingt nach einem global verordneten Harz IV-Programm.
Weizsäcker: Ganz und gar nicht. Hartz IV ist ja vor allem auch deshalb als ungerecht empfunden worden, weil es wiedermal die Armen sind, die die Zeche bezahlen müssen. Wenn ich von Genügsamkeit rede, meine ich die Reichen.
Der gegenwärtige Wohlstand ist also mit einem erheblich geringeren Ressourcenverbrauch möglich?
Weizsäcker: Ja, ich spreche von einem »Faktor Fünf«, um den wir effizienter werden können. In dem gleichnamigen Buch reden wir - Karlson Hargroves, Michael Smith und ich - von LED statt Glühbirnen, von Passivhäusern, von Industrieprozessen, von Verkehrssystemen und der Landwirtschaft. Fünf mal mehr Wohlstand aus der Energie und dem Wasser herauszuholen ist theoretisch möglich.
Für den Durchschnittsbürger ist es wohl realistischer, davon auszugehen, dass wir uns künftig mit einem geringerem Lebensstandard zufrieden geben müssen. Ist das nur ein Vermittlungsproblem?


