Publik-Forum mit Pfeffer in Leipzig

Die Kamera steht auf dem Dach der Reformierten Kirche in Leipzig und filmt in den Abendstunden des 9. Oktobers 1989 ein einmaliges Ereignis. Eine unüberschaubar große Menschenmenge macht sich langsam auf den Weg. »Schließt euch an!«, »Gorbatschow!« und »Wir sind das Volk!« hallt es durch die Nacht. Niemand kann an diesem Tag wissen, ob es bei dieser Montagsdemonstration nicht gefährlich wird. Der heutige MDR-Journalist Siegbert Schefke, der den Film damals drehte, hatte auf dem Weg nach Leipzig kilometerlange Militärkonvois gesehen. Wie würden die Herrschenden auf den Protest reagieren? Friedlich? Der Journalist hatte sich eigens eine sichere Stelle gesucht, von der aus er die Ereignisse im Blick haben würde.
Wie wir heute wissen, wurde weder an diesem Tag noch an anderen auf die Demonstranten geschossen, und die Friedliche Revolution fegte das DDR-Regime davon.
Auch dank des Engagements der Menschen damals konnten sich am Sonntag, 6. Mai 2012, 200 Besucher – die aus Gegenden von der Nordsee bis zum Erzgebirge anreisten – in der Alten Börse in Leipzig versammeln und das 40-jährige Bestehen von Publik-Forum feiern (zur Fotogalerie). Redakteurin Bettina Röder, die durch den Tag führte, zeigte »Dankbarkeit, dass diese Ost-West-Begegnung möglich ist«. Schefkes Film zu Beginn der Veranstaltung war ein idealer Einstieg.
Das Motto: »Menschen bewegen die Welt«
Denn das Motto der Matinée lautete: »Menschen bewegen die Welt«. Und wer könnte das besser bezeugen als die Beteiligten der Friedlichen Revolution? Zu ihnen zählt auch der frühere Pfarrer der Nikolaikirche, Christian Führer, der die damaligen Ereignisse als ein »Wunder biblischen Ausmaßes« bezeichnete (hier O-Ton-Mitschnitt von Christian Führers Ansprache in Leipzig). Allerdings dürfe man dabei nicht stehen bleiben. Der zweite Teil der Friedlichen Revolution stehe noch aus. Und diesmal betreffe er nicht nur Deutschland. Nötig, so Christian Führer, sei eine »tiefgreifende Änderung im Wirtschaftssystem«, eine »solidarische Ökonomie«, in der »der Mensch an erster Stelle steht und nicht das Geld«. Er benannte damit ein Leitmotiv der Veranstaltung in Leipzig, das immer wieder aufgegriffen wurde.
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»Gewaltlosigkeit« war ein weiteres, das Heino Falcke, früherer Propst in Erfurt und ebenfalls einer der Motoren der Revolution, kennzeichnete. Es gehe darum, die zivile Konfliktbewältigung in der Welt zu stärken. Besonders im aktuellen Konflikt zwischen Iran und Israel. Die exorbitanten deutschen Rüstungsexporte nannte er einen Skandal. »Wir müssen eine neue Kultur des Friedens schaffen. Das ist die Herausforderung, vor der wir stehen«, sagte Falcke.
Viel Zorn, wenig Empörung
Dabei können auch Wut und Zorn behilflich sein, das machte der Theologe Friedrich Schorlemmer bei der von Redakteurin Britta Baas moderierten Podiumsdiskussion deutlich. Außer ihm saßen die frühere China-Korrespondentin Kristin Kupfer, David Begrich von der Arbeitsstelle Rechtsextremismus des Vereins Miteinander und Publik-Forum-Chefredakteur Wolfgang Kessler auf dem Podium.
Schorlemmer sagte, er komme sich heute in seinem Zorn oft vor wie Moses, nachdem er von Gott die Zehn Gebote bekommen habe und zusehen musste, wie sein Volk um ein goldenes Kalb herumtanzte. Zorn könne Motor für Veränderung sein, wenn daraus Taten folgten. Allerdings erkenne er in Deutschland »viel Unzufriedenheit, aber wenig Empörung«, beklagte Schorlemmer.
Ähnliches sagte Wolfgang Kessler in Bezug auf die Finanzkrise. Doch sei es auch schwer, dieser Empörung ein Ziel zu geben. Denn wer ist heutzutage in der globalisierten und vielfach miteinander verflochtenen Welt der Feind? »Finanzsystem, nein danke!« zu rufen, das gehe nicht. Denn ein Finanzsystem sei schließlich nötig.


