»Hi Mom! I´m an Atheist!«
Atheisten sind im christlich bewegten Amerika des Teufels. Nicht gesellschaftsfähig. Sie sind so unbeliebt, dass sie nicht den Pfadfindern beitreten dürfen. Heiraten und wählen will sie angeblich auch keiner. Atheisten gelten - wie die Soziologen Gregory Paul und Phil Zuckerman herausgefunden haben - als unmoralisch, zornig und bösartig. Doch dieses diskriminierende Stereotyp soll nun beerdigt werden.
Gesponsert von rund zwei Dutzend atheistischen, säkularen und humanistischen Organisationen trafen sich jüngst auf der Mall in Washington an die 25 000 fröhliche Ungläubige zur Reason Rally, zur »Kundgebung der Vernunft«, dem größten Säkularisten-Event der Geschichte. Beim Woodstock der Atheisten schwangen sie ihre Schilder und zeigten ihre T-Shirts: »Hi Mom! I’m an Atheist!«…. »Smile, there is no hell!«… »Good without God«.
»Wir sind viele, wir sind überall - und wir werden mehr«
»Dies ist die größte Coming-Out-Party für die am schnellsten wachsende religiöse Gruppierung, der USA« begrüßte David P. Silverman, Vorsitzender der American Atheists, die Menge. »Wir sind viele, wir sind überall und wir werden mehr.«
Das ist kein Wunschdenken. Nach einer Umfrage des maßgeblichen American Religious Identification Survey bezeichnen sich heute rund 34 Millionen Amerikaner(15%) als nicht gläubig. Das macht sie nach Katholiken und Baptisten zur drittstärksten Gruppe.
Silverman hofft, dass die Reason Rally Amerika einen Impuls geben wird, sich aus dem Würgegriff der organisierten Religion zu befreien .Er forderte »null Toleranz« gegenüber denjenigen, die Atheisten beleidigen und ihre Grundsätze nicht anerkennen. Großen Beifall erhielt auch die Journalistin Jamila Bey, der aufgrund ihrer atheistischen Einstellung von ihrem christlichen Arbeitgeber gekündigt worden war: »Unsere Kämpfe sind Kämpfe, die Homosexuelle, Frauen und Farbige gewonnen haben. Wir können nicht länger schweigen.«
Haben Christen »lächerliche Glaubensvorstellungen«? Richard Dawkins meint: Ja!
Hauptredner der Reason Rally war erwartungsgemäß der Wissenschaftler und Autor Richard Dawkins. Er begann mit einem Loblied auf die amerikanische Verfassung - in der die auf Vernunft bauenden Gründungsväter einst die strikte Trennung von Staat und Religion niederlegten . Und er endete mit dem Aufruf, die religiösen Bekundungen anderer nicht zu respektieren, sondern sich über ihre »lächerlichen« Glaubensvorstellungen wie zum Beispiel die Transsubstantiation lustig zu machen. Der Beifall klang an dieser Stelle etwas dünn. Hohn und Spott für Gläubige? Wirklich? Auge um Auge, Zahn um Zahn? Viele hatten da offenbar doch ihre Zweifel.
Sich als Atheist in einem christlich fundamentalistisch verkrampften Land wie Amerika zu outen, ist kein Pappenstiel. Doch die Coming-out-Party war ein großer Erfolg und gilt schon als Meilenstein und Wendepunkt. Nach der Reason Rally braucht sich niemand mehr zu verstecken. Auch das Timing der Veranstaltung war exzellent. Es sieht so aus, als hätten die schwer verdaulichen Christen des laufenden republikanischen Wahlkampfs Amerikas Atheisten ganz ungewollt gesellschaftsfähig gemacht.
