Katholikentag: Monolog Macht Dialog
Missbrauchsskandal, Monolog, Monotonie: Die römisch-katholische Kirche in Deutschland steht nicht gerade für das, was die Massen anzieht. Sie steckt in einer tiefen Krise, und das nicht erst seit gestern. Die Kirchenaustritte haben einen historischen Höchststand erreicht, das Image der Kirche in der Gesellschaft ist gleichzeitig auf einem Tiefststand. Wer hört noch auf Bischöfe? Höchstens die, die von ihnen beruflich abhängig sind.
Hunderte von Priestern sind sauer auf ihre Kirche
Aber selbst Priester beginnen zu revoltieren: Ein augenfälliges Beispiel ist Helmut Schüller – katholischer Pfarrer aus Österreich und Kopf einer mittlerweile Hunderte von Priestern umfassenden Pfarrerinitiative –, der eigens nach Mannheim kommt, um seinen deutschen Amtsbrüdern sowie Katholikinnen und Katholiken allerorten »Strategien zwischen Dialog und Widerstand« beizubringen, die am Ende zur längst überfälligen Kirchenreform führen sollen. Schüller tritt am Samstag um 14 Uhr im Alternativprogramm der Reformgruppen in der Johanniskirche auf – beim offiziellen Katholikentag ist er nicht eingeladen.
Allein das ist ein Indiz dafür, dass es schwierig werden könnte mit dem Dialog in Mannheim. Die katholische Deutsche Bischofskonferenz ist, schaut man genauer hin, in einem desolaten Zustand. Die Herren sind sich nicht einig – was im Prinzip nicht schlimm wäre, wäre es ein Zeichen von intelligenter Vielfalt und produktivem Streit. Genau dieser Streit aber findet nicht wirklich statt. Die eine Fraktion macht »zu«, verweigert jede Konfrontation mit der Wirklichkeit in Gesellschaft und Kirche. Eine andere will Reformen und fühlt sich von den Amtsbrüdern allein gelassen. Und eine dritte schwankt hin und her wie das Gras im Wind. Angst und Sehnsucht nach Aufbruch halten sich gegenseitig in Schach.
Doch Gott sei Dank ist der Katholikentag ja keine Veranstaltung der Bischöfe, sondern seit dem 19. Jahrhundert eine Event des deutschen Laien- und Verbandskatholizismus. Aufstand ist also möglich. Doch: Findet er in Mannheim statt?
»Einen neuen Aufbruch wagen«: Das klingt hoffnungsfroh – und rebellisch
Das Motto des Treffens liest sich hoffnungsfroh und im Subtext auch rebellisch: »Einen neuen Aufbruch wagen«. Was allerdings darunter zu verstehen ist und wie weit der Aufbruch führen darf, interpretieren die einzelnen »Player« sehr verschieden. Geht es darum, »abgefallene« Katholiken zurück in die Kirchen zu holen? Geht es um Re-Spiritualisierung einer religionslosen Welt? Geht es um einen neuen Versuch, die Inhalte des Katholizismus mit der modernen Welt in Einklang zu bringen? Darum, die Standards der Moderne und Postmoderne in Wissenschaft und Ethik, Demokratie und Lebensstil, Umweltschutz und sozialer Konfliktbewältigung dem Kirchenapparat zu unterlegen? Oder geht es darum, gegen all das mit traditionellen Mitteln anzukämpfen? Oder vielleicht um eine Versöhnung der Gegensätze mit intelligenten Mitteln unter Wahrung katholischer Identität? Und wer nimmt das Heft dann in die Hand?
Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK), verantwortlich für das Programm, die Besetzung der Podien und das vorbereitende Gespräch mit der Kirchenleitung, sieht die Lage der Kirche in Deutschland ungeschminkt: Es gibt ein Kommunikationsproblem im Blick auf Moderne und Postmoderne mit vielen Bischöfen. Gleichzeitig sind die ZdK-Verantwortlichen in einem diplomatischen Dilemma: Sie wollen und müssen den Dialog vorantreiben, die Krisenherde benennen, Veränderungen einfordern. Dabei gilt es aber, die Bischofskonferenz »mitzunehmen«, und zwar möglichst in Gänze. Wie kriegt man das hin?
