Dieser Ausdruck entstammt der Darstellung Ihres Browsers. Schöner, weil komplett gestaltet, bekommen Sie den Text ausgedruckt mit einem Premium-Zugang, der noch weitere Vorteile hat. Infos dazu finden Sie unter http://www.publik-forum.de/premium.

Islam-Debatte: Gaucks GAU

Würdig, mutig, diplomatisch: Joachim Gauck gilt vielen als idealer Bundespräsident. Auf der politischen Bühne sollte er den Skandal um seinen Vorgänger Christian Wulff schnell vergessen machen. Doch nun hat sich Gauck vergriffen - mit seiner Spitze gegen den Islam
Bundespräsident Joachim Gauck: Kein krisenfestes Verhältnis zum Islam. (Foto: pa/Hoppe)
Bundespräsident Joachim Gauck: Kein krisenfestes Verhältnis zum Islam. (Foto: pa/Hoppe)

Kann ein Bundespräsident einfach alles richtig machen? Bislang hatte es bei Joachim Gauck den Anschein. Seine Auftritte im In- und Ausland: elegant, intelligent und würdig. Seine Worte: wohlgesetzt und diplomatisch. Umso mehr schreckte er nun die Öffentlichkeit mit Sätzen auf, die den einzig berühmt gewordenen Satz seines Vorgängers Christian Wulff attackieren.

Wulff hatte einst für die Muslime im Land eine Lanze gebrochen, indem er in einer prominenten Rede formulierte: »Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland, das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland - aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.« Die anschließende Debatte im Land hatte gezeigt, wie wenig selbstverständlich vielen die Anwesenheit von Menschen scheint, die sich zum Islam als Religion bekennen, wie sehr viele Nicht-Muslime noch immer auf angstvolle Distanz zu Muslimen gehen. Gerade deshalb war der Anstoß Wulffs von großer Wichtigkeit gewesen.

Und nun das: Gauck kritisiert Wulffs Denken in diesem Punkt in einem Interview mit der Wochenzeitung »Die Zeit«. Der Islam gehöre nicht zu Deutschland, findet Joachim Gauck: »Ich hätte einfach gesagt, die Muslime, die hier leben, gehören zu Deutschland.« Der Islam aber habe weder Europa geprägt noch habe er die Aufklärung oder eine Reformation durchlebt.

Anzeige

Das neue Publik-Forum Dossier: Landraub

Land ist in den vergangenen Jahren zu einer begehrten Ressource geworden. Wenn Großinvestoren ihr Land aufkaufen, muss die lokale Bevölkerung oft weichen. / mehr

Wie sehr sich doch ein evangelischer Pfarrer irren kann! Er selbst hat die Aufklärung offenbar in Teilen vergessen. Sonst würde er sich beispielsweise daran erinnern, dass sie Menschen für den Erwerb neuen Wissens so sehr begeisterte, dass ein Mann wie Friedrich Rückert, Dichter und Begründer der deutschen Orientalistik, Jahre später in romantischer Inspiration den Koran übersetzte - in einer poetischen, bis heute unerreichten Sprache. Mit seiner Liebe zur orientalischen Welt - eine Welt, die übrigens schon lange vor der europäischen Aufklärung ein europäisches Land wie Spanien entscheidend geprägt hatte - begeisterte er intellektuelle Zirkel, Forscher, Reisende und Dichter. Spätestens seit seiner Zeit ist der Islam ein religiöses, kulturelles und politisches Thema in Deutschland. Hier hat er Berührung mit der Aufklärung und den darauf folgenden Entwicklungen. Und an anderen Orten der Welt ist diese Berührung wiederum punktuell verarbeitet und im eigenen Kontext weitergedacht worden: an den Universitäten des Morgenlandes, unter seinen Dichtern, Künstlerinnen und Künstlern.

Aber Gauck hat nicht nur historisch unrecht. Viel schlimmer ist, dass er der Gegenwart ein falsches Signal gibt. Muslime: Ja! Islam: Nein? Wie soll das gehen? Dahinter steckt ein gesellschaftliches Konzept, das von Übel ist und leider seit den 1960 Jahren, in denen vermehrt Musliminnen und Muslime ins Land kamen, sehr häufig zum Ideal erklärt wird: Die Muslime dürfen bleiben, wenn sie sich von ihrer Religion distanzieren. Wenn sie »Selbst-Integration« in die deutsche Gesellschaft betreiben, indem sie sie in »Assimilation« übersetzen. Ein guter Muslim ist dann einer, dem man sein Muslim-Sein so gar nicht mehr anmerkt. Es ist schockierend, dass die Wiederholung dieses Konzeptes von einem evangelischen Theologen propagiert wird, der seinen politischen Widerstandsgeist in DDR-Zeiten aus seinem Christsein erklärt. Und es ist traurig, dass Gauck sich nicht an eine alte Regel erinnert: Wer ausgegrenzt wird, steht in der Gefahr, sich dann auch selbst auszugrenzen. Auf diese Weise kann der Islam als Religion in Deutschland keine offene theologische und gesellschaftliche Entwicklung nehmen.

