Machen Computer dumm?

Micha Heitkamp: »Wissen verändert sich«:
»Wir klicken uns das Gehirn weg«, warnt der Psychiater Manfred Spitzer. Und weil er fürchtet, seine Kinder könnten ihm in zwanzig Jahren vorhalten: »Papa, du wusstest das alles – und warum hast du dann nichts getan?«, hat er etwas getan und ein Buch geschrieben. Offensichtlich trifft er mit seiner Sorge um die Kinder den Nerv vieler Eltern. Sein Buch »Digitale Demenz« hat sich jedenfalls zum Bestseller entwickelt.
Spitzers Hauptthese lautet: Wenn Kinder und Jugendliche zu viele digitale Medien nutzen, werden sie im Alter früher dement. Daneben stellt er eine ganze Menge weiterer Thesen auf. Immer geht es um den negativen Einfluss von Computern, Computerspielen, Spielkonsolen, sozialen Netzwerken und ganz besonders von digitalen Medien in den Schulen.
Spitzer sieht sich dabei als Tabubrecher und Einzelkämpfer, der endlich die Sorgen vieler Menschen wissenschaftlich untermauert. Dass er auf Widersprüche stoßen werde, schreibt er schon in dem Buch, und er erklärt auch warum: Unternehmen, die durch digitale Medien Geld verdienen – man könne »zum Vergleich durchaus die Waffenproduzenten und -händler anführen« –, bezahlten Medienwissenschaftler dafür, dass sie die Unwahrheit sagen, und die Politiker würden aufgrund der zu erwartenden Steuereinnahmen die Augen vor den Gefahren der digitalen Medien verschließen. Nur Spitzer selbst spreche die wahren Erkenntnisse der Wissenschaft aus.
Doch gerade die Wissenschaftlichkeit sprechen ihm viele Experten ab. So etwa der Literatur- und Medienwissenschaftler Martin Lindner. Spitzers Argumentationsniveau sei erschreckend: »Er tritt die Wissenschaft mit Füßen.« Er definiere die Kernbegriffe nicht klar und setze ununterbrochen die verschiedensten Dinge gleich. Vor allem seien die in dem Buch aufgestellten Thesen nicht beweisbar.
Tatsächlich eignen sich Spitzers populistische Vergleiche – etwa Computer mit Drogen oder Computerspiele mit Kinderpornografie – und seine Weltuntergangsszenarien, nach denen digitale Medien eine Gefahr für Freiheit, Frieden, Nächstenliebe, Familie und Solidarität darstellten, nicht für eine ernsthafte Diskussion. Dabei wäre die, gerade was den Einsatz von Medien in Schulen betrifft, dringend notwendig. Das sieht auch Martin Lindner so: »Die Struktur von Wissen und Bildung verändert sich.«
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Land ist in den vergangenen Jahren zu einer begehrten Ressource geworden. Wenn Großinvestoren ihr Land aufkaufen, muss die lokale Bevölkerung oft weichen. / mehr
Geht man davon aus, dass das Auswendiglernen von Faktenwissen in Zukunft an Bedeutung verlieren wird, weil es online abrufbar ist, bedeutet das einen Machtgewinn in der Gesellschaft für diejenigen, die sowohl den Umgang mit der Technik als auch das Filtern der Informationsflut beherrschen. Da das Vorhandensein des Internets keine politische Entscheidung, die es zu treffen gilt, sondern Realität ist, könnte Spitzers Forderung, Computer aus den Schulen zu verbannen, fataler gar nicht sein: Sie würde zu einem fundamentalen Vorteil für die Kinder führen, die zu Hause von ihren Eltern den Umgang mit digitalen Medien erlernen. Das hätte Auswirkungen auf einen Bereich, den Spitzer nur kurz am Rande erwähnt: die soziale Gerechtigkeit.
Dabei geht es nicht nur darum, den Schülern den Umgang mit Computern beizubringen. Martin Lindner teilt Lernmedien in Lehrer- und Schülermedien ein. Es sei schon bemerkenswert, dass in den vergangenen Jahrzehnten hauptsächlich Lernmedien erfunden worden seien, die die Lehrer stärkten. Eine der wenigen Ausnahmen sei die Erfindung des Tintenkillers 1972 gewesen. Auch mit moderner Technik ließen sich Lehrermedien herstellen. Das Ersetzen von klassischen Kreidetafeln durch elektronische Smartboards etwa sei sinnlos.
Diese Meinung teilt auch André Spang. Der Musiklehrer eines Kölner Gymnasiums hat einen Lehrauftrag für Mediendidaktik am Institut für Medien und Bildungstechnologie in Augsburg. »Es gibt zurzeit einen Hype, was die Smartboards betrifft.« Er selbst setze in seinem Unterricht lieber die Tafel ein. Zusätzlich nutze er digitale Medien, die nicht dem Frontalunterricht dienen, sondern mit denen die Schüler arbeiten können.
Ein Beispiel nennt er aus dem Deutschunterricht: Dort könnten die Schüler in Gruppen mit Tablet-Computern einen Film über das gerade im Unterricht behandelte Buch drehen. Innerhalb einer Doppelstunde kämen dabei hervorragende Ergebnisse heraus, für die die Schüler sich intensiv mit dem Stoff beschäftigen mussten. Für die Schüler sei das Gefühl wichtig, etwas selbst geschafft zu haben, betont Spang. »Es geht darum, dass sie mithilfe der digitalen Medien individuell lernen können.«