Es ist ein unendlich schwieriger Job, den das ZdK da hat. Die meisten Bischöfe ertrugen es schon nicht, dass prominente Mitglieder der Organisation sich vor zehn Jahren, nach dem papstbefohlenen Ausstieg der Kirche aus der Schwangerenkonfliktberatung in Deutschland, für den Verein »Donum Vitae« engagierten. Bis heute werden Donum-Vitae-Aktivisten vielerorts bischöflich gemobbt. Und nun sind es wieder ZdK-Leute, die den Dialog über heiße Eisen erzwingen! Dieser Katholikentag ist für mindestens ein Drittel der deutschen katholischen Bischöfe absolut unannehmbar. Und so kann man durch einen Blick ins Programm auch leicht feststellen, wer von ihnen es vorgezogen hat, lieber gleich zu Hause zu bleiben.
In Mannheim soll das Kunststück gelingen, mit einer seit langem völlig monologischen Kirchenleitung in einen Dialog zu treten. Die Bischöfe selbst haben vor etwa anderthalb Jahren etwas ins Werk gesetzt, das sie selbst eine »Dialogoffensive« nannten. Sie fühlten sich gezwungen, gedrängt, gebeten – nach dem medialen Bekanntwerden der dramatischen Ausmaße sexueller Gewalttaten von Priestern und Kirchenmitarbeitern –, etwas zu tun, was sie bislang nie getan hatten: zu den Fehlern der Kirche und ihrer Struktur zu stehen, vielleicht auch zu persönlichen Fehlern – und »mit denen da unten« in der Kirche zu sprechen. Doch so richtig sprechen wollten sie eigentlich nicht: Deshalb organisierten sie den Dialog als geordnete Veranstaltung mit offizieller Einladung derer, die man dabei haben wollte bzw. die man gerade noch ertrug – und mit Ignoranz gegenüber denen, die man nicht zu ertragen können glaubte: Fundamentalkritiker des Systems Kirche, Opfer sexueller Gewalt, Theologinnen und Theologen mit einem Hang zur Wissenschaft, der keine Rücksicht auf kirchliche Dogmen nehmen will.
Die katholische Kirche ist in Gefahr, ihre Geschichte zu wiederholen
Selbst der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, der als einer der Aufgeschlosseneren gilt, kann einen derart offenen Dialog, wie er eigentlich nötig wäre, nicht ertragen. Es macht ihn – wie er der Frankfurter Rundschau heute in einem Interview mit Joachim Frank erklärte – ärgerlich, dass die Dialogpartner nicht einfach ergeben abwarten, wie die Bischöfe den Dialog zu führen gedenken: »Wenn Theologen Forderungen aufstellen, bevor der Dialog begonnen hat, ist das keine Dialogkultur.« Ja, muss man einen Dialog überhaupt beginnen, wenn es keine unterschiedlichen Positionen gibt?
Die deutsche katholische Kirche ist in der Gefahr, ihre Geschichte zu wiederholen. Als die Katholikentage Mitte des 19. Jahrhunderts erfunden wurden, waren Katholiken vielfach politisch hoch aktiv. Ihre Arbeit in der Gesellschaft bestand vor allem darin, immer wieder gegen fest gefügte Vorurteile anzurennen: Katholiken seien Modernitätsverweigerer, integrationsunfähig und von einer fremden Macht ferngesteuert – dem Papst in Rom. Über die Jahrzehnte gelang es ihnen, diese Vorurteile auszuräumen und sich als intellektuell ebenbürtig neben dem übermächtigen Protestantismus zu etablieren. Doch diese Entwicklung ist durchaus umkehrbar. Wenn die Kirchenleitung weiter so agiert, wie sie es jetzt tut, wäre es nicht verwunderlich, wenn Katholiken bald wieder als das gelten, was sie in ihrer Mehrheit nicht sind: Modernitätsverweigerer, integrationsunfähig, ferngesteuert von einer fremden Macht.
