»Wir werden einen enormen Einbruch erleben«
Margret Hillers, Frankfurt: Ich bin evangelische Christin und mit einem Katholiken verheiratet. Ich sehe Reformbemühungen in beiden Kirchen. Was können Mitglieder tun, um sie fördern?
Publik-Forum nimmt diese Frage einer Leserin zum Anlass, sich in einer Interview-Serie mit Aspekten der Reform in der katholischen wie der evangelischen Kirche auseinanderzusetzen. Im ersten Teil der Serie geht es um die Folgen des Memorandums »Kirche 2011«. Ungehorsam, Demonstrationen oder Debatten: Was sind in der katholischen Kirche die richtigen Mittel, den Klerus zu Änderungen zu bewegen? Fragen an den Mainzer Professor für christliche Sozialethik, Gerhard Kruip.
Herr Kruip, vor über einem Jahr haben Sie das Memorandum »Kirche 2011: Ein notwendiger Aufbruch« mitinitiiert. Sie haben darin Reformen und einen Neuanfang in der katholischen Kirche gefordert. Hat es den gegeben?
Gerhard Kruip: Ich glaube schon, dass wir einiges erreicht haben. Viele Menschen haben angefangen, den Mund aufzumachen, ihre Meinung zu sagen. Eine gewisse Aufbruchsstimmung ist schon entstanden. Gerade in den ersten Monaten nach dem Memorandum.
Hält das, mehr als ein Jahr danach, noch an?
Gerhard Kruip: Das hat so natürlich nicht angehalten. Die Debatte in den Medien ist sehr schnell abgeflaut. Das ist einerseits der normale Gang der Dinge. Es hängt aber auch damit zusammen, dass es eine gewisse Frustration gibt. Und die ist mit ausgelöst worden durch den Papstbesuch in Deutschland im September 2011. Viele Leute, die auf einen Aufbruch gehofft haben, dachten, der Papst könnte doch wenigstens den Dialogprozess in der deutschen katholischen Kirche kurz erwähnen. Und mindestens sagen, dass sich die Kirche in einer Krise befindet und ein echter Dialog geführt werden muss, um sie zu überwinden. Aber das tat er nicht.
Sie haben im Memorandum sechs Forderungen erhoben, keine einzige ist erfüllt worden. Was folgt für Sie daraus?
Gerhard Kruip: Dass das alles sofort umgesetzt würde, haben wir nicht erwartet. Wir haben erwartet, dass man ins Gespräch kommen kann. Solche Gespräche finden durchaus schon statt. Auf Diözesanebene, bei Veranstaltungen der katholischen Akademien. Wir waren in Pfarreien, kirchlichen Verbänden, beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Auch beim Mannheimer Auftakt zum Dialogprozess spielten die Themen des Memorandums eine große Rolle. Im September gibt es die Fortsetzung des Dialogprozesses in Hannover. Wir hoffen, dass dort das Gespräch intensiver und vor allem zielgerichteter verläuft.
Reicht das aus, einige wenige Male im Jahr einen Dialog zu führen?
Gerhard Kruip: Nein, es müsste sehr viel mehr passieren. Die Bischöfe in Deutschland sind sich in diesen Fragen oft nicht einig, hat man den Eindruck. Diejenigen unter ihnen, die auf Veränderungen hoffen, sind nicht mutig genug. Aus meiner Sicht wäre es ihre Verantwortung, die Anliegen der Gläubigen so ernst zu nehmen, dass sie selber öffentlich und innerkirchlich und gegenüber Rom für die notwendigen Veränderungen eintreten. Davon nimmt man zumindest nichts wahr. Das finde ich schade und ein Stück weit entmutigend.
Es gibt in Österreich den Aufruf zum Ungehorsam der Pfarrer-Initiative und jetzt die Dialoginitiative von »Wir sind Kirche«. Ist das ein Weg? Muss man ungehorsam sein?
Gerhard Kruip: Im Grunde findet dieser Ungehorsam tagtäglich schon statt. Auch in Deutschland. Viele Priester in den Gemeinden geben die Kommunion auch an wiederverheiratete Geschiedene. Sehr viele Priester, die eigentlich zum Zölibat verpflichtet sind, leben mit einer Partnerin oder einem Partner zusammen, um nur zwei Beispiele zu nennen.
