Dieser Ausdruck entstammt der Darstellung Ihres Browsers. Schöner, weil komplett gestaltet, bekommen Sie den Text ausgedruckt mit einem Premium-Zugang, der noch weitere Vorteile hat. Infos dazu finden Sie unter http://www.publik-forum.de/premium.

»Die Gemeinde ist überholt«

Die Zukunft der Kirche liegt in der Unabhängigkeit von staatlichen Strukturen, meint der evangelische Theologe Wolfgang Nethöfel. Den Abschied von der Kirchensteuer und von der alten Gemeinde hält er für unabdingbar. Teil sechs der Publik-Forum Serie zur Kirchenreform
Die Kirchen müssen sich jetzt auf eine Zukunft ohne Kirchensteuer vorbereiten, meint der Marburger Theologe Wolfgang Nethöfel. (Foto:Privat)
Die Kirchen müssen sich jetzt auf eine Zukunft ohne Kirchensteuer vorbereiten, meint der Marburger Theologe Wolfgang Nethöfel. (Foto:Privat)

Margret Hillers, Frankfurt: Ich bin evangelische Christin und mit einem Katholiken verheiratet. Ich sehe Reformbemühungen in beiden Kirchen. Was können Mitglieder tun, um sie zu fördern?

Publik-Forum nimmt diese Frage einer Leserin zum Anlass, sich mit Aspekten der Reform in der katholischen wie der evangelischen Kirche auseinanderzusetzen. Im sechsten Teil der Serie zur Kirchenreform fordert der Marburger evangelische Theologe Wolfgang Nethöfel grundlegende Reformen in der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD).

Herr Nethöfel, hat die Kirche eine Zukunft angesichts sinkender Mitgliederzahlen, zurückgehender Kirchensteuer und einer wachsenden Individualisierung in der Gesellschaft?

Wolfgang Nethöfel: Die Kirchen sind in einer einmaligen Situation. Noch haben wir in Deutschland eine Versorgungsdichte wie sie nirgendwo sonst auf der Welt existiert. Sie ist auch einmalig in unserer Geschichte. Aber das wird nicht so bleiben. Wie sich die protestantische Kirche entwickeln könnte, ist derzeit in Skandinavien zu beobachten, wo Kirche und Staat noch enger verbunden sind, als wir es in Deutschland kennen. Die Kirchen dort bauen gerade ihre Privilegien ab mit dem Ziel, ihre kirchliche Identität zu bewahren. Die evangelische Kirche in Holland zeigt hingegen, wie es nicht laufen sollte. Sie ist in den letzten 30 Jahren zu einer marginalen Kirche geworden. Das ist das Reformspektrum, in dem sich die evangelische Kirche in Deutschland bewegt.

Sie meinen, die Kirchensteuer wird hierzulande verschwinden?

Wolfgang Nethöfel: Die durch die Kirchensteuer finanzierte Gemeinde wird es mit Sicherheit irgendwann nicht mehr geben. Die Frage ist nur wann.

Warum sollte die Kirchensteuer aufgegeben werden?

Wolfgang Nethöfel: Ich wünsche mir den Wegfall nicht. Aber ich meine, es ist klug, sich durch Reformen auch darauf vorzubereiten. Wenn man sich das Parteienspektrum anschaut, werden Koalitionen immer wahrscheinlicher, in denen sich die Partner wenigstens darin einig sind, dass sie gegen die Kirchensteuer sind. In der SPD gibt es entsprechende Stimmen, die sind allerdings in der Minderheit. Ein starker liberaler Flügel in der FDP ist für die Abschaffung der Steuer. Bei den Grünen, den Linken und bei den Piraten ist diese Position ebenfalls in den Gründungstraditionen verwurzelt.

Anzeige

Das neue Publik-Forum Dossier: Landraub

Land ist in den vergangenen Jahren zu einer begehrten Ressource geworden. Wenn Großinvestoren ihr Land aufkaufen, muss die lokale Bevölkerung oft weichen. / mehr

Man kann es sich kaum vorstellen, wie die Kirchen ohne diese Mittel existieren könnten.

Wolfgang Nethöfel: Das kann man sich schon vorstellen. Denn das gibt es bereits. Wenn man sich die großen Freikirchen ansieht, die Baptisten etwa oder die Methodisten. Es ist ein Mythos, dass die bloß in Gemeinden zerfallen. Sie haben einen abgesicherten Apparat von Hauptamtlichen und übergemeindliche Strukturen. Oder man sehe sich die anglikanische Kirche an, die in vielem vormacht, wie man unabhängig sein kann von staatlichen Finanzierungsstrukturen. Dass große Kirchenorganisationen überleben und überregionale Strukturen ausbilden können, sehen wir auch in den USA. Die Volkskirchen müssten ihre Ressourcen jetzt dafür nutzen, sich auf diese Zukunft vorzubereiten. Sonst droht in der Tat ein großer Verlust: etwa an professioneller Lobbyarbeit für die, die sonst keine Stimme haben, und für Zukunftsthemen wie Nachhaltigkeit. Beide Kirchen haben allerdings keine Vision für die Zeit nach der Kirchensteuer: wir können ja auch klarer, deutlicher und glaubwürdiger werden.

Was würde das für das Gemeindeleben bedeuten?

Wolfgang Nethöfel: Wir müssen ein anderes Verständnis der Ämter bekommen. Eine stärkere Partizipation der Laien, eine Stärkung des Ehrenamtes. In der evangelischen Kirche ist das teilweise bereits Programm.

Wie kann Kirchenreform unter diesen Bedingungen aussehen?

Wolfgang Nethöfel: Es gibt zum Beispiel das Braunschweiger Modell der »Flexiblen Kirche im Quartier«. Dabei kooperieren mehrere Gemeinden in einem gemeindeübergreifenden Stadtviertel. Nicht jede Kirchengemeinde soll mehr alles anbieten, die Gemeindegrenzen dürfen durchlässig werden. Die Kirche muss lernen, ihre auf die traditionale Gemeindegrenzen bezogene Logik zu überwinden. Sie muss sich also quasi neu erfinden und anfangen, ihren Stadtraum völlig neu zu entdecken. Es geht letztlich darum, näher bei den Menschen zu sein, die uns brauchen. Ob sie nun zu uns gehören oder nicht.

Die Kirche muss also eine Analyse machen, welche Angebote sinnvoll sind?

Kommentare
Der Kommentierungszeitraum für diesen Artikel ist abgelaufen, daher können Sie ihn leider nicht mehr kommentieren.