Bradley Manning: Held oder Verbrecher?

Für ein Land, dass sich mit dem vermeintlich besten militärjuristischen System der Welt brüstet, sollte der Fall des Obergefreiten Bradley Manning ein Schandfleck sein. In Abu Ghraib und dem Militärgefängnis Guantanamo wäre es dem mutmaßlichen Wikileaks-Informanten zwar sicher noch übler ergangen. Doch Bradley Mannings Haftbedingungen im Marinestützpunkt Quantico im Bundesstaat Virginia waren so alarmierend, dass sich Amnesty International und der UN Sonderberichtserstatter für Folter einschalteten. Unter zunehmendem Druck des internationalen »Bradley Manning Support Network« wurde der Gefangene dann im Frühjahr 2011 ins Militärgefängnis Fort Leavenworth in Kansas verlegt.
Nach 19 Monaten Haft hat nun endlich das Militärstrafverfahren begonnen. Seit dem 16. Dezember steht der 24-jährige Spezialist für nachrichtendienstliche Analyse auf dem Stützpunkt Fort Meade - vor den Toren Washingtons - in einem ersten Anhörungsverfahren vor Gericht. Dieses Hearing soll feststellen, ob die Manning zur Last gelegten Vergehen ein volles Kriegsgerichtsverfahren rechtfertigen.
Bradley Manning soll der Internet-Plattform Wikileaks eine viertel Million diplomatischer Depeschen, das berüchtigte Video »Collateral Damage« und Zehnttausende von Dokumenten zum Krieg im Irak und Afghanistan zugespielt haben. Die Anklageliste umfasst 22 Punkte.
Am schwersten wiegt der Vorwurf der Feindesunterstützung. Darauf steht die Todesstrafe. Doch die Anklage hat wissen lassen, dass sie davon keinen Gebrauch machen wird. Wenn es Bradley Mannings Anwälten nicht gelingt, die Stichhaltigkeit der Anschuldigungen zu erschüttern, droht ihrem Mandanten ein Leben hinter Gittern.
Spürhunde suchen nach Sprengstoff...
Das dem Hauptprozess vorausgehende Anhörungsverfahren beginnt unter bizarren Sicherheitsbedingungen. Sprengstoff suchende Hunde beschnüffeln die Autos von Journalisten. Im spartanisch eingerichteten Mini-Gerichtsraum quetschen sich fünfzig Journalisten, die auf ihre Elektronik verzichten müssen. In der »public gallery« sitzen vierzig Unterstützer, die zu schweigen haben. Und im zugeschalteten fensterlosen Pressezentrum wird das WLAN-Netz abgeschaltet, sobald das Gericht zu tagen beginnt.
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Bradley Manning erscheint kurz geschoren, mit Brille und im Tarnanzug. Er macht sich Notizen und beantwortet die Frage des Ermittlungsrichters Paul Almanza, ob er die Art der Anschuldigungen gegen ihn verstehe mit ruhiger Stimme: »Yes, Sir.«
Sein ziviler Anwalt, David Coombs, versucht das Verfahren abzuwürgen, bevor es richtig beginnt. Er stellt einen Befangenheitsantrag gegen Richter Almanza, weil der im Zivilleben für das Justizministerium arbeite. Also für genau die Behörde, die separat gegen den Wikileaks-Gründer Julian Assange ermittelt. Anwalt Coombs sieht da einen Interessenkonflikt: »Das Justizministerium hätte hier gerne ein Schuldeingeständnis im Tausch gegen Strafmilderung und würde meinen Klienten dann als Zeugen gegen Assange und Wikileaks anführen.« Als befangen kritisiert Mannings Anwalt den Richter auch, weil Almanza nur zwei der 38 von Coombs geladenen Zeugen erlaube, der Anklage aber zehn Zeugen zubillige. Doch Coombs Befangenheitsantrag wird abgelehnt.
Den ersten Verhandlungstag kennzeichnen ständige Unterbrechungen. Wann immer sich das Gericht zurückzieht, verlassen auch Bradley Manning und seine drei Anwälte - ein ziviler und zwei Militäranwälte - den Raum. Dann können die Journalisten ihre Tweets verschicken. Am zweiten Verhandlungstag, Mannings 24. Geburtstag, werden endlich Zeugen vernommen. Das ist nicht so einfach, denn eine Zeugin der Verteidigung ruft per Handy aus Hawai an und ist im Gerichtssaal akustisch nicht zu verstehen. Sehr professionell wirkt das Verfahren in diesem Moment nicht.
Mannings Militäranwalt fährt eine zweifelhafte Strategie...
Mannings Militäranwalt Matthew Kemkes versucht die emotionalen Probleme des Angeklagten in den Vordergrund zu rücken. Bradley Manning sei in seiner Einheit als homosexueller Einzelgänger bekannt gewesen. Er habe keine Freunde gehabt. Sein Wunsch, zur Frau zu werden, habe ihn in Konflikt mit der Welt des Militärs gebracht. Niemals hätten seine Vorgesetzten ihm Zugang zum geheimen SIPRNet geben dürfen, wo er die geheimen Dokumente des Außen- und Verteidigungsministeriums abrufen konnte.


