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»Der Papst hat absolut unangemessen reagiert«

Benedikt XVI. hat in einer Predigt am Gründonnerstag die österreichische Pfarrer-Initiative zum Gehorsam ermahnt. Der katholische Theologe Hermann Häring übt scharfe Kritik am Pontifex
von Markus Dobstadt vom 12.04.2012
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Scharfe Kritik an der österreichischen Pfarrer-Initiative packt der Papst in freundliche Worte: Seine Gründonnerstag-Predigt stößt aber bei Reformkatholiken auf Widerspruch (Foto: pa/ZUMAPRESS.com/Evandro Inetti)
Scharfe Kritik an der österreichischen Pfarrer-Initiative packt der Papst in freundliche Worte: Seine Gründonnerstag-Predigt stößt aber bei Reformkatholiken auf Widerspruch (Foto: pa/ZUMAPRESS.com/Evandro Inetti)

In seiner Predigt nennt Benedikt XVI. die österreichische Pfarrer-Initiative nicht direkt beim Namen. Er spricht über eine »Gruppe von Priestern in einem europäischen Land«, die einen »Aufruf zum Ungehorsam« veröffentlicht hat. In dem Text der Initiative, den inzwischen 400 Priester unterzeichnet haben, wenden sich die Pfarrer unter anderem gegen Großgemeinden, sie treten für priesterlose Wortgottesdienste mit Kommunionspendung und für die Frauenordination ein. Der Papst macht in seiner Predigt dagegen deutlich, dass die Entscheidung gegen Frauen als Priester »unwiderruflich« sei. Indirekt ruft er zum Gehorsam gegenüber dem kirchlichen Lehramt auf. Der katholische Theologe Hermann Häring nennt die Unterstellungen des Papstes gegenüber der Initiative »ungeheuerlich«.

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Herr Häring, der Papst kritisiert die österreichische Pfarrer-Initiative, geht aber nicht auf die Probleme ein, die zu ihrer Gründung geführt haben. Ist sein Vorgehen Ihrer Meinung nach angemessen?

Hermann Häring: Das ist absolut nicht angemessen. Der Papst sieht weder die problematische Situation der Gemeinden, noch die vielschichtigen Argumente, die zur Gründung der Initiative führten. Da sind keine Springinsfelde mutwillig vorgeprescht. Die österreichischen Priester bewegen schwere Sorgen um die Zukunft der Kirche. Es wäre angemessen, sich argumentativ mit ihr auseinanderzusetzen. Es gibt das Angebot Helmut Schüllers, des Sprechers der Pfarrer-Initiative, sich mit dem Papst darüber auszutauschen. Wenn der Papst an einem der heiligsten Tage des Jahres eine einzelne Initiative in einer feierlichen, hochoffiziellen Predigt angreift, dann ist das ein schwerwiegender Vorgang. Warum macht er das? Ich glaube, er steht mit dem Rücken zur Wand. Er sieht, dass er keine Sanktionen aussprechen kann.

Warum könnte er das nicht?

Hermann Häring: Er weiß genau, dass die Betroffenen und engagierte Katholiken aus anderen Ländern eine Sanktion nicht widerspruchslos hinnehmen werden. Angesichts des prekären Priestermangels in vielen Ländern ist ein Einverständnis mit einsatzfähigen Seelsorgern auch für Rom zu einem kostbaren Gut geworden

Sein Ton in der Predigt bleibt freundlich, ist das positiv zu sehen?

Hermann Häring: Er verwendet in seiner Predigt eine der unangenehmsten Methoden, nämlich die der freundlichen Frage, die Fehlverhalten unterstellt und so Misstrauen sät. Er redet vom Glauben, der selbstlos sein solle, sagt, dass man geben und nicht nehmen müsse. Auf Basis dieser Argumentation kommt der Zuhörer zu dem Schluss, dass die Initiative nur ihre eigenen Vorstellungen durchsetzen will und nicht im Sinne Jesu handelt. Eine ungeheure Unterstellung, die da herausklingt, die der Papst aber nicht direkt ausspricht, sodass sich die Betroffenen nicht wehren können. Der Hörer geht mit dem Gefühl weg, dass es sich um eigensinnige Kritiker handelt.

Helmut Schüller war laut Radio Vatikan »angenehm überrascht« von der Papstpredigt. Sie sei zum Teil »sehr sanft« gewesen, er freue sich, dass die Pfarrer-Initiative vom Heiligen Stuhl und in der Öffentlichkeit wahrgenommen werde.

Hermann Häring: Das war eine kluge Reaktion, dadurch hält er den Druck auf Rom aufrecht. Er sagt: Redet mit uns! Und lässt sich auf keine Automatismen von Reaktion und Gegenreaktion ein.

In Deutschland versuchen die Bischöfe, den Forderungen nach einer Reform der Kirche mit dem sogenannten Gesprächsprozess zu begegnen. Im Mai steht der Katholikentag an. Meinen Sie, dass es dort Fortschritte gibt?

Hermann Häring: Ehrlich gesagt nein, ich sehe Anzeichen dafür, dass über die wirklichen Fragen nicht geredet werden darf. Etwa über die Stellung der Frau, den Zölibat, und was das Verhältnis von »Laien« zu Klerikern angeht. Zwar sind das nicht die entscheidenden Fragen in der Kirche. Aber solange sie nicht geklärt werden, kommen wir nicht voran. Sie wirken wie ein Türöffner, damit wir zu den eigentlichen Problemen durchstoßen. Herausfordernder noch ist der Glaubensverlust in der Gesellschaft, auf den die Kirche bis heute nicht zu reagieren weiß.

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Personalaudioinformationstext:   Hermann Häring, geboren 1937, war zuletzt katholischer Professor für Wissenschaftstheorie und Theologie an der Universität Nijmegen.
Schlagwörter: Kirche Kritik Papst
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