Dein Name sei Freiheit

Jesus hätte es sich nicht träumen lassen. Dass aus seiner überschaubaren Anhängerschar der Grundstock für eine Weltreligion werden würde, war für ihn nicht abzusehen. Der heute 89-jährige Jörg Zink, evangelischer Theologe, Publizist und Fernsehmacher, ist noch immer fasziniert davon, wie »aus einem kleinen Kreis verschreckter Menschen« so schnell »eine dynamische Wanderbewegung« wird – und wie der jesuanische Geist den Jesus-Nachfolgern hilft, schwierige Entscheidungen zu treffen. Entscheidungen, mit denen »der Meister« selbst in seinem galiläischen Mikrokosmos nie konfrontiert war.
Es sind Entscheidungen zur Freiheit, die das junge Christentum prägen. Und weil das so ist, beansprucht das Christentum für sich, eine Religion der Freiheit zu sein. Sie muss sich bis heute darin beweisen, dass sie ihrem eigenen Anspruch gerecht wird.
Jüngstes Beispiel: Joachim Gauck. Der evangelische Theologe und aktuelle Bundespräsident hat die Freiheit zu seinem Programm erklärt. Über »Freiheit« hat er eine Denkschrift verfasst, die zu seinem Amtsantritt die fünfte Wiederauflage erfuhr. Über Freiheit sprach er jüngst auch in einem Interview der Wochenzeitung Die Zeit. Da lobte er, der »Sehnsuchts-Wessi aus dem Osten«, wie ihn die Befrager nannten, den Westen als »das Reich der Freiheit« und sagte, er sei mit all seinen »Überzeugungen westlichen Werten verpflichtet«.
»Freiheit, die wir meinen«: Bürgerrechtler denken anders als Gauck
Was heißt das für den Christenmenschen Gauck? Ehemalige DDR-Bürgerrechtler wie Friedrich Schorlemmer, Heino Falcke, Almuth Berger, Joachim Garstecki und Ruth Misselwitz analysieren dessen Freiheitsbegriff als individuell, als konservativ, als privilegiert. In einer Denkschrift zum Amtsantritt des Bundespräsidenten warnten sie davor, wie wenig die Gaucksche Freiheit auf Gerechtigkeit für alle ziele und stattdessen eine »Freiheit von« meine: vom Kommunismus, von Bevormundung, vom Eingesperrtsein in einem Land, das keine Reisefreiheit ermöglichte. Und sie deuteten in ihrem Text »Freiheit, die wir meinen« auch an, dass Gaucks Ideal von Freiheit nicht wirklich für einen Christen tauge.
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Wo liegt das Problem? Eine Antwort findet, wer nach den Anfängen des Christentums fragt. Die Evangelien stellen – mit unterschiedlichen Akzenten – einen Jesus vor, der an die nahe Gottesherrschaft glaubt, an eine Welt, in der universelle Freiheit existiert. Seine Heilungen »signalisieren das Ende der Mächte«, beschreibt der katholische Theologe Thomas Pröpper das Wirken Jesu. Der Mann aus Nazareth predigt Armut und Feindesliebe, missachtet »alle geltenden Trennungen seiner Zeit und stellt die Liebe über das Gesetz«.
Dieses Erbe ist schwer zu verwalten. Das merkt ein bedeutender Nachfolger Jesu schon wenige Jahrzehnte nach dessen Tod. Wie kann man jesuanische Freiheit leben, ohne mit den Gesetzen der Juden, der Römer und Griechen in Konflikt zu geraten? Das fragt sich Paulus. Und er stellt fest: Sich zu Jesus zu bekennen ermöglicht nicht die »Freiheit von« den Anforderungen und Anfragen der Umwelt. Vielmehr geht es um eine »Freiheit zu« etwas: nämlich in offener Gemeinschaft nach neuen Formen des Zusammenlebens zu suchen.
In diesem Geist löst Paulus einen der ersten großen Konflikte der Glaubensgemeinschaft nach Jesu Tod: Darf einer Christ werden, der kein Jude ist? Muss Speise- und Ritualvorschriften einhalten, wer zur Bewegung gehören möchte? Müssen Männer beschnitten werden? Paulus entscheidet den Streit als global agierender Vordenker und erster weltweit bekannter christlicher Theologe: Wer Jesus nachfolgen möchte, muss Ja sagen können zur Kernbotschaft des von ihm verkündeten »Menschheitsretters«: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.« Ansonsten gibt es keine Beschränkungen: »Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus«, schreibt er an die Galater (Gal. 3, 28). Und auch: »Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!« (Gal. 5, 1)
Wer ein freier Christenmensch sei, beschäftigt in den folgenden Jahrhunderten immer wieder die Theologen. Augustinus, Hildegard, Anselm von Canterbury und Thomas von Aquin denken und schreiben über die Freiheit. Martin Luther bricht im Jahre 1520 einen Freiheitsstreit vom Zaun, der in eine große Reformation mündet. Er prangert die vermeintlich »heilige Ordnung« an, die aus der Ständegesellschaft und -kirche des Mittelalters kommt.