Aber sie müssen das heimlich tun.
Gerhard Kruip: So heimlich, dass es trotzdem viele Menschen in der Gemeinde wissen. Und diejenigen, die es wissen, finden es nicht schlecht. Die österreichischen Pfarrer haben nur offen gesagt, was längst stattfindet.
Muss man sich nicht offen der Amtskirche entgegenstellen?
Gerhard Kruip: Es kann sein, dass man das tun muss. Ich bin aber nicht so sicher, ob das wirklich etwas bringt. Es hängt damit zusammen, dass man den Eindruck hat, dass sich in Rom gar nichts bewegt. Und dass man unter diesen Bedingungen Schlimmeres vermeiden kann, indem man die Normen unterläuft. Für die katholische Kirche ist das ein großer Nachteil, weil es sehr viel Glaubwürdigkeit kostet.
In wiefern?
Gerhard Kruip: Es ist eine Art von Doppelmoral. Es wird offiziell etwas verkündet, es wird aber inoffiziell toleriert, dass das nicht eingehalten wird. Wenn die Kirche konsequent alles sanktionieren würde, was an Verstößen gegen das Zölibatsgesetz oder das Sakramentenrecht durch die Priester passiert, dann würden nur sehr wenige von ihnen im Amt bleiben. In diesem faktisch praktizierten Ungehorsam liegen aber nur dann gewisse Chancen für eine Reform der Kirche, wenn sich auch die offiziellen Positionen verändern. Ich fürchte aber, dass noch allzu viele der Strategie vertrauen: Wir verändern lieber nicht die kirchlichen Regelungen, weil das einen massiven Konflikt mit Rom bedeuten würde. Sondern wir arrangieren uns irgendwie, halten an den Regeln fest, aber unterlaufen sie – eine Praxis, die übrigens in anderen Ländern noch verbreiteter ist als bei uns.
Könnte man nicht die Forderungen des Memorandums einfach erfüllen und darauf bauen, dass Rom nicht dagegen einschreitet? Es geht doch darum, eine Lawine ins Rollen zu bringen.
Gerhard Kruip: Vielleicht käme dadurch eine Lawine in Gang. Ich glaube aber, dass in unserer heutigen Gesellschaft der Wert der Authentizität eine ganz große Rolle spielt. Dazu gehört, nicht auf der einen Seite etwas zu propagieren und auf der anderen Seite etwas anderes zu tun. Es kann eine Institution auf Dauer nicht aushalten, dass es eine Diskrepanz gibt zwischen ihrer offiziellen Lehre und der tatsächlichen Praxis. Das kann vorübergehend notwengig sein, um Veränderungen herbeizuführen. Aber es wäre für die Kirche fatal, wenn das der Dauerzustand wäre. Für viele Leute wäre das ein scheinheiliges System. Deswegen wäre ich nicht damit zufrieden zu sagen: »Ich bin ungehorsam.« Ich möchte die kirchlichen Normen so verändern, dass der Ungehorsam kein Ungehorsam mehr ist. Wer kann denn heute noch mit guten Gründen dafür eintreten, dass man Menschen, deren erste Ehe gescheitert ist und die wieder heiraten, auf Dauer die Kommunion verweigert? Dafür gibt es keine guten Gründe. Man kann auch nicht Menschen, die homosexuelle Veranlagungen haben, die Ausübung ihrer Veranlagung verbieten. Das kann niemand nachvollziehen und ist aus moralischen Gründen nicht richtig, finde ich. Wenn wir Ungehorsam einfordern, dann in Gehorsam gegenüber unseren moralischen Normen, die wir für richtig halten.
Was können die Gläubigen tun, um diesen Prozess zu befördern?
