Florence und Franziskus
Florence Deacon reist gerade viel. Rom, München, Frankfurt und wieder Rom: Die Präsidentin der Konferenz der US-Ordensfrauen ist mehr im Ausland unterwegs als daheim. Deacon vertritt die Interessen von etwa achtzig Prozent der rund
57 000 Nonnen der USA. Ihre Mission ist diplomatisch, und ihr Ziel ist klar: die
US-Nonnen von einem Verdikt des Vatikans zu befreien, das seit gut einem Jahr auf ihnen lastet.
Alles beginnt mit einer »Apostolischen Visitation«. Der Vatikan bestimmt 2009 eine Kommission, die den US-Frauenorden einen Besuch abzustatten hat. Erkundet werden Details des jeweiligen Ordenslebens, festgehalten werden Antworten auf Fragebögen. Die Ergebnisse werden in einem Bericht zusammengeführt.
Damit nimmt das Unglück seinen Lauf. Denn in der vatikanischen Glaubenskongregation nimmt man Anstoß am Leben der Nonnen. Oder besser gesagt: Man nimmt Anstoß an ihrem Führungsgremium, der Leadership Conference of Women Religious (LCWR), dem mitgliederstärksten Ordensfrauenverband der USA. Im Zentrum der Kritik: die damalige Präsidentin Pat Farrell, Vorgängerin von Florence Deacon.
Der Vatikan will, dass die Nonnen »das Katholische« demonstrieren
Farrell und ihresgleichen seien zu feministisch und so sehr auf Sozialarbeit und »social gospel« konzentriert, dass sie darüber die Einheit mit der Kirche und ihrer Lehre vernachlässigten, heißt es in Rom. Man erwarte ein »katholischeres« Auftreten der Nonnen, mithin klare Worte in Fragen der öffentlichen Moral. So sei es nötig, dass sich die LCWR ganz offiziell gegen die rechtliche Gleichstellung homosexueller und heterosexueller Partnerschaften ausspreche, gegen die Präimplantationsdiagnostik, gegen Abtreibung, gegen Sterbehilfe, gegen die Weihe von Frauen und für die Gültigkeit des katholischen Naturrechts jetzt und in Zukunft.
Die LCWR verwahrt sich gegen den Vorwurf, »unkatholisch« zu sein. Doch weil sich die Nonnen nicht dazu durchringen können, das zu proklamieren, was Rom für »richtig katholisch« hält, weist der Vatikan ihren Dachverband an, sich unter die Aufsicht von drei US-Bischöfen zu stellen.
Es sind Männer wie der Erzbischof von Seattle, Peter Sartain, die jetzt in der LCWR das Sagen haben. Sie sollen aufräumen: die Satzung neu schreiben und alles so umorganisieren, dass »unkatholische« Gedanken in Nonnenköpfen schon am Entstehen gehindert werden. Geschweige denn, dass sie unzensiert aufs Papier gelangen.
Als am 13. März 2013 in Rom ein neuer Papst gewählt ist, hoffen viele Ordensfrauen in den USA darauf, dass nun der Druck aus dem Kessel entweichen wird. Franziskus, der so menschenfreundlich und bescheiden vor die Menge auf dem Petersplatz tritt, der so nahbar scheint und so wenig dogmatisch – er könnte das Verdikt rückgängig machen, den Präfekten der Glaubenskongregation, Erzbischof Gerhard Ludwig Müller, anweisen, die Kontrollen aufzuheben. Doch die Frauen hoffen vergebens: Papst Franziskus gibt Müller grünes Licht. Er soll in der Sache weiterverfahren wie unter Benedikt XVI. begonnen.
