Amerika killt seine Kinder
Warum hat Amerika Waffengesetze, die Massenmörder zum Durchladen geradezu einladen? Nach bald vierzig Jahren im »land of the brave and home of the free« kenne ich die Niederungen der herrschenden Waffenkultur: »Guns don’t kill – people kill«, argumentiert die National Rifle Association (NRA), die Waffenlobby der US-Amerikaner. Und seit Billy the Kid und Wyatt Earp weiß ich um die historische Verbundenheit mit der Feuerwaffe. Doch welcher Film da in der amerikanischen Psyche abläuft, kann ich immer noch nicht nachvollziehen.
Die Gefühle sind mir fremd, die Zahlen sind absurd, und die Fakten ergeben keinen Sinn. Sie sprechen stattdessen für Wahnsinn: In den USA gibt es mehr als 310 Millionen Waffen im Privatbesitz. Alle zwanzig Minuten stirbt ein Mensch an einer Schussverletzung. Es ist schwieriger, einen Hund zu adoptieren als eine Waffe zu kaufen. Kein anderes zivilisiertes Land hat eine vergleichbare Vielfalt von Gesetzen, die dem Bürger das Recht geben, Waffen zu besitzen: Schnellfeuergewehre. Maschinenpistolen. Die neueste Sig Sauer oder Glock. Hundert-Patronen-Magazine.
Dass diese Mordwaffen so gut wie ungestört in den »American way of life and death« einfließen konnten, liegt nicht nur an der allmächtigen Waffenlobby, die sowohl den x Milliardenschweren Waffenmarkt als auch die Politiker beider Parteien fest im Griff hat. Verantwortlich ist auch die innere Haltung, der »mind set« der Amerikaner, der Waffen grundsätzlich positiv sieht. Das heißt zum Beispiel, dass Kinder lernen, was ihnen die Großen beibringen: dass Waffen uns schützen – vor den »bad guys«. Ihnen wird eingetrichtert: »Wir brauchen keine Angst mehr zu haben; wir können wir uns ja verteidigen. Eine Waffe gibt uns Sicherheit. Vor dem Angreifer, dem Räuber, dem Eindringling, dem Vergewaltiger, dem Ausländer, dem Drogenabhängigen, dem Terroristen.«
Waffenträger rangieren ganz oben in der nationalen Wertschätzung. Niemand kann dem Militär das Wasser reichen. US-Soldaten sind die ewigen Helden der Nation. Erfolgreichster Rekrutierungsslogan des Pentagon: »An Army of One.« Soll heißen: Ein Einziger hat die Gewalt einer Killermaschine.
Mit dem Angst- und Sicherheitsfaktor wird auch auf nationaler Ebene operiert. Kein Bedrohungsszenario wird da ausgelassen. Um die Achsen des Bösen kreisen immer wieder neue Hitlers. Irakische, iranische, syrische oder nordkoreanische »bad guys«. Sie besitzen vielleicht, bestimmt, wahrscheinlich Massenvernichtungswaffen, die Amerika bedrohen. Und nur ein resoluter Waffengang kann die nationale Sicherheit bewahren. »War is peace«: Also sprach schon George Orwell in der Animal Farm.
Viele Amerikaner haben die dreisten zeitgenössischen Gehirnwaschanlagen lange erkannt. Doch sich ihnen zu entziehen im nach rechts gedrifteten Amerika von heute ist ein enorm schwieriger Prozess.
Die zwanzig ermordeten Erstklässler an der Sandy Hook Grundschule könnten diesen Prozess vielleicht in Gang gesetzt haben. Obama zeigt sich willig, seinen Worten in Newtown Taten folgen zu lassen. Selbst im Kongress scheint es endlich eine Bereitschaft zu strafferen Gesetzen zu geben. Bürgerpetitionen zeigen Rekordzahlen, und am Montag – also am Heiligen Abend – wird auch Occupy the NRA richtig mobil machen. Eine Informationskampagne auf Facebook läuft schon. Direkte Vor-Ort-Protestaktionen gegen die Waffenlobby sind geplant.
