Der nächste Papst sei der letzte
Mit seinem Rücktritt hat Benedikt XVI. bewiesen: Auch ein Pontifex Maximus bleibt ein freier Mensch. Er ist nicht total den ewigen Gesetzen seines Amtes unterworfen. Mit dem überraschenden Rücktritt wird ein Zeichen gesetzt: Selbst das Amt des Papstes kann sich, vernünftiger Einsicht folgend, wandeln. Die römische Kirche geht nicht unter, wenn ein »Papst außer Dienst« neben einem neu gewählten lebt. Und Benedikt weiß: Sein Amtsverzicht tut der Kirche gut.
Doch diese kaum zu überschätzende historische Tat wird missverstanden, wenn nicht jetzt eine radikale Reformbewegung folgt: Der nächste Papst muss ein qualitativ anderer sein. Konkret: Dem Amtsverzicht Benedikts muss ein noch größerer Verzicht folgen, nämlich der Verzicht auf die bisherige Gestalt des Papsttums. Der nächste Papst sollte also der letzte sein.
Alles hektische Spekulieren – »Wer wird denn der nächste Papst?« – ist ja nur oberflächliches Spektakel. Stattdessen sollte ab sofort über eine neue Reformation nachgedacht werden. Nicht nur Theologen, Gemeinden, Gruppen, Initiativen weltweit sind sich längst einig: Das Papsttum als Form einer autoritären absoluten Monarchie behindert und verhindert mehr den Glauben als dass es ihn fördert. Der Papst an der Spitze einer Hierarchie von sich selbst erwählenden Männern darf nicht länger in Fragen des Glaubens und der Ethik über alles und alle verfügen. Mit dieser Form autoritären Glaubens muss in einem langsamen Prozess des Umbaus Schluss gemacht werden.
Das denken sehr viele: Aber fast alle sind so eingeschüchtert, dass sie es öffentlich nicht äußern. Ein prinzipiell synodal verfasster Katholizismus muss aufgebaut werden. Nur diese Form ist den Menschen von heute gemäß, mit ihrer tiefen Sehnsucht nach Respekt und Demokratie.
Als Bischof von Rom hätte ein neuer Papst zusammen mit anderen Bischöfen und Bischöfinnen repräsentative und beratende Funktionen. Zu dem Verzicht auf die mittelalterlichen Philosophien entstammende Hierarchie gehört auch der Verzicht auf den Vatikanstaat. Der neue Bischof von Rom würde sich genieren, als Chef eines Kleinstaates international in der Politik mitzumischen; er würde sich schämen, etwa noch das Wohl und Wehe der korrupten Vatikanbank zu begleiten und über die Nuntien ein ausgeklügeltes System der Kontrolle der jeweiligen Landeskirche zu haben.
Der große Verzicht, der dem kleinen Verzicht Benedikts folgen sollte, wäre eine Erneuerung der Kirche von Grund auf: Endlich könnte das Evangelium wieder in seiner humanen Radikalität auch von Kirchenführern gelebt werden. Denn zum Verzicht auf das bisherige Papsttum gehört auch ein Verzicht auf die Renaissance – und Barockpaläste sowie der Verzicht auf den riesigen Immobilienbesitz allein in Rom. Benedikt als »Papst a.D.« zieht nicht in einem Palast, sondern in ein Kloster. So könnte der neue Papst in einer geräumigen Neubauwohnung Platz nehmen, er hätte Familien als Nachbarn.
Wie die römische Kirche bis jetzt verfasst ist, kann nur ein Papst diese Selbstaufhebung des eigenen Amtes einleiten. Ob sich der nächste Papst dazu bereit findet? Es käme einem Wunder gleich. Zu verknöchert und zu machtversessen sind die Herren der Kirche noch. Hilfreich ist allein der massive öffentliche Druck religiöser Menschen mit dem katholischen Bekenntnis: »Ohne das alte Papsttum leben und glauben wir deutlich besser. Denn jeder Mensch ist unmittelbar zum Ewigen.«
