Abschied vom Credo?

Zu einer heftigen Auseinandersetzung kam es im vergangenen Jahr auf einem Abendforum des Evangelischen Forums Berlin-Brandenburg. Zur Debatte stand die Frage, ob evangelische Christen in den sonntäglichen Gottesdiensten heute überhaupt noch gemeinsam das sogenannte Apostolische Glaubensbekenntnis beten könnten. Aufgeworfen hatten diese Frage kritische Berliner Mitglieder der Evangelischen Akademikerschaft in Deutschland. Ihre Begründung: Die alten Formeln des Credos würden heute nicht mehr verstanden und das, was inhaltlich im Credo ausgesagt werde, von vielen Christen gar nicht mehr geglaubt. In der Tat: Viele Christen tun sich mit dem offiziellen Glaubensbekenntnis der Kirchen schwer. Sie haben sich ihre eigenen Deutungen zurechtgelegt oder wählen einfach aus. Soll man also besser auf das gemeinsame Bekenntnis im evangelischen Gottesdienst verzichten? Das Berliner Ehepaar Christa und Heinz Schade sagt in seinem Beitrag für Publik-Forum: Ja! Der Religionspädagoge Fulbert Steffensky antwortet dagegen mit einem differenzierten: Nein!
Abschied vom Credo? JA, sagen Christa und Heinz Schade:
»IN DEN MEISTEN EVANGELISCHEN GOTTESDIENSTEN wird Sonntag für Sonntag das Apostolische Glaubensbekenntnis gesprochen, womöglich eingeleitet mit den Worten: »Lasst uns unseren christlichen Glauben bekennen!« Aber für kaum jemanden unter den Gottesdienstbesuchern dürften die Aussagen dieses Bekenntnisses Ausdruck seines oder ihres persönlichen Glaubens sein, nicht einmal für die Pfarrer, von den vielen Gemeindemitgliedern ganz zu schweigen, die normalerweise nicht an den Gottesdiensten teilnehmen. Wer nach dem Inhalt seines christlichen Glaubens gefragt wird, der oder die wird etwas anderes sagen.
Unser Eindruck ist, dass dieses Phänomen in unserer evangelischen Kirche nicht thematisiert wird. Eine Äußerung wie die von Martin Dolde, Präsident des Evangelischen Kirchentages 2001 in Frankfurt am Main, ist eine absolute Ausnahme. Er sagte damals: »Wie komme ich dazu, ausgerechnet im Gottesdienst beim Sprechen des Glaubensbekenntnisses vor allen Leuten regelmäßig zu lügen? Ich kann doch nicht glauben, dass Jesus vom Heiligen Geist gezeugt wurde. Ich kann nicht glauben, dass Maria Jesus als Jungfrau zur Welt gebracht hat. Ich kann nicht glauben, dass Jesus nach drei Tagen körperlich auferstanden ist.«
Erst in der Zeit der Bekennenden Kirche kam bekanntlich die Praxis auf, dass das Apostolikum nicht nur vom Pfarrer für die Gemeinde, sondern von der ganzen Gemeinde gemeinsam gesprochen wurde. Was in der damaligen Situation der Verfolgung eine geistliche Stärkung war, hat nach dem Zweiten Weltkrieg das Problem für viele Gemeindemitglieder verschärft. Denn natürlich ist es ein Unterschied, ob das Bekenntnis vom Pfarrer für die Gemeinde gesprochen wird oder ob ich aufgefordert werde, es - noch dazu im Singular (»Ich glaube ...«) - selbst zu sprechen.
Eine Folge dieser Situation waren die vielen modernen Glaubensbekenntnisse vor allem in den 1970er- und 1980er-Jahren, von denen sich aber keines durchsetzen konnte - zu verschieden waren die inhaltlichen Vorstellungen der einzelnen Menschen, und natürlich hatte auch keiner dieser Texte das Gewicht der Tradition und der Ökumene hinter sich.
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Theologisch wie soziologisch gesehen ist die sichtbare Kirche die Gemeinschaft derer, die zu ihr halten. Und so muss man wohl feststellen, dass unsere Kirche kein gemeinsames Bekenntnis mehr hat.
Immer wieder wird vorgeschlagen, das Problem dadurch zu lösen, dass man erklärt, wie das Apostolikum entstanden ist, welche Vorstellungen mit seinen Aussagen ursprünglich geweckt und welche abgewehrt werden sollten. Für uns ist das keine Lösung.
Natürlich kann sich heute jeder Interessierte über die Entstehung und den zeitgeschichtlichen Hintergrund des Apostolikums informieren. Aber zum einen werden das nur wenige tun, und die Öffentlichkeit erreicht man damit schon gar nicht; vor allem aber werden diese Lehren auch dann nicht zu meinem Bekenntnis, wenn ich ihren ursprünglichen Sinn kenne und vielleicht sogar bejahe.
Ein Beispiel: Auch wenn ich weiß und sogar bejahe, welche Vorstellungen damals durch die Lehre von der Zeugung Jesu durch den Geist Gottes vermittelt oder abgewehrt werden sollten, glaube ich noch nicht in der heutigen Bedeutung der Worte, dass Jesus vom Heiligen Geist empfangen wurde.
Natürlich könnte unsere Kirche versuchen, ein neues kirchliches Bekenntnis für den Gottesdienst zu erarbeiten, wie das einige Kirchen in der Ökumene getan haben. Das setzte allerdings voraus, dass unsere kirchenleitenden Organe das Problem der traditionellen Glaubensbekenntnisse im Gottesdienst zur Kenntnis und ernst nähmen. Der Schweizerische Evangelische Kirchenbund der reformierten Kantonskirchen, der etwa der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) entspricht und seit etwa 150 Jahren kein Bekenntnis im Gottesdienst kennt, unternimmt gerade diesen Versuch (www.ref-credo.ch).


