Politik? Find´ ich gut!

»Wir haben eine lebendige, glaubensstarke und vitale Kirche erlebt«, sagt Alois Glück. Laien, Priester und Ordensleute eine mehr als sie trenne. Und was die großen gesellschaftlichen Fragen angehe, so habe der Katholikentag profilierte Akzente gesetzt bei den Themen »Energie und Klima« und »Zusammenleben der Kulturen«.
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Ende gut, alles gut? Alois Glücks Worte verdecken mehr von der Wirklichkeit als sie aufdecken. Sie sind als diplomatische Adresse an Bischöfe, Katholiken und politische Player zu lesen, nicht als journalistische Analyse.
In Wahrheit liefen tiefe Risse durch den Katholikentag. Risse, die sich schon vor dem Treffen in Mannheim zu stattlichen Gräben ausgewachsen hatten: Der viel beschworene Dialogprozess zwischen Basis und Bischöfen funktioniert nicht flächendeckend. Die Seele der Kirche wandert durch eine spirituelle Wüste. Und die gesellschaftliche Wirkmacht der Institution ist im stetigen Sinkflug begriffen.
Am auffälligsten aber war eine überall zu spürende Veränderung grundlegender Art: Die Mehrheit der Katholikinnen und Katholiken traut ihrer Kirchenleitung nicht mehr zu, dass sie zu einem entschlossen Aufbruch in die kulturelle, intellektuelle und religiöse Moderne fähig ist.
Der politische Katholizismus ist gerade »aus« - vielleicht kommt er wieder rein?
Alois Glück sprach bei den täglichen Pressekonferenzen, aber auch auf den Podien, an denen er teilnahm, auffallend oft und gern über die gesellschaftliche Bedeutung der Kirche, über ihre Fähigkeit, mittels Millionen von Katholiken in Deutschland maßgeblichen Einfluss auf politische Entscheidungen zu nehmen. Nur: Der real existierende deutsche Katholizismus ist entscheidungsschwach und verzagt. Ein politischer Katholizismus im besten Sinne ist er schon lange nicht mehr. Ganz im Gegenteil hat er sich - um es in ein Symbol zu fassen - in die Sakristei zurückgezogen. Aus den Fenstern dieser Sakristei ruft er derweil gern und fröhlich nach draußen: »Politk? Find´ ich gut!« Nur welche? An dieser Entscheidung möchte er sich offenbar gerade gar nicht beteiligen. Er hat keine Idee, kein Konzept und keine Verve.
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Und so ging - wen kann es wundern - auch keine klare politische Botschaft von diesem Katholikentag in Mannheim aus. Natürlich war die Kanzlerin eingeladen - und kam, um zum Thema »Aufbrüche in eine(r) Gesellschaft des langen Lebens« zu sprechen. Das tat sie am Freitag »High Noon«. Doch zu einem Showdown wurde ihr Auftritt nicht: Angela Merkels Ausführungen blieben im Blick auf die Katholiken unverbindlich und allgemein. Allenfalls geriet ihre Rede zu einer politischen Werbeaktion für die Rente mit 67. Beklatscht wurde sie trotzdem heftig. Und wie um die Unfähigkeit des Katholikentags zu einer politischen Kampfansage augenfällig zu machen, wurde ein Flashmob unter dem Motto »Stoppt den Waffenhandel!« im Keim erstickt: Das von wenigen Aktivisten direkt vor der Kanzlerin ausgebreitete Transparent war ca. drei Sekunden zu sehen; dann räumten sich die Aktivisten unter Buh-Rufen des katholischen Publikums schnell selbst zur Seite.
An Appellen zum politischen Handeln und zum vorausgehenden Umdenken der Katholiken fehlte es freilich während der gesamten fünf Tage des Events in Mannheim nicht: Norbert Lammert forderte von den Katholiken, sie müssten sich stärker gesellschaftlich engagieren. Der Bochumer Pastoralpsychologe Matthias Sellmann kritisierte den »grassierenden Kulturpessimismus der katholischen Kirche«. Misereor-Chef Pirmin Spiegel verlangte vom katholischen Publikum, es möge aktiv werden, um »die Zerstörung des Planeten« durch den haltlosen Verbrauch natürlicher Ressourcen aufzuhalten. Andrea Nahles gab ihrer Befürchtung Ausdruck, die Kirche mache sich selbst zu einer »abgeschlossenen Arche«, wenn sie sich weiter so heftig der modernen Welt und ihrer politischen Entscheidungsprozesse verweigere, wie sie es seit geraumer Zeit tue. Die EKD-Präses und Grüne Katrin Göring-Eckardt diagnostizierte bei einem nicht geringen Teil der Katholiken »Weltflucht«. Weitere Mahnungen und Katastrophenbeschreibungen könnten hier Zeile um Zeile füllen. Es mag an Frustration für´s Erste genügen.
Ein glückloser Herr Glück
Warum aber war dann Alois Glück so bemüht, ständig auf den politischen Busch zu klopfen? Manche Journalistin, manchen Journalisten vor Ort beschlich ein Verdacht: Könnte Herr Glück im innerkirchlichen Dialogprozess so glücklos sein, dass er deshalb zum Ersatz-Thema greifen musste? Auffällig war in Mannheim, wie wenige katholische Bischöfe angereist waren - und wie sehr mancher noch während des laufenden Events hin- und her schwankte, ob er nun kommen sollte oder nicht.
Besonders der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller gab im Pressezentrum täglich Anlass, gespannt ins eigene News-Fach zu schauen. Unter den Neuigkeiten suchte man mit schon fast boulevardgeneigtem Interesse nach dem Stichwort »Bischof Müller«: Kommt er nun? Kommt er nicht? Kommt er ein bisschen - und wenn ja, wie häufig? In Müllers Bistum findet der nächste Katholikentag im Jahr 2014 statt. Ein erzkonservativer Knochen ist der Mann, und das lässt im Blick auf dieses Ereignis nichts Gutes ahnen. Für Mannheim jedenfalls hatte er zuerst zugesagt. Dann ließ er verkünden, er sage alles ab und käme nur am Sonntag, um die Abschlussmesse mit zu zelebrieren. Und dann entschied er sich doch, wenigstens schon am Samstag sein Gesicht zu zeigen. Müller steht für all jene Amtsbrüder, die mit dem Motto des Katholikentages »Einen neuen Aufbruch wagen« enorme Schwierigkeiten haben. Aufbrechen wollen sie eigentlich nicht. Lieber daheim in ihren Bistümern Macht zelebrieren - und ansonsten von den »Plebs« in Ruhe gelassen werden.