Herr Bundespräsident, bitte holen Sie etwas Aufklärung nach! Akzeptieren Sie die Realität einer multireligiösen deutschen Gegenwart. Und geben Sie dann noch mal ein neues Interview.

Kommentare
Der Kommentierungszeitraum für diesen Artikel ist abgelaufen, daher können Sie ihn leider nicht mehr kommentieren.
Wolfgang Lenk
29.08.201218:05
Ja, der Islam gehört nicht zu Deutschland, so wenig, wie der Kaffee, den viele Deutsche mehrfach täglich trinken - der wurde ja durch die Türkenkriege nach Mitteleuropa gebracht; so wenig, wie die arabischen Ziffern, die griechische Philosophie, Astronomie und Medizin - die wurden ja nicht im römischen Reich und der westlichen Kirche, sondern in der Islamischen Welt aufgenommen, weiterentwickelt und durch die Kreuzzüge in das Abendland gebracht und lösten hier eine Blütezeit hochmittelalterlicher Kultur und Theologie - die Scholastik - aus. Vielleicht sollten wir doch besser in römischen Ziffern rechnen? Aber nein, die sind ja auch nicht deutsch - also besser mit Runenzeichen! Vielleicht sollten wir auch wieder den Song der Nachkriegszeit singen - er muss ja nicht gleich die Nationalhymne ersetzen: "C.A.F.F.E.E, trink nicht so viel Kaffee! Nicht für Kinder ist der Türkentrank, ... Sei doch kein Muselmann, der das nicht lassen kann!"
Heinz Pütter
29.08.201218:05
Die größten geistigen Meister betrachteten die Menschheit als eine Familie Gottes und liebten alle im gleichen Maße. Das Universum ist meine Heimat; alle Wesen sind meine Brüder und Schwestern; unser Vater und Mutter ist Gott. Alle großen Meister sprechen von universeller Bruderschaft und fordern uns auf, die Hindernisse auf dem Weg zu beseitigen. Christus gebot, alle Menschen zu lieben. Er sagte: Das Himmelreich ist in euch. Gott nannte Er Vater im Himmel und erklärte: Ich und mein Vater sind eins. Kann es in dieser Einheit Namen und Formen geben? Nein. Dort gibt es nur noch reinen Geist. Die befreite Seele weiß, dass sie nicht der Körper ist, sondern dieser alles durchdringende Geist. Alle großen Meister haben dieselbe Wirklichkeit verwirklicht. Es gibt daher keinen Unterschied zwischen den einzelnen Lehren. Es wahren ihre Anhänger, die um diese Lehren herum Religionsgebäude aufrichteten: http://www.facebook.com/pages/Neturei-Karta/189498664505021
Gunhild Seyfert
29.08.201218:05
Wie sollen die Muslime, denen Sie sagen, sie gehörten hierher, in Deutschland eigentlich leben, Herr Bundespräsident? Kopflos, geistlos, ohne Möglichkeiten, die Religion, über die sie definiert werden, in ihrer Lebenswelt zu gestalten? Besuchen Sie eine der vielen Moscheen in Deutschland, gehen Sie in die Grundschulen, wo heute oft über die Hälfte der Schüler muslimischen Glaubens sind, lassen Sie sich aufklären von fruchtbarem interreligiösen Dialog. Über die Etablierung des Islam in eigenen Studiengängen an fünf deutschen Uni-Standorten wurde in vielen Medien ausführlich berichtet. Bekenntnisorientierter islamischer Religionsunterricht wird in den Bundesländern flächendeckend eingeführt. Spätestens damit ist der Islam in Deutschland angekommen. Unterstützen Sie solche Entwicklungen anstatt altbackene Interviews zu geben, die das ängstliche Bürgertum und der Stammtisch goutieren.
Paul Haverkamp
29.08.201218:05
Vielen Dank, liebe Frau Baas, für Ihre aus dem Geist der Aufklärung formulierten Klarstellungen gegenüber Herrn Gauck. In der Tat sollte Herr Gauck sich noch einmal von seinem Beraterteam den Einfluss und die Bedeutung des Islam für die europäische Geistesgeschichte erklären lassen. Für interessierte Leser möchte ich an dieser Stelle nur einen dazu passenden Link einstellen: http://www.zeit.de/2011/25/Al-Andalus