Islam-Film: Hass und Hoffnung
Es scheint ein unvermeidlicher Teufelskreis: Irgendjemand zwischen San Francisco und Berlin dreht einen umstrittenen Film oder zeichnet eine umstrittenen Karikatur über Mohammed – und wie auf Knopfdruck setzt sich die Spirale des Hasses in Gang: Muslime demonstrieren gewalttätig gegen den Westen. Es gibt Tote. Die Medien bringen die Hassbilder. Darauf empören sich Westler über die Gewalt und sehen in jedem Muslim einen Terroristen.
Da scheint kein Platz mehr für eine differenziertere Betrachtung. Natürlich ist die Frage berechtigt, wann in islamischen Staaten endlich eine Freiheit respektiert wird, die die Religion hinterfragt – auch mit deftigen Karikaturen, Filmen oder Worten? Diese Frage werden viele Muslime aber so lange nicht ernst nehmen, wie der Westen islamische Länder selbst mit Gewalt überzieht: Wer stattet islamische Diktaturen mit Waffen aus? Wer bombardiert Zivilisten in islamischen Ländern? Wer stützt die israelische Regierung, obwohl sie Palästina widerrechtlich besetzt hält? Sind das glaubwürdige Beweise für die Liebe des Westens zu Freiheit und Toleranz?
Weltweit fordern Imame zu Toleranz auf
Ist die Spirale des Hasses erst einmal in Gang, dann gehen jene Zeichen der Hoffnung unter, die es auch gibt. In Libyen demonstrierten Tausende gegen ihre Vereinnahmung durch radikale Fanatiker. In Bengasi starben zehn einheimische Polizisten, als sie das US-Konsulat vor Terroristen schützen wollten. Weltweit fordern Imame ihre Glaubensbrüder auf, den umstrittenen Film zum Anlass zu nehmen, um über Toleranz im Islam zu sprechen. Der ägyptische Präsident Mohammed Mursi, ein Muslimbruder, sagt: »Unser Volk lehnt solch ungesetzliche Handlungen ab.« Und nicht zuletzt setzte auch Papst Benedikt XVI. ein Zeichen mit einem gemeinsamen Gebet von Christen und Muslimen im multireligiösen Libanon.
So mischen sich in die Bilder des Hasses auch Bilder von Hoffnung. Ob Freiheit und Toleranz eine Zukunft haben, hängt auch davon ab, welchen Bildern mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird.
