Zur mobilen Webseite zurückkehren

Wo katholisch draufsteht ...

Nach dem Rauswurf einer Erzieherin kündigt die Stadt Königswinter der Kirche die Trägerschaft des Kindergartens - könnte der Präzedenzfall Folgen haben für die Kooperation zwischen Staat und Kirche?
von Eva-Maria Lerch vom 05.04.2012
Artikel vorlesen lassen
Die Kirche kündigt der Leiterin eines Kindergartens, weil sie ihren Ehemann verlassen hat und mit einem neuen Partner zusammenlebt, doch erstmals reagiert eine Kommune auf das Vorgehen des katholischen Klerus  (Foto: pa/dpa/Büttner)
Die Kirche kündigt der Leiterin eines Kindergartens, weil sie ihren Ehemann verlassen hat und mit einem neuen Partner zusammenlebt, doch erstmals reagiert eine Kommune auf das Vorgehen des katholischen Klerus (Foto: pa/dpa/Büttner)

Katholischer Kindergarten Rauschendorf - der Kindergarten mit Musik«. So fröhlich präsentiert sich die Einrichtung im Internet. Da sieht man ein altes Backsteinhaus, die wellig-grüne Landschaft des Siebengebirges und Kinder, die spielen, tanzen und musizieren. Ebendieser idyllische Kindergarten hat jetzt einen Kulturkampf ausgelöst, der das Ende der Kooperation zwischen Kirche und Staat einläuten könnte.

Anzeige
loading

Seit neun Jahren leitet Bernadette Knecht den katholischen Kindergarten in Königswinter-Rauschendorf. Die 47-Jährige hat dort einen Kinderchor aufgebaut, Flötengruppen eingeführt und gibt kostenlosen Musikunterricht. »Frau Knecht,« sagt Elternvertreter Peer Jung, »hat diesen Kindergarten erst zu dem gemacht, was er heute ist.« Aber jetzt hat die katholische Kirche der Erzieherin gekündigt - weil sie sich von ihrem Ehemann getrennt hat und mit einem neuen Partner zusammenlebt. Das Erzbistum Köln begründete diese Kündigung mit der Unauflöslichkeit der Ehe. Diesem moralischen Anspruch seien kirchliche Mitarbeiter besonders verpflichtet. »Wo katholisch draufsteht, muss auch katholisch drin sein«, schrieb der Kirchengemeindevorstand in einer Stellungnahme.

Kirchenrechtler: »Ein einmaliges Politikum«

Entlassungen von Mitarbeitern, die nicht nach der katholischen Morallehre leben, sind in dieser Kirche kein Einzelfall. Von der Öffentlichkeit wurden solche Entscheidungen bisher zumeist kopfschüttelnd, aber resignierend hingenommen. Doch hier in Königswinter lief das anders: Zuerst gingen die Eltern auf die Barrikaden, dann kündigte die Stadt der Kirche die Trägerschaft für den Kindergarten. Die Einrichtung geht demnächst in städtische Trägerschaft über und Bernadette Knecht kann die Leitung behalten. Das ging auch deshalb so einfach, weil dieser katholische Kindergarten zu hundert Prozent von der Stadt finanziert wird. Bei einer finanziellen Eigenbeteiligung der Kirche wäre die Kündigung komplizierter geworden.

Erstmals »schlägt der Staat zurück«, resümiert der Kirchenrechtler Thomas Schüller den Fall. Die Ereignisse in Königswinter bewertet er als »einmaliges Politikum«. Zwar entspreche die Entlassung der Erzieherin den kirchlichen Normen. Ihre Kündigung sei aber auch deshalb problematisch, weil die Kirche nicht mit allen Mitarbeitern gleich verfahre. Denn »würde die Kirche alle Betroffenen entlassen wollen, müsste sie Hunderte von Einrichtungen schließen«. Diese Inkonsequenz, meint der Theologe, habe aber Auswirkung auf die Rechtsprechung der Arbeitsgerichte: »Wenn die Kirche ultrastreng, aber nicht konsequent agiert, verwirkt sie ihr Recht auf die selbständige Regelung ihrer Arbeitsverhältnisse, das ihr vom Grundgesetz her zusteht.«

Der Streit um den rheinischen Dorfkindergarten erhält damit eine Dimension, die weit über den lokalen Konflikt hinausreicht. Denn er offenbart sowohl die Doppelmoral der katholischen Kirche als auch ihre Schwierigkeit, die Trägerschaft von modernen Einrichtungen mit ihrer rigorosen Personalpolitik zu vereinbaren. Die Kirche steht damit vor der Entscheidung, ob sie sich weiter in die plurale Gesellschaft einbringen oder im Sinne des Papstes »entweltlichen« und auf eine katholische Trutzburg zurückziehen will.

Auch in Köln widersetzen sich Eltern der Kirche

Natürlich wird niemand von der Kirche erwarten, dass sie ihre Werte aufgibt, die zehn Gebote außer Kraft setzt und die eheliche Treue für überholt erklärt. Darum geht es in diesen Fällen aber gar nicht - auch wenn die Bistümer das gerne so darstellen. Von einer christlichen Gemeinschaft kann vielmehr erwartet werden, dass sie die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen auch ihre Mitarbeiter leben, erkennt und barmherzig mit Menschen umgeht, die an dem immer schwierigeren Ideal einer unauflöslichen Ehe gescheitert sind. Auch Bernadette Knecht, so wird berichtet, habe ihre Ehe nicht leichtfertig aufgegeben, sondern lange Zeit in einer Paartherapie zu retten versucht.

Auch die Frage, was eine »christliche Lebensführung« ausmacht und ob damit eigentlich nur die Ehe gemeint ist, müsste in katholischen Personalbüros diskutiert werden. Denn wenn jemand seine Kinder schlägt, Untergebene mobbt oder mit benzinfressenden Luxusschlitten beim Ordinariat vorfährt, hat das seltsamerweise noch nie eine Kündigung zur Folge gehabt.

Dass katholische Eltern sich der kirchlichen Personalpolitik widersetzen, ist in Nordrhein-Westfalen kein Einzelfall. Aktuell zeigt sich dies auch an einer Kölner Grundschule. Die Eltern der Katholischen Grundschule Volberger Weg im Stadtteil Rath-Heumar haben soeben die Trennung ihrer Schule von der katholischen Kirche beschlossen. 126 Eltern stimmten dafür, 53 waren dagegen. Die Elternvertreter hatten die Abstimmung in Gang gebracht, nachdem die evangelische Konrektorin sich auf die Stelle der Schulleiterin beworben hatte und abgelehnt wurde, weil sie nicht katholisch war.

4 Wochen freier Zugang zu allen PF+ Artikeln inklusive E-Paper
Schlagwort: Katholische Kirche
Publik-Forum
Publik-Forum
Einen Moment bitte...
0:000:00
1.0