Auftreten statt austreten – geht das?
Der Gustav-Mahler-Saal im Kongresszentrum ist rappelvoll. Draußen warten noch mindestens 200 Menschen, die es nicht mehr geschafft haben, durch die großen Türen zu schlüpfen, bevor die Kirchentagshelfer ihre Schilder aufgepflanzt haben: »Saal überfüllt.« Drinnen läuft vor ca. 2000 Menschen eines der ersten großen Podien auf diesem Katholikentag: »Auftreten statt austreten. Einstehen für eine glaubwürdige Kirche.«
Wie um alles in der Welt macht man das? Für diese Kirche einstehen, auf die doch viele Katholikinnen und Katholiken ziemlich häufig ziemlich wütend sind? Kann man kritisieren, debattieren, irgendwo mit »Nein« stimmen – und trotzdem ein akzeptiertes Mitglied des Ladens sein? Wird man nicht gleich aufs Abstellgleis geschoben, wenn man zu laut sagt, was man denkt? Diese Frage treibt Tausende um.
Der Jesuit Klaus Mertes hat für sich eine Antwort darauf gefunden, in einem schmerzlichen Prozess: Als er 2010 – damals Schulleiter am Canisius-Kolleg in Berlin – mit erschreckenden Fällen sexueller Gewalt konfrontiert wurde, von denen ehemalige Schüler ihm berichteten, deckte er auf, suchte Kontakt zu weiteren Opfern, beendet er ein Tabu. Die Wut vieler Opfer auf die Institution Kirche aber blieb. Wäre es da nicht angebracht gewesen für Klaus Mertes, sich von der Institution abzuwenden, die er selbst mit einigem Entsetzen betrachtete?
Mertes ist einen anderen Weg gegangen. »Ich muss mich mit der Institution Kirche identifizieren, sonst gibt es keine Versöhnung mit ihr«, sagt er an diesem Nachmittag auf dem Podium. Es ist ein komplexer Gedankengang, für den er Beifall bekommt, ohne dass zu vermuten wäre, dass alles, was damit verbunden ist für einen wie Mertes, von wirklich jedem der 2000 Zuhörer so ganz verstanden wurde. Mertes geht den Weg eines Menschen, der bereit ist, sich für die Kirche von der Gesellschaft, von Journalisten, von Opfern und Tätern im Missbrauchsskandal ans Kreuz schlagen zu lassen – im übertragenen Sinne.
Sein Beispiel wirkt stark – und ist doch ein Auftreten, das nicht für jeden ein Weg sein kann. Es gibt auch Situationen, in denen es gut und richtig ist, der Institution Kirche den Rücken zuzuwenden – Klaus Mertes weiß, dass das für andere – gerade auch für Missbrauchsopfer – manchmal der einzige Weg sein kann, um seelisch zu überleben.
Eva-Maria Kiklas von der Reformbewegung Wir-sind-Kirche ist auch auf dem Podium. Engagiert für eine Reform, die die Kirche menschlicher, demokratischer, warmherziger macht. Warum hat sie nicht aufgegeben? »Die Kirche ist meine Familie. Ich kann sie furchtbar finden, aber ich gehöre dazu.« Im Saal tost der Beifall, es wird befreit gelacht. Offenbar sitzen hier viele, für die die Kirche so etwas wie eine Familie ist. Bianka Mohr, Diözesanvorsitzende des BDKJ in Mainz, bekennt, dass sie in der kirchlichen Jugendarbeit ihr Selbstbewusstsein gefunden hat. »Ohne die Kirche wäre ich nicht das, was ich heute bin.« Und Daniel Dickopf von den Wise Guys sagt, er sei nach wie vor in der Kirche, »nicht wegen, sondern trotz des Papstes und der Bischöfe«. Wieder braust Beifall auf. Es scheint ein Bedürfnis danach zu geben, sich in der Gruppe zu vergewissern: Ja, ich bin (noch) drin – und du doch auch, oder?
So kommt auf dem Podium selbst Kardinal Woelki gut weg. Andrea Fischer von den Grünen lobt ihn, weil er kurz nach Amtsantritt in Berlin 2011 erst einmal mit Lesben- und Schwulenverbänden gesprochen hat. Dass er gar keine andere Wahl hatte, weil heftige Demos zum Papstbesuch ihre Schatten voraus warfen, geht in der Sympathiebekundung etwas unter. Woelki gehört eben auch zur Familie, da muss man ja nicht gleich zu spitzfindig sein, ist wohl Fischers Gedanke. Man sieht im Gustav-Mahler-Saal an diesem Nachmittag sehr deutlich: Ein Bischof tritt anders auf als ein Jesuitenpater, eine Kirchenreformerin anders als eine kirchliche Verbandsvorsitzende. Wenn das mal keine Familie mit Konfliktpotenzial ist!
