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Rio: Grünes Wachstum reicht nicht

Auf der Rio+20-Konferenz der UNO werden viele Politiker für eine ökologische Weltwirtschaft plädieren. Eine gerechtere Verteilung des Reichtums steht nicht zur Debatte. Doch sie ist entscheidend
Kostbare, zerbrechliche Welt: Wolfgang Kessler plädiert für eine gerechtere Verteilung des Reichtums, damit die dringend notwendige Änderung des ressourcenintensiven Lebensstiles in den nördlichen Ländern der Erde überhaupt erst möglich wird (Foto: Beboy/Fotolia)
Kostbare, zerbrechliche Welt: Wolfgang Kessler plädiert für eine gerechtere Verteilung des Reichtums, damit die dringend notwendige Änderung des ressourcenintensiven Lebensstiles in den nördlichen Ländern der Erde überhaupt erst möglich wird (Foto: Beboy/Fotolia)

Dahinter könnte sich eine schöne Vision verbergen, nicht nur für diesen Sommer: Ab dem 20. Juni treffen sich rund zehntausend Delegierte der UNO-Mitgliedsländer und etwa 50000 Vertreterinnen von Nichtregierungsorganisationen in Rio de Janeiro zur »Rio+20-Konferenz«. Glaubt man ersten Ankündigungen, wollen sie dort das Zeitalter einer grünen Weltwirtschaft einläuten, die Klimawandel und Arbeitslosigkeit gleichermaßen bekämpft und Ökonomie und Ökologie versöhnt.

Ungerechte Verteilung des Reichtums ist Tabuthema

Diese Vision ist unbestreitbar notwendig. Ob sich die Regierungen jedoch zu mehr durchringen können als zu allgemeinen Verlautbarungen, ist zweifelhaft. Noch immer ist der ressourcenintensive, zerstörerische Wirtschafts- und Lebensstil in den Industrieländern auch für die Menschen in den anderen Regionen der Erde das Maß aller Dinge. Und die geradezu perverse Ungleichverteilung des Reichtums weltweit steht in Rio de Janeiro erst gar nicht auf der Tagesordnung. Für die meisten Politiker in den Industriestaaten ist sie ein Tabuthema.

»Die Zukunft, die wir wollen«: Unter diesem Motto der Rio+20-Konferenz wollen die Regierungen zunächst eine Bilanz der vergangenen zwanzig Jahre ziehen. 1992 fand in Rio de Janeiro jener Erdgipfel statt, der das Ziel einer nachhaltigen Entwicklung im 21. Jahrhundert, die »Agenda 21«, weltweit populär gemacht hat. Schon diese Bilanz dürfte die ganze Widersprüchlichkeit der Entwicklung zeigen. Auf der Haben-Seite steht ein weltweit wachsendes Bewusstsein für die Begrenztheit endlicher Ressourcen. Daraus sind zahlreiche Initiativen erwachsen: Sie reichen von kritischem Konsum, ethischer Geldanlage über Agenda-Gruppen in vielen Städten bis hin zu nachhaltigen Unternehmensstrategien.

Ungebremster Marsch in die Klimakatastrophe

Auf der anderen Seite ist die Vision einer nachhaltigen Entwicklung von der wirtschaftlichen Dynamik überrollt worden. Der Ausstoß des klimaschädlichen Gases Kohlendioxid hat 2010 ein globales Rekordniveau erreicht. Der Klimawandel beschleunigt sich, das Risiko von Dürrekatastrophen, Überschwemmungen und Artensterben wächst. Gerade meldet die pazifische Inselnation Kiribati, dass immer mehr der 100000 Bewohnerinnen und Bewohner umgesiedelt werden müssen, weil ihnen das Meer buchstäblich bis zum Hals steht.

Die UNO-Konferenz 1992 hat die Struktur der Weltwirtschaft nicht verändert. Noch immer zeichnet ein Viertel der Weltbevölkerung in den Industriestaaten für drei Viertel der Kohlendioxid-Emissionen und für den größten Teil des Ressourcenverbrauchs verantwortlich, auch wenn die Schwellenländer aufgeholt haben.

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Mehr als drei Milliarden Menschen haben weniger als 1,50 Euro pro Tag

Eher noch zugespitzt hat sich die Verteilung von Reichtum und Armut. Die Globalisierung der Wirtschaft hat zwar in den Schwellenländern 200 bis 300 Millionen Menschen einen mittelständischen Lebensstandard verschafft - dies ist nicht geringzuschätzen. Doch nach wie vor leben 1,2 Milliarden Menschen von weniger als einem Euro pro Tag und weitere zwei Milliarden von rund 1,50 Euro. Nach der international anerkannten WIDER-Studie der UN-Universität in Helsinki gehören den reichsten zehn Prozent der Weltbevölkerung 85 Prozent des globalen Vermögens. In fast allen Ländern, auch im Süden der Welt, weitet sich die Kluft zwischen Arm und Reich. Die Welt wirtschaftet seit Rio 1992 nicht nachhaltiger - und gerechter ist sie auch nicht geworden.

Angesichts dieser Entwicklung ist die Forderung nach grünem Wachstum ein zweischneidiges Schwert. Sie ist attraktiv, weil Investitionen in erneuerbare Energien, grüne Verkehrssysteme, rohstoffsparende Technologien und biologische Landwirtschaft weltweit einen Boom auslösen könnten, der Millionen Arbeitsplätze schafft. Für diese Vision spricht auch, dass sich viele Unternehmer, Arbeitnehmer und Naturschützer darauf verständigen können - im Norden und im Süden. Schließlich erzeugt auch grünes Wachstum Gewinne.

Vision einer nachhaltigen Ökonomie

Andererseits ist fraglich, ob grünes Wachstum den Verbrauch an endlichen Ressourcen wirklich durchgreifend senken kann. Auch die Nutzung von Wind, Wasser und Sonne verbraucht große Mengen an Rohstoffen - und ein Boom mit vielen Millionen Arbeitsplätzen schafft Einkommen und Mehr-Konsum. Zu Recht. Denn gerade die Menschen im Süden brauchen einen höheren Lebensstandard und mehr Chancen auf Bildung und Gesundheit.

Doch: Wenn der höhere Lebensstandard im Süden die Ressourcen der Welt nicht noch schneller aufzehren soll, dann müssen die Menschen in den Industriestaaten ihren Verbrauch an Ressourcen drastisch verringern: Sie brauchen eine Wirtschaftsweise, die auf langlebigen, wiederverwertbaren Produkten und nachhaltigen Kreisläufen beruht, die den Verbrauch von Material und Energie möglichst gering halten.

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