Gerhard Kruip: Ich glaube, dass die Gläubigen sich ein Stück weit aus ihrer Autoritätsgläubigkeit freischwimmen müssen. Das ist wichtig und teilweise schon in Gang. Dann müssen sie gegenüber der Amtskirche ihre Position immer wieder deutlich machen, dafür werben und erklären, dass sie das nicht tun als Feinde der Kirche, sondern wollen, dass diese Kirche Zukunft hat. Das ist kein Verrat am Evangelium, sondern Treue zu ihm. Letztlich können wir nur darauf hoffen, dass in der Amtskirche ein entsprechender Bewusstseinswandel stattfindet.
Machen Demonstrationen wie in Augsburg Sinn?
Gerhard Kruip: Das macht Sinn. Das hat schon einen erschütternden symbolischen Wert, dass der Bischof seine Kirche zusperrt, wenn die Gläubigen für ihre Überzeugungen eintreten. Anstatt zu sagen, hier bin ich, ich spreche mit euch, was sind eure Anliegen? Er kann anderer Meinung sein, aber er sollte gesprächsbereit sein.
Reicht die Dialoginitiative der Bischöfe aus?
Gerhard Kruip: Auf lange Sicht nicht. Wir brauchen letztlich greifbare und verbindliche Ergebnisse. Wir brauchen für die anstehenden Prozesse klare Verfahrensregelungen, wie abgestimmt wird, wie Entscheidungen zustandekommen, wie festgestellt wird, welche Meinungen in einer Versammlung konsensfähig sind. Sonst bleibt das alles viel zu diffus. Die Hoffnung ist, dass wir über den Dialogprozess soweit kommen, dass verbindlichere Entscheidungsprozesse möglich werden. Er kann ein guter Anfang sein.
Was wird aus der Kirche, wenn sich nichts ändert?
Gerhard Kruip: Prognosen sind immer schwierig. Ich rechne damit, dass, wenn sich nichts ändert, sehr viele Menschen in der deutschen katholischen Kirche stärker als bisher in die innere Emigration gehen, von der Kirche nichts mehr erwarten, ihr Engagement einstellen oder sogar austreten. Es wird dann noch viel weniger als bisher gelingen, dass jüngere Generationen sich mit der Kirche identifizieren, in der Kirche groß werden, sich in ihr heimisch fühlen und dort engagieren. Wir werden einen enormen Einbruch kriegen beim Gottesdienstbesuch und beim ehrenamtlichen Engagement der Gläubigen. Bisher wird dieses Engagement noch sehr stark getragen von der Generation der heute 50 bis 70-Jährigen. Aber in 20 Jahren sind die dafür zu alt. Ob aber aus jüngeren Altersgruppen genügend nachkommen, das ist die Frage, wenn sich nichts ändert.
Die evangelische Kirche hat ähnliche Probleme wie die katholische. Was ist der Hintergrund der Glaubenskrise, die viele feststellen?
Gerhard Kruip: Individualisierung und Pluralisierung in der Gesellschaft führen dazu, dass Menschen in ihrer Identität, auch der religiösen, sich viel weniger an vorgegebenen Angeboten orientieren. Es entwickelt sich eine religiöse Patchwork-Identität mit sehr viel geringerer Kirchenbindung. Das hat im evangelischen Milieu früher begonnen als im katholischen. An sich gibt es aber keine Glaubenskrise in dem Sinne, dass sich die Menschen für Glaubensfragen nicht interessierten oder nicht Fragen stellen würden wie: Was wird aus mir nach meinem Tod? Was ist der Sinn meines Lebens? Offensichtlich gelingt es den Kirchen zu wenig, überzeugende Angebote zu machen. Dafür bräuchten wir aber mehr theologische Kreativität. Entscheidend scheint mir zu sein, dass die Bischöfe den »Orthodoxie-Druck« wegnehmen, den Druck, dass nur Dinge gesagt oder gelehrt werden dürfen, die hundertprozentig mit der etablierten Tradition übereinstimmen. Das hindert sehr am neuen Nachdenken. Wenn Leute Ideen haben, wie man theologische Sachverhalte besser erschließen kann, müsste man sich freuen und die ohne Vorbehalte diskutieren. Statt immer gleich zu fragen: Ist das noch katholisch? Das hindert viele Gläubige und Gemeinden am offenen Gespräch.