Alois Glück reiste vorab zum Papst – um ihn zu beruhigen
Weil das Ringen um die Zukunftsfähigkeit der katholischen Kirche im Zentrum dieses Katholikentags in Mannheim steht, war es gut, dass ein solches Podium am Anfang stand. Die Aufgeschlossenen im Kirchenvolk und unter den Bischöfen wollen »einen neuen Aufbruch wagen« – so das Motto des Christentreffens mit mehr als 33 000 Dauerteilnehmenden und noch einmal gut so vielen Tagesgästen.
Der Aufbruch aus der tiefen Krise – dieses Projekt ist dermaßen brisant, dass Alois Glück, der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, vor dem Großtreffen in den Vatikan reiste, wo er Papst Benedikt XVI. in einer Privataudienz zusicherte, es werde in Deutschland nicht zu einer katholischen Kirchenrevolution von unten kommen.
Glück, der römische Papstbeschwichtiger, ist zugleich das Gesicht des offiziell kirchlichen Aufbruchsversuchs. Der drahtige Oberbayer, dem man sein vorgerücktes Alter von 72 Lebensjahren nicht anmerkt, führt den Kampf gegen die in Angst erstarrte, planlos konfuse oder ultramontan-reaktionäre Mehrzahl der deutschen Bischöfe mit Härte und Umsicht. Als langjähriger Fraktionschef der CSU in Bayern besitzt Glück jede Menge Erfahrung im Drohen, Beschwichtigen, Durchsetzen und – im Hüten eines Flohzirkusses.
Der Graben der Glaubwürdigkeitskrise ist abgrundtief seit der Aufdeckung der vielen sexuellen Gewalttaten und Missbrauchsskandale durch Priester vor zwei Jahren. Es ist himmelschreiend, wie das oberkirchliche System das Offenlegen dieser Verbrechen Jahrzehnte lang verhinderte. Statt um das Leid der Opfer ging es den Bischöfen und ihren Behörden um ihr eigenes Ansehen. Über 180000 Katholikinnen und Katholiken – so viele wie nie zuvor – verließen deshalb im Jahr 2010, dem Jahr der Aufdeckung, ihre Kirche. Deshalb nun gibt es den Zwang, den Druck und den Willen, einen neuen Aufbruch zu wagen.
Noch immer gibt es Tabus – an ihnen droht der Aufbruch zu scheitern
Doch dieser Aufbruch droht zu scheitern, denn er ist vonseiten der Bischöfe mit viel zu vielen Verboten belastet. Beispiele: Über das Priesteramt für Katholikinnen darf nicht gesprochen werden, selbst das Diakoninnenamt ist als Thema tabu. Wo aber brennende Themen verboten werden, kann es nicht zu einem zukunftsorientierten, freien Dialog kommen. »Wenn eine Kirche in vielen Bereichen unterhalb der gesellschaftlichen Standards von Fairness und Menschenwürde bleibt, kann ihre Verkündigung nicht erfolgreich werden«, lehrt der junge Frankfurter Dogmatikprofessor Knut Wenzel. Und in punkto Frauen, wiederverheiratete Geschiedene, sexuelle Minderheiten und innerkirchliche Gerichtsbarkeit bleibt die katholische Kirche klar hinter den Standards der deutschen Gesellschaft zurück.
Um so nötiger ist der Aufbruch zu mehr Offenheit und Fairness. Ein Aufbruch, den zum Beispiel die mittlerweile weit über 400 Pfarrer der österreichischen Pfarrer-Initiative seit ihrem Aufruf zum Ungehorsam vom Dreifaltigkeitssonntag vor einem Jahr verwirklichen. Deren Sprecher, Pfarrer Helmut Schüller, ist der theologische und kirchliche Star des Mannheimer Katholikentags. Er tritt am Samstag im Alternativzentrum der Johanniskirche auf. Ebenso wie es heute der Jesuit und Sozialethiker Friedhelm Hengsbach tat. Er eröffnete das Zentrum, das von der Leserinitiative Publik, von der Bewegung Wir sind Kirche und der Initiative Kirche von unten auf die Beine gestellt wird, vor mehr als 600 Menschen mit einer zündenden Rede unter dem Titel: »Eure Sorgen möcht´ ich haben! Worum es wirklich geht.«
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