Eine Diplomatin schimpft nicht
Als Florence Deacon Ende April 2013 im Haus am Dom in Frankfurt am Main auftritt, ist ihr die Enttäuschung anzumerken. Sie trägt sie nicht offen zur Schau, ganz im Gegenteil: Sie spricht ruhig und freundlich zum Publikum; aus ihrem vorbereiteten Redeskript hat sie sämtliche Passagen gestrichen, die auch nur ansatzweise scharfzüngig oder ironisch wahrnehmbar wären. Was sie über die Geschehnisse im Vatikan denkt und über die Lage der LCWR, beschreibt sie mittels positiver Vermutungen: Der neue Papst habe Müller zwar ein »Weiter-so« mit auf den Weg gegeben, wie ihr bei ihrem jüngsten Rom-Besuch deutlich gemacht worden sei. Aber das könne daran liegen, dass Franziskus in seinen ersten Amtstagen nicht jeden Arbeitsbereich im Detail durchschauen könne. Er müsse zuerst Vertrauen schaffen, positive Signale in den vatikanischen Behörden setzen. Später dann werde es sicher noch andere Botschaften geben. Ob sie Franziskus persönlich gesehen habe, wird sie gefragt. »Ja, zusammen mit Hunderttausenden anderen«, sagt Sister Florence. Mit anderen Worten: Sprechen konnte sie ihn bei ihrem Rombesuch nicht. Trotzdem denkt sie, dass sich nun etwas bewegen wird: »Papst Franziskus scheint über viele der Qualitäten oder Erfahrungen zu verfügen, auf die wir gehofft hatten«, steht in ihrem Redeskript. Doch an dieser Stelle verspricht sie sich: »Der Heilige Franziskus scheint über …« Sie muss lachen; das Publikum auch. Wie heilig der neue Papst sein wird, ist noch nicht ausgemacht.
»Worüber machen Sie sich Sorgen?«
Am Ende des Abends bleibt Florence Deacons Hoffnung, der Konflikt mit dem Vatikan beruhe vor allem »auf Missverständnissen«, die es auszuräumen gelte: »Wir glauben, dass ein offener Dialog zwischen den Ordensfrauen und dem Vatikan stattfinden sollte.« Schwierig genug. Denn Sister Florence gibt unumwunden zu, »dass die jährlichen Treffen in Rom bislang nicht dazu genutzt wurden«. Mit anderen Worten: Einen offenen Dialog mit den inkriminierten US-Nonnen – respektive ihren Generaloberinnen – haben die Vatikanmänner in allen Vorjahren nicht gesucht.
Als Sister Florence Frankfurt verlässt, taucht die Frage auf, ob man ihre Rede, die mitgeschnitten wurde, veröffentlichen könne. Im persönlichen Gespräch ist sie vorsichtig, sagt weder »Ja« noch »Nein«. Ich frage: »Worüber machen Sie sich Sorgen? Sie haben doch nichts Schockierendes gesagt.« Sie antwortet: »Sie ahnen nicht, was in Rom als schockierend wahrgenommen wird.« Auch Tage später gibt es kein Okay für die Veröffentlichung der Rede.
Erzbischof Müller diagnostiziert »lehrmäßige Schwächen«
Dann kommt der 7. Mai. Wieder ein Treffen der Generaloberinnen der weltweiten Frauenorden in Rom. Kardinal Joao Bráz de Aviz, Präfekt der Ordenskongregation, trifft sich mit den Nonnen – und bedauert, dass weder Müller noch der Papst ihn bislang »in die Entscheidungen über den Verband von US-Ordensfrauen« einbezogen hätten. Er wisse, dass Müllers Glaubenskongregation bei der LCWR »lehrmäßige Schwächen« sehe. Aber darüber müsse gesprochen werden. Er könne sich auch ein Treffen der Frauen mit dem Papst vorstellen.
Das findet schon einen Tag später statt. Franziskus gibt eine Privataudienz. Doch er macht keine Anstalten, den Ordensfrauen entgegenzukommen. Der sprechendste Satz des Papstes wird so zitiert: »Es ist nicht möglich, dass eine Ordensfrau oder ein Ordensmann nicht mit der Kirche fühlt.« Dieses »Fühlen mit der Kirche« drücke sich »in Treue zum Lehramt« aus. Keine gute Botschaft für Sister Florence und die Ihren.
