Mehr Würde für das Schlachttier

Während Fiffi und Mieze gehätschelt werden, essen wir das Fleisch jener, die in riesigen Ställen auf engstem Raum zusammengepfercht werden. Sie sind verhaltensgestört und krank, auf elend langen Transporten karrt man sie zur Schlachtbank.
Bio-Fleisch hat nur einen Marktanteil von weniger als einem Prozent. Über artgerechte Tierhaltung wird zwar gerne gesprochen, aber mehr Platz, Auslauf, langsamere Mast und besseres Futter verursachen hohe Kosten. Die wollen die Verbraucher – angesichts der verlockend niedrigen Preise beim Discounter – aber nicht bezahlen. Wie kann sich trotzdem endlich etwas ändern? Ein erster Schritt kann Fleisch mit einem Tierwohl-Label sein, das in diesem Sommer auf den Markt kommt.
Dieses Label entspricht nicht der großen Vision von Gerechtigkeit für Tiere und ist weit entfernt von dem, wie wir uns Landwirtschaft gerne vorstellen. Dafür gibt es immerhin ehrliche Information, bietet kontrollierte Standards und eröffnet die Chance, aus der unbedeutenden Marktnische endlich in die Breite zu kommen.
Visionen und Ideale helfen, den Horizont und die großen Ziele zu sehen. Aber jeder Weg braucht gehbare Schritte. Mit dem neuen Label wird Fleisch gekennzeichnet, das von Tieren aus konventioneller Haltung stammt, die unter etwas besseren Bedingungen als dem gesetzlich vorgeschriebenen Minimum leben. Der Preis liegt entsprechend zwischen »billig« und »bio«. Dafür bekommt ein Schwein mit 1,1 Quadratmetern im Stall immerhin fünfzig Prozent mehr Platz, es erhält Möglichkeiten zur Beschäftigung – und einen Transport zum Schlachthof, der nicht länger als vier Stunden dauern darf. Das Tageslicht wird es niemals sehen, ein Auslauf ist nicht drin für diesen Preis.
Das neue Publik-Forum Dossier: Landraub
Land ist in den vergangenen Jahren zu einer begehrten Ressource geworden. Wenn Großinvestoren ihr Land aufkaufen, muss die lokale Bevölkerung oft weichen. / mehr
In Umfragen geben zwanzig Prozent der Verbraucher an, dass sie bereit wären, mehr Geld auszugeben für Fleisch, das unter Gesichtspunkten des Tierschutzes produziert wird. Aber was machen sie anschließend an der Theke? Wir kennen das: Häufig wird die persönlich vorteilhafte und sozial angepasste Antwort gegeben. Aber wenn’s um die Wurst geht, um den eigenen Geldbeutel, dominieren Bequemlichkeit und Eigennutz. Landwirte haben Angst vor dieser Macht der Verbraucher. Der Preiskampf im Einzelhandel wird auf ihrem Rücken ausgetragen. Skandalöse sieben Cent erwirtschaftet ein Bauer mit einem Masthuhn. Davon soll er Löhne und Steuern bezahlen und seine Familie ernähren.
Ab Juli läuft der Test: Kaufen die Verbraucher Fleisch mit Tierwohl-Label?
Die konventionell wirtschaftenden Landwirte hören viele Vorwürfe von Tier- und Umweltschützern, aber auch ihnen sind anständige Arbeit und das Wohl ihrer Tiere wichtig. Zusammen mit der ebenfalls viel gescholtenen Schlachthof- und Fleischbranche zeigen sie jetzt Mut, investieren in den Umbau ihrer Ställe und bringen ab Juli 2012 – zunächst auf ein Gebiet in Norddeutschland begrenzt – Fleisch mit Tierschutz-Label in den Supermarkt. Damit folgen sie einem Erfolgsmodell aus den Niederlanden und hoffen, dass es auch bei uns klappt. In jedem Kühlregal gibt es dort Fleisch mit dem Siegel »beter leven« (besser leben).
Diese Entscheidung kann man jetzt auch bei uns treffen – an der Fleischtheke. Vor allem aber nutzt jeder, auch der kleinste Schritt, den Tieren.


