Erotisches Begehren

Liebe tut weh. Mit dieser fundamentalen Erkenntnis lassen sich nicht nur Popsongs schreiben, sondern auch Bestseller verkaufen, wie der jüngste »Skandalroman« 50 Shades of Grey der britischen Autorin E. L. James gerade wieder trefflich illustriert. Liebe, Erotik, Begehren und expliziter Sex sind allen Naturalisierungs- und Befreiungsversuchen zum Trotz Themen, die niemanden kaltlassen, die vielmehr alle erdenklichen emotionalen Reflexe vom Ekel bis zur Wonne hervorrufen und selbst in Sprache gebracht noch erregen.
Ein Bereich, der den ganzen Menschen erfasst – muss er nicht auch ein Thema für die christliche Theologie sein? Das menschliche Begehren war spätestens seit den Paulus-Briefen Thema der innerchristlichen Auseinandersetzung, und zwar so oft und so sehr, dass viele meinen, man sollte es nun lieber lassen. Zumal, nachdem sich insbesondere die katholische Kirche mit dem päpstlichen Lehrschreiben Humanae vitae einerseits – in ihm wurden künstliche Methoden der Empfängnisverhütung verboten – und erschreckenden Missbrauchsskandalen andererseits als höchst fragwürdige Instanz in sexualibus erwiesen hat.
Gleichzeitig ist der Bedarf nach reflektiertem Sprechen über Sexualität in all ihren Formen nicht kleiner geworden. Es scheint sich vielmehr ein Leerraum aufzutun zwischen der allgegenwärtigen visuellen Erotik und dem Exhibitionismus verschiedener medialer Formate einerseits sowie den unerfüllten, sprachlich zwischen Kitsch, Derbheit und Umschreibung schwankenden Sehnsüchten vieler Menschen andererseits, hinter denen der Wunsch nach einem undefinierbaren »Mehr« steht, an dem sogar der Protagonist von »50 Shades of Grey« letztlich scheitert.
Doch wie können die Theologie und vielleicht sogar die Kirchen mit den Menschen über dieses existenzielle und so leicht verletzende Thema ins Gespräch kommen, anstatt über ihre Köpfe hinweg Normen zu predigen, die für die Lebensrealitäten heute keinerlei Anhaltspunkte bieten?
Ein erster Schritt kann und muss die Wahrnehmung der Realität sein. Deutlich wird dabei, dass diese Realität eben nicht eine einzige ist, sondern aus vielen Realitäten besteht, die mit-, neben- und manchmal sogar gegeneinander existieren.
Das neue Publik-Forum Dossier: Landraub
Land ist in den vergangenen Jahren zu einer begehrten Ressource geworden. Wenn Großinvestoren ihr Land aufkaufen, muss die lokale Bevölkerung oft weichen. / mehr
Problematische Freiräume
»Wenn du willst, bleibe ich bei dir, auch wenn ich dich nicht mehr liebe. Das ist ein gutes Versprechen. Das heißt wirklich für immer.« Man würde eine solche Aussage wohl am allerwenigsten dort vermuten, wo sie tatsächlich zu finden ist: in dem Skandalroman »Feuchtgebiete«(2008)von Charlotte Roche. Hier findet sich all das, was die Untergangsfantasien konservativer Zeitgenossen beflügelt: Sex, Sex und nochmals Sex – mit verschiedenen Partnern und Partnerinnen, allein im Bad, in verschiedenen Posen, in grammatikalisch inkorrekter Sprache und solch anschaulicher Deutlichkeit, dass der Entertainer Harald Schmidt meinte, danach das iPad abwischen zu müssen. Und dazwischen Sätze wie den oben zitierten.
»Feuchtgebiete« ist sicher ein Extrembeispiel für die Spannung zwischen der Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit für immer und ewig sowie selbstbestimmter, weitgehend regelloser Sexualität. Am anderen Ende dieser Skala stehen die ebenfalls als Bestseller verkauften »Twilight«-Bücher und ihre Verfilmungen, die das Ideal der Jungfräulichkeit bis zur Ehe und der ewigen Treue hochhalten in einer Sprache, die unweigerlich an Frauenromane des 19. Jahrhunderts oder der 1950er-Jahre erinnert.
Interessant ist, dass in beiden Büchern beziehungsweise Filmen die Protagonistin eine junge Frau ist, welche die Instabilität von Beziehungen sehr konkret in der Scheidung und neuen Verpartnerung ihrer Eltern erfahren hat. Die selbstverständlichen Freiräume in Sachen Sexualität, die beide junge Frauen seitens ihrer Umgebung erfahren, führen zum unterschiedlichen Umgang damit, gleichzeitig aber auch zu einer ausgeprägten Sehnsucht nach der einen großen, wahren Liebe und vor allem nach deren Beständigkeit.
Im einen Fall, den »Feuchtgebieten«, werden Sexualität und Liebe getrennt. Eine mögliche Verbindung von zumindest Zuneigung und gelebter Sexualität deutet sich erst auf den letzten Seiten des Buches an. Im Fall von »Twilight« wird der Weg zurück in eine vermeintlich heile vergangene Welt der enthaltsamen Romantik gesucht.
Die Leserinnen beider Bücher sind junge Frauen. Bei »Twilight«sindesMädchen, die von der gelebten Sexualität ihrer Eltern enttäuscht sind, sich durch die zerbrochenen Familien verletzt fühlen und sich ein Ideal imaginieren, das sogar im Wortlaut nahe ist am ersten Lehrschreiben von Papst Benedikt XVI., »Deus caritas est«. Dort heißt es: »Nur dieser eine Mensch (…) für immer. (…) Liebe zielt auf Ewigkeit.«


