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Warum »Bild« Christian Wulff fallen ließ

Was geschah wirklich zwischen der Bild-Zeitung und dem früheren Bundespräsidenten? Fragen an den Journalisten und Medienwissenschaftler Wolfgang Storz, der die Rolle des Boulevardblattes beim Aufstieg und Fall Wulffs untersuchte
von Eva-Maria Lerch vom 15.05.2012
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Ein geplatzter Deal: Bild hat Christian Wulff lange gefördert und dann die beiderseitige Geschäftsbeziehung abrupt aufgelöst, sagt der Medienwissenschaftler Wolfgang Storz (Foto: Oeser)
Ein geplatzter Deal: Bild hat Christian Wulff lange gefördert und dann die beiderseitige Geschäftsbeziehung abrupt aufgelöst, sagt der Medienwissenschaftler Wolfgang Storz (Foto: Oeser)

? Die Bildzeitung hat für ihre Recherchen im Fall Wulff den »Henri-Nannen-Preis« bekommen. Die Süddeutsche Zeitung, die ebenfalls prämiert werden sollte, hat den Preis deshalb abgelehnt. Verdient die Bild den renommierten Journalistenpreis?

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! Der Henri-Nannen-Preis für Bild beschädigt den deutschen Qualitätsjournalismus. Eigentlich dürfte die Bild für solche Journalistenpreise gar nicht zugelassen sein. Weil sie gar nicht wie eine Zeitung arbeitet.

? Was für ein Medium ist die Bild denn dann?

! Bild ist so etwas wie ein kommunikativer Hybrid aus Journalismus, politischem Akteur, PR-Agentur für ausgesuchte Personen und Event-Marketing in eigener Sache. Sie bedient sich aus all diesen Gattungen, ändert ihre Rolle je nach Situation und hält sich an keine Regeln. Sie will vom journalistischen Nimbus profitieren, ohne die harten Pflichten zu erfüllen.

? Sie haben die Rolle, die Bild beim Aufstieg und Fall von Christian Wulff gespielt hat, untersucht und - gemeinsam mit Ihrem Kollegen Hans-Jürgen Arlt - eine Studie dazu vorgelegt. Darin kommen Sie zu dem Schluss, dass Bild und Wulff »ziemlich beste Partner« waren, und charakterisieren die Affäre als »einseitig aufgelöste Geschäftsbeziehung«. Was ist da abgelaufen?

! Bis Dezember 2011 wurde Christian Wulff von der Bild glorifiziert und als Marke aufgebaut. Die Bild bekam dafür exklusive Zugänge und Informationen aus seinem politischen und privaten Umfeld. Das war kein normaler Kontakt zwischen einem Politiker und einer Zeitung, sondern eine Geschäftsbeziehung.

? Als der umstrittene Hauskredit von Wulff ruchbar wurde, hat Bild aber sauber recherchiert und informiert.

! Ja, aber nicht aus journalistischen Motiven, sondern weil sie die Getriebene war! Die Redaktion wusste, dass Spiegel und Stern an der Sache mit dem Hauskredit dran waren. Wenn Wulff, der von ihr so hochstilisiert wurde, nun von anderen Medien demontiert worden wäre, wäre auch Bild in kurzen Hosen dagestanden. Also ließ sie Wulff fallen wie eine heiße Kartoffel und demontierte ihn selbst. Vor diesem Hintergrund ist auch die vieldiskutierte Nachricht von Christian Wulff auf der Mailbox von Chefredakteur Kai Diekmann zu verstehen. Das war kein Angriff auf die Pressefreiheit, wie Bild es dann verkauft hat. Sondern eher die verunsicherte Nachfrage eines Geschäftspartners, der nicht weiß, dass der Deal schon geplatzt ist. Leider haben sich da auch große Zeitungen von Bild instrumentalisieren lassen und deren Version verbreitet.

? Die Bild verliert seit Jahren massiv an Auflage, woran liegt das?

! Das hat vor allem mit der Privatisierung von Funk und Fernsehen zu tun. Die neuen Medien berichten ausführlich über Verbrechen, High-Society und Starlets, was früher das Alleinstellungsmerkmal der Bild war.

? Soll man Bild bewusst boykottieren, wenn sie am 23. Juni jeden Haushalt mit einem Exemplar beschicken will?

! Nein. Man kann sie ruhig mal in die Hand nehmen und lesen, wenn sie nun mal da ist. Ich warne nur davor, die Artikel ernst zu nehmen.

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Personalaudioinformationstext:   Wolfgang Storz ist Publizist, Medienwissenschaftler und Lehrbeauftragter an der Uni Kassel. Bis 2006 war er Chefredakteur der Frankfurter Rundschau.
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